Für Eltern und Erzieher

Corinna Möhrke

Canepädagogik

Hilfe zur Erziehung mit dem und durch den Hund

ISBN-13: 978-3-8442-0708-8
Verlag: epubli GmbH
Preis: 14,90 €

Die tiergestützte Therapie beinhaltet ein facettenreiches Spektrum an Möglichkeiten, Tiere – meist Hunde und Pferde – in der therapeutischen Arbeit einzusetzen. Seit vielen Jahren in unterschiedlichster Weise praktiziert, ist gerade im Bereich der Pädagogik eine deutliche Zunahme an Beachtung und positiver Bewertung tiergestützter Maßnahmen zu verzeichnen. Das Buch „Canepädagogik“ entspricht einer Abhandlung, hundegestützte Erziehung, entsprechend dem zugrundeliegenden Konzept, anhand theoretischer Aspekte erklärbar zu machen und mit Hilfe von praxisnahen Fallbeispielen Durchführung und Wirkung aufzuzeigen. Eine wissenschaftliche Ausarbeitung vor dem Hintergrund der heilpädagogischen Grundlagen, basierend auf 10-jähriger Umsetzung des erarbeiteten Handlungskonzeptes – tiergestützt -, verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche in der Freizeit pädagogisch betreut zu begleiten und die Kinder zu befähigen, ein positives Selbstkonzept zu entwickeln.

Nach Vorwort und Einleitung sind die folgenden, untergeordneten Textabschnitte drei Hauptthemen zugeordnet. Der erste Teil der Konzeptentwicklung vermittelt fachliches Wissen, bezugnehmend auf Erziehungslehren, Verhaltensauffälligkeiten im Allgemeinen und Erläuterungen zu den Aufgaben und Erwartungen, die den Hunden hier zugeordnet werden. Hierzu gehören sowohl Merkmale, die der Hund in seinem Wesen vorgibt, als auch therapeutische Zielsetzungen, die man durch die animalischen Fähigkeiten des Tieres positiv beeinflussen kann. Die didaktischen Elemente der Canepädagogik werden in Methodik und Inhalt vorgestellt. Der zweite Teil des Buches umfasst das Gebiet der Anwendung. Vorangestellt die Darlegung der Rahmenbedingungen des Projektes, in Zusammenarbeit mit der Einrichtung der ambulanten und stationären Jugendhilfe, als Grundlage des Konzeptes. Die Durchführung ist modal unterteilt in zeitliche Faktoren, therapeutische Ansätze und entsprechende Auswertungskriterien. Ein weiteres Augenmerk ist auf die gesetzlichen Grundlagen und deren Zugangswege, im Hinblick auf das Konzept, gerichtet, die von den Jugendämtern Dortmund und Hagen positiv bewertet, anerkannt und finanziell gefördert wurden. Der dritte Teil beschäftigt sich mit der statistischen Auswertung und entsprechenden Analysen. Zeigt gleichzeitig die Grenzen der Canepädagogik auf, vor dem Hintergrund der familiären, schulischen und sozialen Problematiken, die von den Kindern und Jugendlichen mitgebracht werden. Aufgezeigt werden ebenso Erfahrungen und daraus resultierende – meist positive – „Sichtweisen“ von Eltern und der beiden Jugendämter. Die Reflexion beschäftigt sich mit der Beurteilung der erzielten Erfolge und der Frage, inwieweit Anschlussmaßnahmen sinnvoll und erforderlich sind.

Das Buch ist in einem handlichen Format zu einem angemessenen Preis zu erhalten. Art und Punktgröße der Schrift ermöglichen ein angenehmes Lesen. Eine Reihe von Zitaten und Verweisen auf andere Autoren wirkt hier dem flüssigen Studieren entgegen. Die einzelnen Textabschnitte sind gut recherchiert und kompakt zusammengefasst. Ein gewisses Maß an Vorwissen und Fachkompetenz in den verschiedenen Bereichen ist von Vorteil, um Zusammenhänge zu erfassen und theoretischer Herleitung besser folgen zu können. Die Umschlaggestaltung ist von Farbe und Schriftwahl ansprechend; das Bildmaterial weckt Neugier. Die Subline hätte einen eindeutigeren Hinweis auf den Inhalt verdient, zumindest dahingehend, dass den Leser hier eine doch recht theoretische Arbeit erwartet, die in ihrer Genauigkeit belohnt, aber auch ein gewisses Durchhaltevermögen – gerade bei den Analysen- abverlangt.

Zudem handelt es sich um eine in sich stimmige Projektarbeit, die in ihren Aussagen nicht grundsätzlich für Therapien mit Hunden allgemeine Gültigkeit hat. Verschiedene Abbildungen und gelungene Zeichnungen lockern das Gesamtbild der Buchgestaltung auf.

Ganz wichtig, wie auch beschrieben, die Zusammenarbeit mit dem Elternhaus und allen anderen Personen, die – mehr oder weniger – Anteil am Tagesgeschehen haben. Anhand der Fallbeispiele wird beschrieben, dass hier meist eine Korrelation an Symptomen vielfältiger Verhaltensauffälligkeiten vorliegt. Die Dokumentationen weisen darauf hin, dass hier oft die letzte Chance pädagogischer Intervention vorliegt. In diesem Zusammenhang ist jedoch unklar, warum man hier mit unausgebildeten, jungen Hunden arbeitet, vor dem Hintergrund, einer Therapie, die bestmöglichen Grundlagen des Gelingens zu geben. Sicher eine Frage der Verhältnismäßigkeit; leider wird der Hund im eigentlichen Arbeitsablauf nur am Rande beschrieben, obwohl ihm die Rolle des Hauptakteurs zustehen sollte. Auch eine Therapie mit trainierten Tieren bietet eine reichhaltige Bandbreite für den Therapieansatz, auf Achtsamkeit, eigene Organisation, Selbstwertgefühl etc. zu wirken. Der Hund benötigt – gerade wegen seines vorbehaltlosen Auftretens – einen gewissen Schonraum, da auch die Toleranzgrenze bei einem „vorbildlichen“ Hund nicht grundsätzlich unerreichbar ist. Hinzu kommen Verhaltensweisen der Tiere untereinander, die gerade bei jungen Hunden innerhalb eines Jahres großen Veränderungen unterliegen können. Eine hohe Anforderung, die hier dem Therapeuten zukommt, da auch das Wissen rund um das Wesen des Hundes von den Jugendlichen erst erlernt werden muss und dies unter dem Aspekt, ohnehin Probleme mit der eigenen Wahrnehmung zu haben. Im Beziehungsdreieck, wo man ein trainiertes Tier als Co- Therapeut (in seinen Möglichkeiten/siehe ART e.V. TMPI Bareis 1995) sieht, ist hier der junge Hund in prekären Situationen auch vom Therapeuten nicht wirklich erreichbar. Eine agile, ausgehend vom ursprünglichen Zuchtziel vorliegende willensstarke Natur des Tieres, erfordert gleichwohl schnelle Auffassungsgabe und Einschätzung einer Situation. Ein Agility-Parcours stellt hier beispielsweise schon unter normalen Bedingungen eine hohe Anforderung an den fachfremden Hundeführer dar. Letztendlich kann ein Hund den Pädagogen nicht aus seiner Erzieherrolle entlassen, da er für sich keine Verknüpfung zwischen dem von ihm entgegengebrachtem Fehlverhalten und der Sinnhaftigkeit von Akzeptanz herleiten kann. Er kann lernen unangebrachtes Verhalten zu tolerieren (Rettungshundeausbildung), wenn ihm gleichzeitig auf anderer Ebene Sicherheit gegeben wird. Austausch und Ausgleichsarbeiten für den Hund werden nicht erwähnt. Nach wie vor ist tiergestützte Arbeit eine wunderbare Therapiemethode und hat hier sicher in gut begleiteter Weise stattgefunden. (Eigene Fragen siehe Kapitel Diskussion). Tiergestützte Therapie ist aber auch eine Methode, die trotz vorliegender Gesetze, noch lange nicht von vielen Ämtern anerkannt wird und in der Praxis meist mit einem langen Weg des Genehmigungsverfahrens verbunden ist. Gerade weil in der Arbeit mit Tieren ein so hohes Potenzial an Erfolgschancen in der Pädagogik liegt, darf nicht der Eindruck entstehen, dass in ihren Inhalten und Möglichkeiten ein so einfaches Handeln gegeben ist, das alle vorangegangenen, fehlgeschlagenen Therapien ausgleicht. Vorausgesetzt wird die Tatsache, dass hier ein enormes Wissen rund um den Hund vorhanden sein muss, um dem Klienten und letztendlich auch dem Tier gerecht zu werden. Insgesamt ein gut recherchiertes Buch, das zeitweise an therapeutisch bedeutenden Stellen Fragen offen lässt.

Dipl. Des. Astrid Bojko-Mühr

aus neue AKZENTE 92/2012

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