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Begleitstörungen

Bessel van der Kolk

Verkörperter Schrecken

Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann
(Originaltitel: “The Body keeps the Score” – Brain, Mind and Body in the Healing of Trauma)

ISBN: 978-3944476131
Verlag: G.P. Probst Verlag, Lichtenau
Preis: 36,00 €

 

Man kann sich fragen, was das Thema Post-Traumatische Belastungs-Störung in der AD(H)S-Selbsthilfe verloren hat. Es gibt mehrere gute Gründe dafür:

Die Veranlagung zum AD(H)S bedingt ein erhöhtes Risiko eine PTBS zu entwickeln, zum einen wegen der besonderen Struktur des Gehirns, zum anderen wegen des Hanges, sich Risiken auszusetzen. Zudem wachsen Kinder mit AD(H)S öfter als andere in schwierigen Verhältnissen auf. Das ist noch nicht alles! Eine PTBS wegen Vernachlässigung oder Misshandlung im frühen Kindesalter führt zu dauernden Veränderungen im Gehirn, die denen bei einem AD(H)S weitgehend gleichen oder ein vorhandenes verstärken; auch für Schulkinder gilt das noch. Das ist der Grund, warum Methylphenidat als Medikament bei AD(H)S im Kindesalter so wertvoll ist. Es verbessert die Sozialkompetenz dieser psychosozial unreifen Kinder so weit, dass der Mobbingdruck sinkt und Folgeschäden im Sinne eines PTBS idealerweise verhindert werden. So viel zum Verschreibungsgrund! Die hoffentlich höhere schulische Leistung ist lediglich ein Nebeneffekt. Im Erwachsenenalter ist das ganz anders, besonders bei einer Kombination von PTBS und AD(H)S. Warum, das kann man beim Lesen im besprochenen Buch ahnen: Die nächtlichen und zu jeder beliebigen Tageszeit auftretenden Erregungszustände des PTBS lassen sich schwerlich mit einem nur wenige Stunden wirkenden Medikament in den Griff bekommen, umso weniger, als es die Balance des vegetativen Nervensystems durcheinander wirft. Erwachsene können das weit schlechter als Kinder vertragen. Kurz und gut, das Wissen über die Mechanismen einer PTBS ist unverzichtbar, wenn man sich mit AD(H)S beschäftigt.

Ich habe über die Jahre nichts Gescheites über die Form der Post-Traumatischen-Belastungs-Störung gefunden, unter der ich wie viele Andere neben meinem ADHS leide. So hatte ich mich bereits entschlossen, selber etwas zu schreiben. Bei der Recherche bin ich dann auf „Verkörperter Schrecken“ getroffen, im Original „The Body keeps the Score“. Der Autor - Bessel van der Kolk - Institutsleiter an  der Harvard Universität und ist der Pabst der amerikanischen Traumaforschung. Ich war und bin begeistert! Endlich gibt es nun also ein fundiertes, lesbares, umfassendes und mitfühlend verfasstes Buch aus der Mitte der Forschung,  was unter Nutzung der Neurobiologie hilft, den einzelnen Kranken zu verstehen und zu schätzen. So sollte Psychiatrie sein.

Siehe da: Nicht nur, dass ich mich und den Lebenslauf vieler Erwachsener mit AD(H)S wiederfinde, auch das Verzweifeln an den üblichen Rezepten der Psychiatrie findet sich wieder. Die vorgeschlagenen Hilfsmaßnahmen gleichen denen, die ich (ohne Institut im Rücken vergeblich) versuchte,  zu etablieren. Die Ideen sind, den Geist über den Körper zu erreichen und den Menschen mit Spiel und Geselligkeit neu aufzubauen, ihn wieder stolz zu machen. Auch van der Kolks Sicht auf die aus naturwissenschaftlichem Blick desolate Diagnostik in der Psychiatrie ist zukunftsweisend.

„Verkörperter Schrecken“ ist absolut lesenswert und, da ohne akademischen Dünkel geschrieben, auch lesbar! Mein Buchprojekt hat sich damit erledigt. Wenn ich vor zwei Jahren damit begonnen hätte, würde ich mich nur über die vergebliche Arbeit geärgert haben. Herr van der Kolk kam, was das angeht, zur rechten Zeit. Mit seinem großen Stab an Mitarbeitern und seinen Kontakten hat er zudem Möglichkeiten, von denen ich nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Er nutzt seine Mittel gut!

Schwächen habe ich allerdings auch gefunden. Es gibt nicht nur „Trauma“, sondern auch zur psychischen Krankheit disponierende genetische Faktoren, was weggewischt wird, aber ebenfalls z.B. zu AD(H)S, Autismus etc. beiträgt. Auch gibt es Psychosen im eigentlichen Sinn des Wortes (früher hätte man „idiopathisch“ gesagt), ganz ohne Trauma, was fast unter den Tisch fällt. Eine weitere, allerdings dem Forschungsstand geschuldete Schwäche ist das unzureichende „differentialdiagnostische Inventar“ - zu Deutsch: an welchen Zeichen  erkenne ich, woran dieser Mensch nun genau leidet?  Wie man, speziell unter Zeitdruck, zu einer guten Diagnose kommt, bleibt unklar. In Harvard sind die Bedingungen diesbezüglich sicherlich besser als in den Niederungen der Regelversorgung.

 

Walter Beerwerth

neue AKZENTE Nr. 103, 1/2016

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