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Für Erwachsene und Therapeuten

Catherine Fuller, Phil Taylor

Therapie-Tools -  Motivierende Gesprächsführung

ISBN: 978-3-621-27922-2
Verlag: Beltz, Deutsche Erstausgabe 2012
Preis: 39,95 €
 

Jeder psychotherapeutisch Tätige kennt vermutlich das Phänomen, dass ein Patient ein körperliches Schonverhalten mit der Begründung demonstriert, er leide schon seit längerer Zeit unter Rückenschmerzen. Ein anderer Patient erzählt uns, während er eine Zigarette raucht, dass es einen wissenschaftlich nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Zigarettenrauchen und Lungenkrebs gibt.

Viele andere Menschen nehmen sich spätestens zum Jahreswechsel vor, mehr für ihre Gesundheit tun zu wollen, sich mehr bewegen, weniger zu naschen, weniger Alkohol zu konsumieren oder sich mehr um die Pflege ihres Freundeskreises zu kümmern. Wenn wir dann in der Folge erleben, dass sich diese spezifischen und sinnvollen Vorsätze kaum umsetzen lassen - dass, wie in den erstgenannten Fällen, gesundheitsschädliches Verhalten trotz besseren Wissens weiter aufrechterhalten wird, so fragen wir uns, wie es uns in der Therapie gelingen kann, einen zumindest kurzfristig zur Verhaltensänderung motivierten Patienten auch langfristig zu veränderten Lebensgewohnheiten bewegen zu können.

Diesen therapeutischen Ansatz verfolgen die beiden Autoren Catherine Fuller und Phil Taylor für eine breite Zielgruppe von Psychotherapeuten, Beratern, Trainern, Sozialarbeitern und anderen in helfenden Berufen Tätigen. Dabei beruht der Ansatz der motivierenden Gesprächsführung auf dem Vorgehen des „Motivational Interviewing“, welches ursprünglich von William Miller und Steven Rollnick für Menschen mit Alkoholproblemen entwickelt wurde (1991).

Das Buch „Therapie-Tools“ beginnt mit einer Diskussion der fünf Prinzipien der motivierenden Gesprächsführung, welche einen Einblick in die Methode und eine erste Beantwortung der drei Kernfragen liefern soll:

  1. Wie kann man jemand helfen, der ein schädigendes Verhaltensmuster nicht ändern will?
  2. Wie kann man jemand helfen, der sich ändern möchte, sich aber dazu nicht in der Lage sieht?
  3. Wie kann man jemanden, der eine Veränderung begonnen hat, dabei helfen, sie fortzuführen?

Über Fertigkeiten wie Bestätigen, Zuhören, offene Fragen stellen, Zusammenfassen und selbst motivierende Aussagen unterstützen wird beispielhaft auf grundlegende Fertigkeiten der Gesprächsführung eingegangen.

Kapitel 2 beschäftigt sich mit dem Wirksamkeitsnachweis: Hier werden zahlreiche Studien aus unterschiedlichsten Handlungsfeldern aufgeführt, die eine Wirksamkeit dieses Ansatzes nachweisen sollen. Da jede beratende Tätigkeit und auch psychotherapeutische Unterstützung immer auf einer vertrauensvollen Basis und Beziehung zwischen Patient und Therapeut angewiesen ist, werden zentrale Strategien des Beziehungsaufbaus und der Beziehungsklärung in Kapitel 4 (Rapport herstellen/Vereinbarung treffen) erläutert. Das Kapitel 5 (die aktuelle Motivationslage) beschäftigt sich mit dem Bezug zu den vom Patienten vorgebrachten Therapiezielen, jedoch auch mit Werten und Maßstäben, vor denen die therapeutische Interaktion stattfindet. Die folgenden Kapitel 6 bis 14 beziehen sich, mit zahlreichen Praxisbeispielen, auf den eigentlichen Beratungs- oder therapeutischen Prozess.

Die bereits im ersten Kapitel vorgestellten Kommunikationstechniken des Zuhörens, des Fragenstellens und des Umgangs mit Widerstand werden nun systematisch, mit Praxisbeispielen und zahlreichen Arbeitsbögen, vorgestellt. Vereinzelt finden sich auch Dialogauszüge aus Therapiegesprächen, die einen Einblick in die praktische Anwendung des theoretisch Dargestellten ermöglichen soll. Das Kapitel 13 liefert hilfreiche Ansätze zum Aufbau von Vertrauen, genau wie eine Anleitung zur ziel- und werteorientierten Selbstreflexion. Kapitel 14 beschäftigt sich damit, die Veränderungen zu planen und sie therapeutisch zu unterstützen.

Gemäß dem Titel „Therapie-Tools“ stellt dieses Buch eine Vielzahl von Fragebögen, Arbeitsblättern und Hausaufgaben für Patienten und Therapeuten zur Verfügung, so dass das in der Therapiesitzung Besprochene im Nachgang systematisch vertieft werden kann.

Aus meiner Sicht stellt dieses Buch im Kern eine gute Übersicht über zentrale Aspekte der therapeutischen Beziehungsgestaltung, über wesentliche kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen und über die Berücksichtigung individueller Werte, Maßstäbe und Lebensziele der Patienten dar.

Dabei gelingt es den Autoren leider nicht durchgängig, klar und verständlich den theoretischen Ansatz ihrer Vorgehensweise sowie die konkrete Vorgehensweise ihrer motivierenden Gesprächsführung dem Leser näher zu bringen.

Kapitel 1 liest sich wie ein Potpourri an zitierten Autoren aus einer Vielzahl unterschiedlicher Bereiche der Psychologie (Sozialpsychologie, Behaviorismus, Gesprächspsychotherapie und Kommunikationspsychologie), hier wäre weniger sicherlich mehr gewesen - teilweise wird der Leser mit dem Dargestellten überfrachtet. Die Begründung der Autoren bezüglich der Wirksamkeit ihres Ansatzes ist für mich in keinster Weise überzeugend. Hier werden, genau wie die Anleitung zur Anwendung dieses Buches, für psychotherapeutisch tätige Menschen triviale Informationen und Beispiele benannt.

Die konkrete Vorgehensweise in den sich anschließenden Kapiteln ist aus meiner Sicht gut dargestellt. Wichtige Strategien des Beziehungsaufbaus und der Beziehungsklärung, genauso wie Übungen zur Selbstbeobachtung und vermehrten Selbstachtsamkeit werden integriert und die Patienten über Übungsblätter dazu angehalten, dies systematisch zu üben. Durchweg gelungen ist aus meiner Sicht der Bezug zu den Zielen, Werten und Maßstäben der Patienten, genauso wie Übungen zur Selbstbeobachtung und die Anleitung zur ziel- und werteorientierten Selbstreflexion.

Auf die Gefahr hin, dass manchem Leser des Buches die dargestellte Methodik zu trocken oder abstrakt erscheint, liefern beispielhafte Dialoge mit entsprechender Kennzeichnung der dargestellten Intervention eine gute Möglichkeit, einen Einblick in die Alltagsanwendung dieser Intervention zu bekommen.

Der aufmerksame Leser dieser Buchrezension wird an dieser Stelle bemerkt haben, dass die zuletzt genannten Kapitel sich wesentlich der zentralen Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie sowie der Einbettung dieser Interventionen (Disput-Techniken, sokratischer Dialog) in den Wertemaßstab und die individuellen Lebensziele widmen.

Die Autoren Fuller & Taylor verfolgen hierbei den Anspruch, sowohl einer nach Ideen suchenden Berufsanfängerin, als auch einem „altem Hasen“, der neue Wege erkunden möchte, ein Werk an die Hand zu geben, um das psychotherapeutische Spektrum erweitern zu können. Leider gelingt dies den Autoren nur sehr begrenzt, da dieses Buch zu inkonsistent in seiner Verständlichkeit und seiner Komplexität erscheint. Auf der einen Seite haben wir für psychotherapeutisch erfahrene Kollegen quasi Trivialitäten, die in dieser Ausführlichkeit nicht so dargestellt werden müssten, auf der anderen Seite haben wir für die Berufsanfänger viel zu sehr aus dem Zusammenhang gezogene Interventionen, die in dieser fragmentierten Form lediglich einen Überblick verschaffen, vermutlich aber nicht konsistent zur Anwendung gebracht werden können. Lobenswert sind aus meiner Sicht die zahlreichen anschaulichen Beispieldialoge mit ihrem Bezug zu Fragetechniken und die Übungen zur Selbstbeobachtung und Achtsamkeit.

Fazit: Das Buch „Therapie-Tools: Motivierende Gesprächsführung“ stellt für alle die therapeutisch Tätigen eine Hilfestellung dar, die ihre Patienten dabei unterstützen wollen, Veränderungsmotivation im Alltag zu entwickeln. Zahlreiche Dialoge und hierauf aufbauende Arbeitsblätter könnten die eigene Motivation stärken, diese Methodik zur Anwendung bringen zu wollen. Hierbei lassen sich Grundlagenkenntnisse der Kommunikationspsychologie und Interaktionsgestaltung wieder auffrischen, genauso wie eine engere Orientierung des eigenen therapeutischen Handelns an den Werten, Lebenszielen und Wertmaßstäben der Patienten lernbar scheint. Dies ersetzt allerdings nicht den Erwerb notwendiger Kenntnisse in kognitiver Verhaltenstherapie.

 

Dipl.-Psych. Dr. Roy Murphy

aus neue AKZENTE 106, 1/2017

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