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Medien und Sonstiges

Thomas Bergner

Endlich ausgebrannt!

Die etwas andere Burnout-Prophylaxe

ISBN: 978-3794529322
Verlag: Schattauer GmbH Stuttgart (12.06.2013)
Preis:  16,99 € Broschiert

Fast 200 Seiten Lektüre erwarten den Leser. Ein Taschenbuch zu angemessenem Preis, in guter Schrift- und Seitengestaltung. Der Autor arbeitet großzügig mit Absätzen und  Aufzählungen im Text, was eine gewisse Übersicht ergibt und „gefühlt“ schnelles Vorankommen glaubhaft macht. Einige Übungen zu den Themen laden zur Selbstwahrnehmung ein. Bereits das Titelbild spiegelt den freimütigen Umgang mit dem Inhalt des Themas wieder. Dr. med. Thomas Bergner ist Humanmediziner und Facharzt. Seine Weiterbildungen in Psychotherapie und in Coaching-Ausbildungen bilden hier für den Leser ein reichhaltiges Spektrum an fachlichen Erläuterungen, Verweisen auf psychologische und medizinische Fakten aber auch eine erfahrungsorientierte, grundsätzliche Sicht auf menschliche Bedürfnisse und Verhaltensweisen. Ein Buch, das trotz fachlicher Kompetenz in einer alltagsgebräuchlichen Sprache geschrieben ist. Hier mit dem Verzicht der Verwendung  von zu vielen spezifischen Fremdwörtern und doch mit dem Anspruch Vorder- und Hintergründe des Begriffes „Burnout“ deutlich aufzuzeigen und Zusammenhänge sichtbar zu machen.

In einer reizvollen Art, die dem Leser den Eintritt in das Thema und das sich selbst sehen ermöglicht, geht Bergner anhand von lebensnahen Beispielen und Metaphern auf Fragen und Antworten ein. Mit eigenen Wortschöpfungen wie „Trotz-Key“, „der Esel in der Gummizelle“ oder „Vorsicht Butter“  lädt der Autor den Leser ein, seine Neugier im nächsten Kapitel zu stillen. „Die etwas andere Burnout-Prophylaxe“ in der Subline der Umschlagseite bezieht sich auf die besondere Weise den Lesestoff anzugehen. In einer ironischen, amüsanten Art,  an manchen Stellen fast zynisch und spöttisch, wird der Leser mit seiner eigenen Identität und seiner Beziehung zu Burnout konfrontiert.  Bei genauerer Betrachtung, kann sich jeder  zwischen den Zeilen wiederfinden. Der eine mehr, der andere weniger. Vielleicht in unterschiedlicher Betroffenheit;  möglicherweise aber auch in andersartiger Offenheit sich darauf einzulassen und sich der Selbstkontrolle zu stellen. In einer Art Paradoxon wird der Begriff Burnout eher erstrebenswert dargestellt. Anfangs wirkt es für manchen Leser vielleicht irritierend, doch offenbart es die Möglichkeit sich selbst zu sehen ohne sich angegriffen zu fühlen.

Gleich einer Persiflage beschreibt Bergner das Phänomen Burnout in allen Schattierungen; in einem Erleben von Boom oder in einem Hinterfragen einer fragwürdig ansteigenden Tendenz (12 %) und er stellt Zusammenhänge dar zu Krisenbewältigung und Realitätsverkennung.  So wird Burnout in der Fachwelt nicht als Krankheit definiert, sondern als Resultat vieler menschlicher nicht geklärter Ereignisse, die meist in der Depression ihren Höhepunkt finden. Burnout als ein Problem der individuellen Lebensbewältigung und als Endzustand einer persönlichen Entwicklungslinie. Hier findet der Ansatz von Bergner statt, indem er sich klärend mit den Vorstufen der auslösenden Faktoren und deren Ursachen beschäftigt und nicht das Ergebnis als plötzlichen Ist-Zustand annimmt. Hervorgegangen aus unzureichender Wahrhaftigkeit, falscher Vorstellung von sich selbst und unpassendem Verhalten, bedient sich die Krise dem zuvor Übersehenen. Eine Krise fordert Abwehr- und Schutzverhalten, zumindest solange, bis man ihren Inhalt versteht. (Unser selbst weckt mit der Krise unser Ich). Eine Krise vermittelt schlechthin eine Botschaft uns zum Handeln aufzufordern. Bergner beschreibt die Krise als Symptom für Dysbalance und als Anfang einer Lösung.

Im Buch veranschaulicht der Autor die 6 Stufen der Krise:

1.Unbemerkter Energieverlust, Realitätsverkennung, Diskrepanz zwischen Anspruch und eigener Wirklichkeit, Überbetonung des Ich, Missachtung des Selbst.  

2. Passivität und Lethargie (Unzufriedenheit).

3. Suche, erkennen der Krise, auflösen der verlangten Lüge.

4.Annäherung an das Verstehen; Flucht in Gefühle; Depression.

5. Stadium der möglichen Balance, erkennen von Chancen.

6. Neue Stabilität; Haltungsänderung.

Krise als Optimierungs- und Erhaltungsillusion. Erst wenn man nicht mehr festhält, löst es sich und gestattet Veränderung. Wer eigenes Scheitern für unmöglich hält, wird eine Krise nicht wahrnehmen. So sieht Bergner in einem Burnout auch das Positive; so ist Burnout als Korrektur zu sehen, Authentizität und Selbstliebe zu üben; eine Erfahrung sich Grenzen zu setzen. Wir kennen Schlagwörter wie emotionale Erschöpfung, Depersonalisation, Leistungsabnahme; Burnout basiert nach Bergner auf selbstgestrickten Fällen als Selbstüberforderung, Rückzug und der Phase innerer Leere. Scheitern ist eine „angenommene“ persönliche Schwäche, deshalb wird Burnout dem System zugeschoben, der Arbeitswelt, der Gesellschaft. Therapeutisch benannt als external attribuierbare Rechtfertigung für eigenes Leiden. (Dießel 2012). Folge sind Schuldzuweisungen und ein Übergehen der Eigenverantwortung.   

Mittlerweile hat Burnout auch eine kommerzielle Komponente erhalten. Die von Achtsamkeitsübungen und entsprechenden Seminaren bis zu Krankenversicherungen, Wellness-Reisen und Burnout-Kursen in Klöstern und anderswo reicht. Hier bezieht sich Bergner nicht auf eine Ablehnung der Dinge an sich, sondern auf falsche Erwartungshaltung und fehlende Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung.

Burnout entwickelt sich nicht ohne Grund. Dinge zu ändern fällt lange unter Alternativlosigkeit. Anleitungen aus der Psychologie finden sich wieder. Fragen zu Resilienz-Vermögen, Kohärenzsinn;  Verstehbarkeit-Machbarkeit-Sinnhaftigkeit.

Begrifflichkeiten werden hinterfragt, Grenzen im Alltag beleuchtet, Perspektiven betrachtet, Einflussnahmen bewertet, Nähe und Distanz geübt. Der Anteil von privaten und beruflichen Rollen wird erläutert, ein falsch verstandenes Helfersyndrom einbezogen.

Es gibt Exkursionen in die Welt der Psychologie, bis hin zur Bedeutung von Kindheit, Bindungstheorie und Selbstwert. Dies jedoch in durchaus verständlichem Jargon. Bergner beschreibt Muster von Motivation, denen wir unterliegen. Er beschreibt menschliches Verhalten,  die Bedeutung von „Musthaves“ im Materiellen und in der Erweiterung eigener Fähigkeiten. Erklärt werden auch Begriffe wie „Intuition“, als Ergebnis von Information und Auswertung, Wahrnehmung eigener Gefühle und Orientierungshilfe. Marshall Rosenberg benennt die Gefühle als Kinder der Bedürfnisse. Burnout entsteht da, wo Zwang die Freiwilligkeit übertönt. Die Definition „Zeitnot“ oder „Zeitdruck“  liegt im Auge des Betrachters und ist keine messbare Einheit. Symptome sind Faktoren, allenfalls Auslöser nicht Ursache. Der Autor beschreibt hier Burnout als Ablenkungsmanöver der Seele, die nicht preisgeben will, was in ihr vorgeht.

Er lädt ein zum Nachdenken über Worte wie Leistung, Perfektionismus, Selbstüberschätzung und Effizienzanspruch. Burnout wird als Störung betrachtet, als Abweichung von einer behaupteten Normalität. Doch wie viel Normalität ist normal?

Was brauche ich wirklich für mich und was für andere? Was tue ich für mich und was für andere?  Ein Besinnen auf eigene Bedürfnisse , ein Setzen eigener Grenzen, ein Wahrnehmen eigener Gefühle, ein Lernen von Nein-Sagen. Motivation entsteht nicht auf unerreichbaren Wegen und Zielen.

Ein interessantes Buch, das nachdenklich macht aber auch Anregungen gibt. Ein Buch, das vielleicht sogar die eigene Sichtweise verändert oder zumindest eine „Überprüfung“ veranlasst. Der Untertitel „Prophylaxe“ kann hier ernst genommen werden. „Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit“(Salomo,Sir). Meine eigene Erkenntnis nach dem Lesen des Buches: Ich muss meine Tagesstrukturen überdenken!

Ein weiteres, empfehlenswertes Buch von Thomas Bergner: Gefühle- Die Sprache des Selbst.

Hierzu demnächst vielleicht mehr!

Dipl. Des. Astrid Bojko-Mühr
neue AKZENTE 99 / 2014

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