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Für Erwachsene und Therapeuten

Regine Hinkelmann (Hrsg.)

ADHS bei Erwachsenen

Coaching als innovativer Beratungsansatz für Ärzte und Therapeuten

ISBN: 978-343715855
Verlag: Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH
Preis: 34,99 €

Ein neuer Ratgeber aus dem Coachingbereich für Fachpersonen aus dem ADHS -Spektrum mit dem Fokus auf arbeitsweltliche Probleme, sinnvoll?

Hui ein Coaching-Ratgeber für Ärzte und Therapeuten zum Umgang mit adulter ADHS. Das hört sich nach sehr viel wissenschaftlichen Informationen an. Es ist interessant, dass neben dem Manual zur Leitung von Patienten- und Angehörigengruppen und ADHS-Coaching ,,Psychoedukation und Coaching-ADHS im Erwachsenenalter“ von D`Amelio, Retz, Philipsen und Rösler (2009) aus dem klinischen/ therapeutischen Bereich, jemand aus einem völlig anderen Tätigkeitsbereich ein Coachingbuch für ADHS im Erwachsenenalter mit dem Fokus auf Veränderungsprozesse im Arbeitsleben herausgebracht hat. Auch begrüße ich den Titel, dass das Werk sich ausschließlich an Therapeuten und Ärzte richtet und vorerst noch nicht für den allgemeinen Gebrauch für Betroffene mit ADHS oder professionell Tätige, z.B. im Systemischen Coaching angedacht ist.

1) Von der Wirtschaft / Businessbereich zum ADHS-Coaching im Gesundheitswesen

Die Autorin Regine Hinkelmann ist Organisationsberaterin, zertifizierter systemischer Coach und verfügt über jahrelanges Praxiswissen im Bereich Organisationsentwicklung und Changemanagement für Firmen in Veränderungsprozessen. Die Autorin hat somit scheinbar wenig Berührungspunkte mit dem Gesundheitswesen, wo die neurobiologische Reizfilterschwäche ADHS als valide Diagnose ihren Platz hat. Andererseits arbeitet Frau Hinkelmann als Beraterin und Coach auch mit Menschen und unterstützt diese in arbeits-weltlichen Themen, so wie ein Psychiater, Psycho-oder Ergotherapeut, Patienten hilft sich zu stabilisieren, z.B. eine angemessene Arbeitsfähigkeit mit für den ersten oder zweiten Arbeitsmarkt wiederherzustellen (oder zu erhalten), trotz psychischer Erkrankung.

„Behandle die Leute so, als ob sie das wären, was sie sein könnten. Und hilf Ihnen, das zu werden, was sie sein könnten.“ (J.W. Goethe) 

In beiden Unterstützungsbereichen geht es um Hilfe zur Selbsthilfe zur Bewältigung von Veränderungsprozessen. Frau Hinkelmann hat das Buch in 7 Kapitel zuzüglich Anhang gegliedert. Als Begrüßung hat die Autorin das oben genannte Zitat von J-W. Goethe gewählt. In den ersten 4 Kapiteln wird der Leser aktuell über die Definition, Diagnostik, auch Schwierigkeiten der Diagnostik, weitere Komorbiditäten, den modulen Behandlungsansatz (Medikamentöse, Psycho-und Verhaltenstherapie) der ADHS im Erwachsenenalter aufgeklärt, um dann explizit in den Bereich des ADHS-Coachings einzusteigen.

 

2) ADHS-Psychotherapie grenzt sich klar vom ADHS-Coaching ab

Frau Hinkelmann grenzt ganz klar die Funktionsbereiche der ADHS-Psychotherapie und des ADHS- Coachings voneinander ab. Beide Konzepte haben zwar eine unterstützende, ermutigende Haltung des Therapeuten, bzw. des Coaches dem Klienten z.B. ein besseres Symptomverständnis und Selbstakzeptanz zu vermitteln zum konstruktiven Umgang mit der ADHS.

ADHS-Psychotherapie -Unterstützung der emotionalen Stabilität 

Die ADHS- Psychotherapie richtet sich im Gegensatz zum ADHS-Coaching an Betroffene, die vorwiegend an den Komorbiditäten der ADHS leiden und Schwierigkeiten haben ihre Wahrnehmungen, Erlebnisverarbeitungen und sozialen Beziehungen zu steuern. Hinkel-mann zitiert (nach Kahl): „dass im Leistungsbereich der ADHS-spezifischen Psychotherapie für Erwachsene einerseits Probleme und Symptome bzgl. der Aufmerksamkeits- wie Lernstörungen, mangelnde Erschöpfung des Leistungspotentials, Unpünktlichkeit, Vergesslichkeit, Organisations- und Motivationsprobleme, sowie auch impulsive Entscheidungen, zwischenmenschliche Konflikte, Emotionsregulationsstörungen und das Kontrollieren von Aggressionen behandelt werden können.“ (Kahl 2012) Im therapeutischen Setting übernimmt der Therapeut die Rolle des lenkenden Experten und gibt einen Orientierungs-rahmen vor. Der Therapieverlauf dauert länger und ist inhaltlich emotional tiefgreifender als der Coachingprozess. Hinzu kommt ein größerer organisatorischer Aufwand von Therapeut und Klient, wie z.B. zeitaufwendige Antragsverfahren, notfalls mithilfe von weiteren Gutachten, bei den Krankenkassen, damit die Psychotherapie durchgeführt werden kann. Im Gegensatz zum Coaching, hier zitiert Hinkelmann Ratey: „kann der Therapeut bei arbeitsweltlichen Anliegen nicht im Umfeld des Klienten eingesetzt werden, um eine Stigmatisierung des Klienten am Arbeitsplatz zu vermeiden.“ (Ratey 2008) „Der Therapeut verhilft dem belasteten Klienten zur emotionalen Stabilität, sowie zum konstruktiven Umgang mit den Komorbiditäten. Der Coach kann dann mit dem psychisch stabilisierteren Coachee effektiver an den Selbststeuerungskompetenzen im Arbeitsleben ansetzen.“ (Ratey 2002)

 

3) Coaching – Begriff und Abgrenzung von anderen Beratungsformaten 

Bevor Frau Hinkelmann intensiver auf den Bereich des ADHS-Coachings eingeht, erklärt die Autorin die allgemeinen Begriffe und Bedeutung des Coachings und nennt weitere Beratungsformate, die jedoch klar vom Coaching abgegrenzt werden (Expertenberatung, Supervision, Mentoring, Training). Hinkelmann bezieht sich auf die Definition des Deutschen Bundeverbandes für Coaching e.V. „Coaching wird überwiegend als berufsbezogene Beratungsform  und als Instrument der Personalentwicklung definiert, das sich vorwiegend der Förderung der Funktionsfähigkeit von Personen widmet. Coaching verfolgt das Ziel einer Anleitung zur Selbstreflexion und kann verstanden werden als ein Prozess der professionellen Beratung, Begleitung und Unterstützung von Mitarbeitern in Organisationen. Es handelt sich um einen interaktiven, personenzentrierten, individuellen Beratungs- und Betreuungsprozess, der arbeitsweltliche und lebens-weltliche Themen behandelt.“ (DBVC 2012). Bis zur Jahrtausendwende wurde Coaching als so genannter Containerbegriff genutzt, in den jeder das hinein interpretierte was er gerade brauchte. (Böning 1994) Hinkelmann betont, dass das Beratungsformat ,,Coaching“ erst ab der Jahrtausendwende eine vertiefte Professionalisierung durch fundierte Ausbildungs-und Studiengänge erfährt, ist jedoch als empirischer Forschungs-bereich noch am Anfang. 

 

4) ADHS- Coaching – Unterstützung bei Stabilität in arbeitsweltlichen Prozessen

Die Autorin beschreibt, dass sich beim ADHS-Coaching der Coach und Coachee gemeinsam auf das Ziel und die Strategie einigen und somit kein Experten-Klienten-Gefälle entsteht, sondern die Begegnung auf Augenhöhe mit dem Fokus auf arbeits-weltliche Themenbearbeitung. Der Coachee übernimmt die Verantwortung für den Inhalt des Anliegens, z.B. Verbesserung der Selbstmanagementfähigkeiten im Arbeitsprozess. Der Coach hingegen übernimmt das Prozessmanagement und die Methodenauswahl. Die partnerschaftliche Arbeitsatmosphäre ist in hohem Maße bedeutsam für ADHS- Betroffene, weil diese meist Abhängigkeitsverhältnisse zu Ärzten und Therapeuten erlebt haben. Frau Hinkelmann betont, dass es ihrer Ansicht nach im ADHS-Coaching mit beruflichen Anliegen vorteilhaft sei, wenn der Coach über betriebswirtschaftliche bzw. arbeits-weltliche Fachkompetenzen und Erfahrungswerte verfügt. Coaching in Betrieben sei anerkannter, als wenn der Psychotherapeut in den Betrieb käme.

 

5) Welche ADHS-Coaching Konzepte gibt es -welche sind effektiv, welche nicht?

In Kapitel 5 erklärt die Autorin die 4 bereits bekannten ADHS-Coaching- und Trainings-modelle von D`Amelio, Ratey, Lauth und Minsel, sowie Swartz, Prevatt und Proctor. Anschließend bewertet die Autorin die Konzepte mit dem Fazit, dass D`Amelio als einziger ein kleinschrittiges, strukturiertes Stufenmodell aus acht Phasen (Orientierungsphase / Identifikation von Ressourcen / Klärung des Ist-Zustandes/ Klärung des Soll-Zustandes / Strukturierung & Planung / Umsetzung / Zielerreichung / Stabilisierung des Erfolgs) entwickelt hat. Hervorzuheben ist die lösungsorientierte, zielgerichtete Struktur. Die Klienten werden zur Selbstregulation motiviert, auch nur mit einem Ziel zu arbeiten. Eine weitere Besonderheit sieht Hinkelmann in der Stabilisierung des Erfolgs in der letzten Phase des Prozesses von D`Amelio. „Stabilität bietet vor allem Menschen mit ADHS-Symptomen Orientierung sowie Sicherheit und wirkt damit dem Aufmerksamkeitsdefizit und der Impulsivität entgegen.“ (D`Amelio 2009) Nancy Ratey kommt vom Konzept her am nächsten an D´Amelio heran, besonders mit dem Bezug auf die Arbeitswelt. Hinkelmann zitiert Ratey: „Coaching soll nicht in Konkurrenz mit therapeutischen Maßnahmen stehen, sondern sich mit diesen ergänzen.“ „Es wäre wünschenswert, wenn im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzepts diese Art von Begleitung im Alltagsleben zu einer festen Einrichtung werden könnte, da gerade Erwachsene sehr stark davon abhängig sind, bestimmte Arbeiten zuverlässig in einem vorgegebenen Zeitrahmen zu erledigen, und sehr von einer strukturgebenden Außenbestimmung profitieren.“ (Ratey 2002) 

 

6) Vorstellung eines ADHS-Coachings für Erwachsene mit arbeitsweltlicher Thematik

Regine Hinkelmann hat ein ADHS-Coaching-Konzept aus verschiedenen Bausteinen für ADHS-Betroffene mit arbeitsweltlichen Themen entwickelt. Die Autorin bedient sich vieler bereits bekannter Methoden, z.B. aus der systemischen Beratung und der humanistischen Psychologie, die symptomorientiert im ADHS-Coaching eingesetzt werden können.

Wer kann das ADHS-Coaching von Hinkelmann nutzen? Wer nicht?   

Das Konzept richtet sich an Personen, die von leichter bis mittlerer ADHS-Symptomatik im Erwachsenenalter betroffen sind. Bei Komorbiditäten gibt die Autorin ausschließlich an Psychotherapeuten ab. Frau Hinkelmann zitiert D`Amelio: „Für die Behandlung der adulten ADHS ist von spezieller Bedeutung, dass sie nur selten als isolierte Störung auftritt. Es zeigen mehr als zwei Drittel der adulten ADHS-Betroffenen weitere psychische Leiden wie Major-Depression, Dysthymia, bipolare Störung, Drogenmissbrauch und Alkoholismus , Cannabismissbrauch bzw. -abhängigkeit , antisoziale bzw. emotional instabile Persönlichkeitsstörungen sowie Angst,- Zwangsstörungen und affektive Erkrankungen“(D`Amelio 2009)“ Weiter zählt Hinkelmann zu den komorbiden Störungen oppositionelle Verhaltens-störungen, depressive Störungen, Borderline-, Tic-, Lernstörungen und Leistungsdefizite , Sprech-und Sprachstörungen, sowie Beziehungsprobleme.

Beratungsansatz des ADHS-Coachings

Im Fokus des ADHS- Coachings steht laut Hinkelmann die Unterstützung bei der Bearbeitung von beruflichen Anliegen u. A. mithilfe von Methoden aus dem Personen-zentrierterten Ansatz (PZA) und Transaktionsanalyse (TA). Das ADHS-Coaching -Modell wird hier als schulübergreifendes Beratungskonzept verstanden, welches vielfältige Interventionen des PZA, der TA, der Gruppendynamik (GD) insbesondere im Mehrpersonensetting, der systemischen Beratung, des hypnosystemischen Coachings sowie der Expertenberatung umfasst.

Personenzentrierte Beratung und Transaktionsanalyse

Beim Beratungsansatz des ADHS- Coachings bezieht sich Hinkelmann sowohl auf die Methode des Personenzentrierten Coaching-Ansatzes (PZA) mit dem Fokus auf Hilfe zur Selbsthilfe durch Ressourcenaktivierung zur Problemlösung von Anliegen im Hier und Jetzt. (in Anlehnung an Rogers 2009), als auch auf die Methodenvielfalt der Transaktions-analyse. ,,Gemäß der Transaktions-Analyse (TA)  werden Menschen mit psychischen Störungsbildern, als vollwertige Handlungsträger betrachtet, die bei ausreichendem Wissen über ihr Störungsbild und aktiver Beteiligung am Veränderungsprozess ihre Probleme lösen können.“(Steiner 2009)

Situationsanalyse und- deutung mithilfe des Differentiellen Inkongruenzmodells

Als inkongruent wird eine Kommunikationssituation definiert, wenn gesprochene (verbale Sprache) und nicht gesprochene (non-verbale) Signale nicht übereinstimmen. Kongruenz bedeutet Übereinstimmung von verbaler -und non verbaler Signale im Kommunikations-prozess. Die Situationsanalyse- und -deutung des ADHS-Coachings basiert laut Hinkel-mann auf Kriterien des so genannten Differentiellen Inkongruenzmodells (nach Speierer 2002, 2005, 2007). „In der personenzentrierten Beratung bietet das Differentielle Inkongruenzmodell (DIM) Möglichkeiten zur Diagnose persönlicher Hemmungen bei der Entfaltung vorhandener Ressourcen.“ (Hosak 2006).

Die Situationsdeutung basiert auf dem salutogenetischen Ansatz, orientiert sich am Potential des Coachees. „Besonders ADHS-Betroffene machen aufgrund ihrer Anders-artigkeit häufig Erfahrungen mit Unverständnis und Abwertung, die sie durch ihre Interaktionspartner erlebt haben.“ (Ratey 2003)

Was sollte der ADHS-Coach / ADHS-Berater mitbringen -Haltung

Frau Hinkelmann erklärt, dass die Haltung des ADHS-Beraters (Coaches) drei Grundbedingungen Empathie, Akzeptanz, Kongruenz voraussetzen, um einen wachstumsfördernden Prozess aufzubauen. Aufgrund der spezifischen Ausrichtung auf die Symptomatik von adulter ADHS verbindet der Coach zwei Beratungskonzepte. Die reflexive Prozessbearbeitung und die Expertenberatung. Der ADHS-Coach verhilft dem Klienten zu einer wohlwollenden Haltung, u. A. die ADHS-Symptomatik zu akzeptieren und gemeinsam im partnerschaftlichen Prozess Strategien zu Selbststeuerung zu erarbeiten. Der Coach übernimmt die Verantwortung für das Prozessmanagement und setzt symptomgeleitete Interventionen ein.

Symptomgeleitete Interventionsauswahl des ADHS-Coachings

Frau Hinkelmann schaut aus der Betrachterrolle auf die drei Kernsymptome der ADHS und versucht den Symptomen entsprechend geeignete Interventionen, je nach Situation im arbeitsweltlichen Kontext zur Problembearbeitung auszuwählen.

Methoden bei Aufmerksamkeitsstörungen-Zielklärung und Ressourcenaktivierung

Frau Hinkelmann empfiehlt zur Reduktion des Aufmerksamkeitsdefizits die so genannte Problem-und Zielklärung, das Ressourcenmanagement und das Drei-Welten Modell. Diese Methoden helfen Betroffenen bei Problemen wie Desorganisation, Strukturschwäche, Vergesslichkeit, mangelndes Zeitmanagement, Prokrastination und Vermeideverhalten. Themen aus der Arbeitswelt wären Erhalt und Steigerung der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, Verbesserung der Planung, Organisation und Umsetzung. Mithilfe des ADHS-Coaches kann der angeleitete Umgang mit Zeitplänen, To-Do-listen, feste Tages- und Wochenstrukturen u.a. durch Terminplaner, konsequentes Definieren von Regeln zur Selbstorganisation trainiert werden.

Methoden bei Hyperaktivität – innerer und äußerer Unruhe entgegenwirken 

Zum Umgang mit der Hyperaktivität empfiehlt die Autorin u. A. Methoden, wie die Inkongruenzbearbeitung, den Work-Life-Kompass und Tranceinterventionen. Oft haben die Betroffenen Probleme u. A. aufgrund der Hyperaktivität ihre Arbeit häufig unterbrechen zu müssen oder können diese nicht zügig erledigen. Sie stehen unter starkem Druck, der den eigenen Anspruch verstärkt, mit Folgen wie Stress, Konflikte, verminderte Leistungsfähigkeit, Aufgeben oder den Arbeitsplatz zu kündigen. Durch Arbeitsplatzwechsel werden Tätigkeiten in Bereichen ausgeübt, die oft nicht den Potentialen entsprechen, sogar unterfordern können. In Bezug auf arbeitsweltliche Themen nutzt der ADHS-Coach Methoden die dem Betroffenen verhelfen vorhandene Bewältigungsstrategien, ,,die meist objektiv sehr hoch betrachtet werden, aber von Betroffenen subjektiv nicht wahrgenommen wer-den, zu erkennen und einzusetzen“ (Beerwerth 2013) . Diese Interventionen regen das Denken in Bildern, machen das kreative Bewusstsein des Coachees nutzbar, Lösungen für Anliegen zu arbeiten. Es entstehen so genannte Zielbilder für Coachingprozesse.

Methoden bei Impulsivität-

Zur Regulierung der Impulsivität eignen sich laut Hinkelmann Methoden wie das Rubikon-Modell (Bearbeitung von Entscheidungen) das innere Team (Auseinandersetzung mit den inneren Anteilen der Persönlichkeit und deren wechselseitigen Einflüssen in verschiedenen Situationen/Visualisieren), sowie Interventionen zur Emotionsregulation. Diese Betroffenen haben oft Probleme mit verminderter Reflexion bei Entscheidungen, mangelnder Kommunikationskompetenz, Konflikten mit Interaktionspartnern, geschwächte Kritikfähigkeit, unbefriedigendem Emotionsmanagement. Mit dem Einsatz von Interventionen aus der Transaktionsanalyse (Eric Berne ) kann laut Hinkelmann eine Verbesserung des Kommunikationsverhaltens und des Emotionsmanagements trainiert werden.

ADHS-spezifische Beratungskompetenzen

Laut Hinkelmann sollte der ADHS-Coach über fundierte diagnostische Kompetenzen verfügen, um bspw. zu erkennen, ob der Klient eine Ausprägung der Symptome zeigt, die eine Veränderung der Medikation und Therapie im modularen Behandlungskonzept erfordern. Der Coach sollte zwischen den Rollen als Expertenberater und systemischer Prozessbegleiter flexibel, situationsbedingt, wechseln.

 

7) Welches Potential bietet ADHS-Coaching im modularen Behandlungskonzept?  

Frau Hinkelmann schreibt, dass das von ihr entwickelte Coaching-Konzept einen Beitrag zur Schließung der Forschungslücke bzgl. der Thematik Coaching für Erwachsene mit ADHS-Symptomen leisten soll. Die Autorin hat meines Erachtens die Zielgruppe und ihr Thema ganz gut ausgesucht. Sie gibt den professionell Tätigen aus dem medizinischen und therapeutischen Sektor Ansätze aus dem systemischen Coaching mit, grenzt sich so von den medizinischen, therapeutischen Fachbereichen ab und gerät nicht in fachliche Schwierigkeiten, indem sie nur ihren Arbeitsbereich vorstellt. Frau Hinkelmann hat sich meines Erachtens sehr viel Mühe gegeben, den Umgang mit adulter ADHS in arbeits-weltlichem Kontext darzulegen. Die Autorin integriert sehr professionell wissenschaftliche Forschungsergebnisse, Inhalte und Zitate vieler uns bekannten ADHS-Fachexperten, z. B. (Ratey, Hallowell, Barkley, Krause und Krause, Kahl, D`Amelio, Retz, Rösler, Philipsen etc.). Des Weiteren lädt Hinkelmann den Leser in die Welt (oder auch das Beratungs-spektrum) der systemischen Beratung, Coaching, Training, Organisations-und Change-Management ein. Die Autorin benennt im Kapitel 2 auch ADHS-typische Stärken. Hier bezieht sie sich besonders auf die Literatur von Hallowell, Ratey, Krause und Krause, sowie Christine Beerwerth. Meines Erachtens geht die Autorin sehr vorsichtig auf die Komorbiditäten bei adulter ADHS ein und schließt viele Komorbiditäten vom ADHS-Coaching aus. Hier fällt mir auf, dass Frau Hinkelmann nach Barkley argumentiert ,,dass z.B. die Hyperaktivität bei Erwachsenen später in innere Unruhe um-schlägt, dass besonders bei Frauen die so genannte Hypermotorik fehlt und diese eher Symptome wie Langsamkeit, Verträumtheit oder sogar Bewegungsarmut zeigen“.(Barkley) Mir fehlt hier, dass auch viele ruhige ADHS-Männer diese Symptomatik aufweisen und der ganze Bereich der Hypoaktivität ausgelassen wird, geschweige denn die Autismusspektrumsstörungen, die mittlerweile viele hypoaktive Betroffene als zusätzliche Diagnose erhalten und auch Bedarf am ADHS-Coaching haben könnten. Da sehe ich noch einen großen Aufklärungsbedarf, weil die Hypoaktivität eher Folgen wie Erschöpfung und übermäßige Anstrengung und Anpassung, Burn-Outgefahr nach sich zieht. Was mir noch aufgefallen ist, dass Hinkelmann nicht nur diagnostizierte Erwachsene mit ADHS, sondern auch Personen mit ADHS-ähnlichen Symptomen und Problemfeldern in das Coaching-Konzept miteinschließt. Dieser Ansatz kann meines Erachtens u. a. Stigmatisierungen und Vorurteilen von Kollegen am Arbeitsplatz entgegenwirken (siehe oben). Ich sehe Hinkel-manns Werk als eine Sensibilisierung zum Umgang mit Menschen mit/ohne diagnostizierter adulter ADHS im Bereich des Arbeitslebens, auch wenn mir (persönlich) einige Feinheiten fehlen, wie z.B. die Stärken der Betroffenen. Mich interessiert auch ob Regine Hinkelmann persönlich, bzw. beruflich Kontakt zu ADHS-Betroffenen/ ADHS-Spektrum hat? Ein Erlebnisbericht wäre für mich hier noch hilfreich, Es fehlt meines Erachtens neben dem Buch von D´Amelio, Retz, Philipsen und Rösler und Hinkelmanns Werk noch ein kombiniertes ADHS-Coaching-Buch von Medizinern, Therapeuten, Pädagogen und sogenannten Job-Coaches, auch von selbstbetroffenen professionell Tätigen mit allgemein leichter verständlichem Textaufbau. Auch fehlen mir in dem Buch neben Praxisbeispiele aus der Arbeit mit ADHS-Betroffenen, auch Bildmaterial bspw. von durchgeführten Coachingprozessen mit Coachees. Auch, wenn ich das Buch von Frau Hinkelmann der Zielgruppe empfehlen kann, wäre ein ähnliches Buch auch für Gesundheitsämter, Arbeitsämter, Fachämter, weitere Institutionen, bestimmte Firmen und Träger der Beruflichen Rehabilitation und Soziale Dienste empfehlenswert. Ich denke Frau Hinkelmanns ADHS-Coachingansatz lässt sich im z.B. im Rahmen von Jobcoaching von entsprechend ausgebildeten Anbietern gut anwenden, um einerseits Arbeitslosigkeit und der Eingruppierung von Betroffenen in Maßnahmen ohne ADHS-Hintergrund und Klinikaufenthalten durch interdisziplinäre Unterstützung entgegenzuwirken. Hinkelmann erwähnt, dass ADHS-Coaching keine ADHS- Psychotherapie ersetzen kann, jedoch als weiterer wichtiger Behandlungsbaustein im multimodalen Kontext zusätzlich eingesetzt werden. Eine Idee wäre, dass auch Pädagogen, Sozialberater und Ergotherapeuten, die im Rahmen des ADHS-Coachings (mit entsprechender Zusatzausbildung im ADHS-und Autismusspektrum) auch im Arbeitsumfeld der entsprechenden Coachees eingesetzt werden. Frau Hinkelmann und wünscht sich mit ihrem Buch die Entwicklung eines Coaching-Konzeptes für Erwachsene mit ADHS-Symptomen. Ich gehe mit Frau Hinkel-mann konform, bezüglich der Herangehensweise des ADHS-Coaches zum Coachee, die aus viel Geduld, Empathie und Flexibilität, sowie psychischer Stabilität bestehen sollte. Auch betont Hinkelmann, dass ADHS-Betroffene, aufgrund der aus den Kernsymptomatiken resultierenden Probleme, Coaches und Berater brauchen, die vorurteilsfrei und verständnisvoll sein sollten.  Hier sehe ich es als Voraussetzung, dass der spezialisierte ADHS-Coach, der Coachees aus dem ADHS-Spektrum unterstützen soll, über ein Basiswissen diverser Erkrankungen/ Einschränkungen nach ICD 10 /DSM V verfügt. Bei erwähnten Komorbiditäten wie Sprachstörungen, Lernstörungen und Beziehungsstörungen sehe ich den Einsatz des ADHS-Coachings etwas anders. Auch hat Hinkelmann den Bereich der Teilleistungsschwächen Lese-Recht-schreibschwäche (Legasthenie) und Rechenschwäche (Dyskalkulie) nicht miteinbezogen. Denn meines Erachtens gibt es viele spät diagnostizierte oder auch unerkannte ADHS-Betroffene, die mit diesen Hemmnissen ihren Arbeitsalltag bewältigen müssen. Für den Anfang ist das Werk von Hinkelmann ein Schritt zur Inklusion für das ADHS-Spektrum! 

 

Kristina Meyer-Estorf

neue AKZENTE Nr. 105, 3/2016

 

 

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