Für Eltern und Erzieher

Gerhard Spitzer

Warum zappelt Philipp?

ISBN: 978-3-8000-7466-2
Verlag: Carl Ueberreuter, Wien (2010)
Preis: 19,95 €

Zappeln macht einen schlanken Fuß
Der Philipp kann nichts dafür. Das weiß der Philipp nicht immer. Im Fall des Zappelphilipps, der zum Sinnbild unruhiger Kinder wurde, können der Autor des „Struwwelpeter“, der Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann, und sein damals dreijähriger Sohn Carl Philipp, für den das humorvolle Bilderbuch gezeichnet wurde, tatsächlich nichts dafür, dass alle so berühmt wurden: Der Hoffmann, der Carl-Zappel- Philipp, der Hans-Guck-in-die-Luft, der Konrad, die Pauline und der Suppenkaspar und wie sie alle heißen. Weder hatte Hoffmann bei der Entstehung des bis „Harry Potter“ erfolgreichsten Kinderbuchs aller Zeiten bereits an die Veröffentlichung des Werkes gedacht, noch sah er den realen wie fiktiven Philipp als gestört an. Heinrich Hoffmann hatte sich nicht gefragt, „Warum zappelt Philipp?“. Diese Frage stellen sich seit über 150 Jahren andere. Die Antworten allerdings, für die der Philipp gleich gar nichts kann, sind mal klug, mal dumm.

Eine menschliche Antwort auf eine unmenschliche Frage
Die Frage, warum der Philipp zappelt, ist quasi die allgemeine, sozusagen die freundliche Fassung der Frage, wer oder was schuld daran ist, dass der Philipp zappelt. Denn daran, dass jemand – der Philipp, seine Eltern, die Schule, das Fernsehen oder gleich die ganze Gesellschaft – schuld daran ist, mag kaum jemand zweifeln. Schließlich hat alles eine Ursache und alles eine Wirkung. Fragten nicht auch die Jünger im neunten Kapitel des Johannes-Evangeliums: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde?“ (Joh 9,2). Und Jesus antwortete auf tausendfach missverstandene Weise: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden“ (Joh 9,3). Manch Religionskritiker kommentiert diese Szene damit, dass der liebe Gott in Wirklichkeit ein ganz schlimmer Finger sei, der erst eine halbgare Schöpfung geliefert habe und sich dann in dieser Misere der selbstgeschaffenen Unvollkommenheit als Retter aufführen wolle. Dabei erklärte Jesus den Jüngern sogleich: „Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann“ (Joh 9,4).

Ist Ihnen aufgefallen, wie ähnlich Jesus und Marx argumentieren: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern.“ (11. These über Feuerbach, 1845) Naja, der Vater von Karl Marx stammte aus einer damals bekannten Rabbiner-Dynastie. Offenbar lag es in der Familie, kluge Antworten zu geben. Jesus und Marx wollten die Welt nicht erklären, sondern besser machen. Ist doch egal, wer Schuld daran hat, dass sie ist, wie sie ist. Ernst nimmt das Leben letztlich nur, wer sich um die Abwendung des Leids bemüht. So dachte auch Heinrich Hoffmann, als er im selben Jahr, in dem Marx seine „Thesen über Feuerbach“ verfasste, den „Struwwelpeter“ schrieb. Es war eine gute Zeit für Veränderungen. Seit fast 60 Jahren lag der Gedanke an machbare Revolutionen in der Luft, obgleich die Französische Revolution letztlich im Blutrausch und einem neuen Kaisertum unterging.
Auch Hoffmann war ein Anhänger der Revolution, wenngleich der bürgerlichen Märzrevolution von 1848. Immerhin war er einer der Abgeordneten im Frankfurter Vorparlament und beherbergte den badischen Revolutionär Friedrich Hecker in seinem Haushalt. Heinrich Hoffmann wollte eine bessere Gesellschaft. Als Arzt strebte er eine bessere Medizin an, wissenschaftlich und um das Wohl des Menschen bemüht. Als Politiker glaubte er an eine bessere Gesellschaft, an Freiheit und Selbstbestimmung. Da er wusste, dass dies kein Traum vereinzelter Spinner, sondern im Grunde die Meinung der bürgerlichen Mehrheit in Deutschland war, lehnte er radikale Veränderungen ab, weil sie zu Zerstörung und Leid führten. Er war davon überzeugt, dass es auch und gerade in einer demokratischen Gesellschaft wichtig war, mit Disziplin und Fleiß für das eigene Leben einzustehen. Der „Struwwelpeter“ war als humorvolle Einführung in diese Bürgerlichkeit gedacht. Die Helden des Bilderbuchs repräsentierten die Gefahren allzu großer Sorglosigkeit in einer Welt, die ihre Kinder nicht mehr zur Gemeinschaft zwingen sollte, sondern für ein aktives Bekenntnis zur Gesellschaft gewinnen wollte.

Vom entspannten Umgang mit ADHS
Vor diesem Hintergrund muss man Heinrich Hoffmann zugestehen, der eigentliche Erfinder des entspannten Umgangs mit der ADHS zu sein. Dabei vertrat er eine milde Form des Lernens in der Realität, welche den Philipp nicht unvorbereitet ins offene Messer einer bisweilen wenig rücksichtsvollen Welt laufen lassen wollte. Rousseaus „Émile oder über die Erziehung“ von 1762 war da anders. Dennoch sind dem Genfer Philosophen seine Erziehungstipps nie so anklagend vorgehalten worden wie dem Psychiater Hoffmann die vermeintlich autoritäre pädagogische Grundhaltung des „Struwwelpeters“. Woran, wie bereits gesagt, weder Hoffmann noch der Zappelphilipp schuld sind.
Daher soll an dieser Stelle Milde walten angesichts der Einleitung in „Warum zappelt Philipp?“, die den armen Heinrich Hoffmann und seine Zeit einmal mehr missversteht.
Gerhard Spitzers Zappelphilipp ist allerdings auch ganz anderer Natur als der Hoffmann’sche kleine Held am Esstisch. Spitzer hat sich ein Alter Ego geschaffen, das gemeinsam mit ihm, der sich in seinem dritten „Ratgeber der entspannten Art“ selbst als ADHS-Betroffener outet, in fünf Teilen das Erleben von ADHS-Kindern diskutiert. Das Schöne daran: Er beantwortet die Frage des Buchtitels nicht. Das Buch ist vielmehr eine wunderbare Sammlung von kleinen Fallgeschichten, in denen ADHS-Kinder, ihre Probleme und deren Lösung dargestellt werden.
Spitzer macht das tatsächlich weitaus entspannter – und richtiger – als manch Kollege aus der pädagogischen, psychologischen und medizinischen Disziplin. Seine „Fälle“ sind keine vereinfachenden Erklärungen des Verhaltens, sondern Beschreibungen konkreter Probleme. Daher sind seine Lösungen, die er anhand der Beispiele skizziert und in „Zappelphilipps Top-Tipps“ verallgemeinert, nachvollziehbar und nützlich. „Warum zappelt Philipp?“ gibt nicht vor, man könne das Verhalten von Menschen analytisch zutiefst verstehen und seine soziale Dynamik umfassend erklären. Dennoch weckt es gerade aus dieser vernünftigen Demut heraus ein wachsendes Verständnis für das Erleben (Teil 1), die Potenziale (Teil 2), das Verhalten (Teil 3), die möglichen Therapien (Teil 4) und Aspekte der Diagnostik (Teil 5) von Menschen mit ADHS. Der letzte Teil wirkt allerdings wie ein Anhang aus Stückwerk, der das Konzept der ersten Teile nicht fortschreibt. Das macht ihn letztlich verzichtbar.

Zitate Zitate Zitate
Zwischen 1867 und 1880 – um dem Bildungsimpetus des Rezensenten ein letztes Mal kursorisch nachzugeben – gab Karl Friedrich Wilhelm Wander ein fünfbändiges „Deutsches Sprichwörter-Lexikon“ bei Brockhaus in Leipzig raus. Sollten Sie Bildung auch kursorisch nicht schätzen, wird Gerhard Spitzer Sie in einem Punkt ärgern: Zitate. „Warum zappelt Philipp?“ könnte der verhohlene Auszug eines Aphorismen-Buchs sein, so viele Zitate von berühmten und berüchtigten Leuten finden sich darin. Freunde der Philologie mögen das als Zusatzgewinn verbuchen. Alle andern dürfen zumindest schmunzeln, sollte Albert Einstein tatsächlich einmal gesagt haben, dass Fantasie wichtiger als Wissen sei, denn Wissen sei begrenzt. Deswegen ist Gülle ja auch wichtiger als Rohöl. Beißt sich zudem mit einem anderen Zitat von Einstein: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Was bedeutet das nun für die Bedeutsamkeit der Dummheit?!
Die vielen Zitate haben zwangsläufig wenig mit der ADHS zu tun, da sie zumeist aus Zeiten stammen, in welchen die Störung noch kein Thema war. Ihr Sophismus reflektiert allerdings die kluge, bisweilen allzu kluge Verkehrung der ADHS-Symptome in „erstaunliche Potenziale“, die Spitzer im zweiten Teil des Buches vornimmt. Da wird aus Risikobereitschaft „Heldenmut“, aus chaotischer Planlosigkeit „intuitives Handeln“, aus Ablenkbarkeit „Kreativität“ aus Stimmungsschwankungen werden „seismographische Antennen“ und aus persönlichen Empfindlichkeiten wird eine „hohe Empathie“. Wenn dem so wäre: Werden Kinder tatsächlich aufgrund von Mut, Intuition, Kreativität, Empfindsamkeit und Empathie bei Fachleuten vorgestellt oder gar therapiert? Riskantes Handeln mag in Ausnahmesituationen erfolgreich sein und retrospektiv als mutig erscheinen. Auch erwächst aus Ablenkung und Chaos von Zeit zu Zeit zufällig eine gute Idee. Nicht anders können Stimmungsschwankungen und Überreizung der Katalysator grundlegender Konflikte und Störungen sein sowie sie erkennen helfen. All das macht diese Eigenschaften nicht zu Potenzialen. Es demonstriert ausschließlich, dass ADHS zu haben nicht zwangsläufig und nicht nur ins persönliche Elend führen muss. Bedenkt man’s recht, ist das doch auch schon eine tröstliche Botschaft.
Was liegt dem Menschen eigentlich daran, entweder das Leid in Lust umzuwerten, oder aber zumindest Kameraden im Leid zu haben. Auf Seite 78 erstellt Gerhard Spitzer eine Liste von Prominenten, die „höchstwahrscheinlich von ADHS betroffen“ sind oder waren. In den meisten Fällen kann man es weder beweisen noch ausschließen; das ist ein bisschen wie eine Diagnose der Pathologie Neros oder die Schätzung des IQs von Goethe. Die Spitzer’sche Liste, die im Übrigen nur mehr oder minder erfolgreiche ADHS-Betroffene nennt, steht für ein redliches, doch zugleich unseliges, Bemühen: unruhigen, unaufmerksamen und impulsiven Kindern wie auch ihren Eltern mitzuteilen, dass sie nachgerade aufgrund ihrer Verhaltensstörung alle Chancen haben.
Astrid Lindgren hat das ihrem „Michel aus Lönneberga“ auf der ersten Seite des ersten Buchs anders und besser mitgegeben. Da steht schon fest, dass er später einmal Gemeinderatspräsident wird. Schließlich weiß das die Autorin schon. Sie sagt aber: trotz, nicht wegen der Schwierigkeiten, die er als Kind hatte. Michel selbst sagt ja, dass man stets erst hinterher wisse, ob das, was man gerade mache, Unfug sei. Mensch Gerhard, will man als Leser von „Warum zappelt Philipp?“ ausrufen: „Du brauchst weder die Zitate und Prominenten noch den Euphemismus der falsch verstandenen Potenziale! Aus Dir ist doch längst was Vernünftiges geworden. Nicht Einstein oder Thomas Mann, doch Du bist genauso respektabel. Entspann Dich ein bisschen! Du hast einen verdammt guten Blick für Kinder und einen Haufen gute Ideen für den Alltag. Wen interessiert es da, ob Du die Ideen trotz oder wegen Deiner ADHS hast. Es soll doch niemand glauben, dass die ADHS einen Menschen besser oder schlechter macht! Am Ende zählt, was man als Gemeinderatspräsident für sich und andere zustande bringt. Oder als Pädagoge und Autor. Oder in jedem anderen Beruf und an jedem Ort dieser großen kleinen Welt“.

Johannes Streif

aus neue AKZENTE 93/2012

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