Für Eltern und Erzieher

Birgit Trappmann-Korr

Hochsensitiv

Einfach anders und trotzdem ganz normal

ISBN-13: 9783867310604
Verlag: Vak-Verlag,
Preis: 18,95 €

Die Autorin postuliert, dass 15-20% der Kinder von Hypersensitivität betroffen sein sollen und noch dazu seien davon mindestens 10% hochbegabt, weil sie unerkannt kreativ und intuitiv seien.

„Hochsensitiven Menschen falle es schwer, sich der Außenwelt mitzuteilen. Dies ist ein Jammer, denn sonst wären sie in der Lage, ihre Hochbegabung unmittelbar zu zeigen“.
Und das geht dann weiter mit der Gleichung: „Hochsensitivität = Intelligenz (Hochbegabung im klassischen Sinne) + Reizoffenheit und Sensibilität = latentes Genie.“ Es handele sich hier um vom Philosophensyndrom Betroffene, die aber häufiger entlassen werden und öfter als Eigenbrötler leben würden.

„Manche Hochsensitive verharren in ihrem Leben wie in einer Starre, weil sie auf den einzig richtigen Gedanken und Moment warten, um zu handeln.“ Und an anderer Stelle schreibt sie: „Die wenigsten hochsensitiven Menschen sind in der Lage, genügend Geld zu verdienen.“ Oder: „Warum brauchen sie so lange um sich entscheiden zu können. Voilà nun wissen sie es! Sie können nämlich schneller denken als es ihnen bewusst ist.“

Eine kühne Behauptung, die sich wissenschaftlich nicht belegen lässt! Und warum scheitern Hochsensitive?
Die angebliche Expertin für ADHS beschreibt Hypersensitivität als eine mentale Sensitivität für sensorische Verarbeitungsprozesse. So lesen sich aber die Symptome der Hypersensibilität wie aus dem Lehrbuch für das ADHS des unaufmerksamen Typs. Hier in Auszügen die Aufzählung der Hypersensitivitässymptomatik: „Sie leben im Hier und Jetzt ohne Planung, Eltern sind Erinnerungsmanager, sie sind zerstreut und haben Schwierigkeiten mit zeitgebundenen Aufgaben. Sie sind schwer zu motivieren und ihre Konzentration ist schwankend, bei hoher Motivation gut. Bei schlechter Motivation gelingt sie kaum. Emotionen werden tief erlebt, zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Sie können sich schwer organisieren, sind häufig chaotisch, haben eine schlechte Schrift, leiden unter Sprunghaftigkeit und langem Aufschieben von Pflichten. Sie sind weiterhin häufig Einzelgänger, oft zu langsam, haben paradoxe Medikamentenwirkungen. Sie träumen viel, verpassen die Zeit, leben in ihrer eigenen Welt, hängen oft an dem Rockzipfel ihrer Eltern. Auch würden Hochsensitive einen holistischen (ganzheitlichen) Wahrnehmungsstil haben und sehr kreativ und intuitiv sein und ein sensation seeking betreiben.“ Die Autorin unterscheidet zwischen unechtem ADHS und echtem ADHS, wobei diese Definition von ihr getroffen und willkürlich ist. Hätte die Autorin wirklich ein profundes Wissen über ADHS, so wüsste sie, dass ADHS-Betroffene sich gerade durch Reizoffenheit und eine daraus resultierende Hypersensitivität sowie durch eine intensive Emotionalität auszeichnen. Angeblich gibt es falsche ADHS-Diagnosen mit dem befremdlichen Argument, dass Hypersensitivität und oppositionelles Verhalten sich widersprechen. Auch würde die Diagnose Hochbegabung ADHS ausschließen. Diese Vermutung entbehrt jeder Grundlage. Es gibt bei ADHS genauso viele Hochbegabte wie Minderbegabte in der Allgemeinbevölkerung. Wahr ist nur, das unbehandelte ADHS-Betroffene in IQ-Tests häufig schlechter abschneiden, als es ihrer Grundintelligenz entspricht.
Die von der Autorin beschriebenen positiven Seiten der Hypersensitivität, nämlich: fantasievoll, mutig, mitfühlend, neugierig, ausgeprägter Gerechtigkeitssinn etc., entsprechen ausnahmslos den positiven Eigenschaften der ADHSler.

Die Empfehlungen für Hypersensitivität entsprechen denen, die man auch ADHS-Betroffenen geben würde und den Rest an Tipps findet man in jedem Lebensratgeber.
Das Buch erfindet eine besondere Art zu sein neu, indem es ADHS am Rande abhandelt und doch ganz genau die Symptome der ADHS beschreibt. Völlig absurd ist die Vermutung, dass alle mit Hypersensitivität (also ADHS-Symptomen, Anmerkung von Dr. N. B.) eine Hochbegabung haben. Natürlich stürzen sich viele Betroffene auf dieses Buch, denn man ist ja lieber hochsensitiv und hochbegabt als von ADHS betroffen.

Was das Buch gefährlich macht, sind Aussagen wie: „Ich hege die Hoffnung, dass wir in absehbarer Zeit aufhören, vor allem Kinder mit Psychopharmaka ruhig zu stellen, damit sie im System funktionieren.“ Dazu empfiehlt die Autorin: „Das Kind möchte sich einfach nur wohlfühlen bei dem, was es tut und es hasst Langeweile.“ Sie regt an, dass Hausaufgaben doch einfach Spaß machen sollen.
Na dann, was haben wir denn alle bisher falsch gemacht?

Spätestens da befindet sich die Autorin auf dem Niveau der Laienpresse, die wissenschaftlich unfundierte Statement und eine Mainstream-Meinung dazu benutzt die Auflageihres Buche‚s zu erhöhen. Trotz vieler Zitate und wissenschaftlicher Quellen findet sich nichts Neues in diesem Buch, sondern lediglich die Einführung eines neuen Begriffes und die nicht zutreffende Behauptung, dass alle Betroffenen hochbegabt seien. Es ist klar, dass die Diagnose ADHS ein Kontinuum ist, d. h. dass es natürlich Kinder gibt, die ganz hervorragend mit ihren ADHS-Symptomen zurechtkommen und diese wollen wir auch gar nicht behandeln, sondern in ihren kreativen Fähigkeiten unterstützen. Aber alle die, die wegen ihres ADHS scheitern, keine Berufsausbildung trotz guter Intelligenz gemacht haben oder keine Arbeitsstelle lange halten können, alle diese würden davon profitieren, dass die Diagnose ADHS richtig gestellt wird und eine Behandlung von Spezialisten erfolgt. Eine medikamentöse Behandlung kann sehr hilfreich sei und stellt keinesfalls eine Ruhigstellung fantasievoller, empathischer und begabter Kinder dar.

Dr. Astrid Neuy-Bartmann

aus neue AKZENTE 92/2012

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