Für Eltern und Erzieher

Remo H. Largo

Lernen geht anders

Bildung und Erziehung vom Kind her denken

ISBN: 978-3896840783
Verlag: edition Körber-Stiftung, Hamburg, 2010
Preis: 14,- €

Jedes Kind will lernen

Frühförder-Wahnsinn, Nachhilfe-Boom, Erziehungstrainings, PISA-Alarm, Schul-Amokläufe, Disziplinprobleme – die Liste der Themen, die Eltern, ErzieherInnen und Lehrpersonen umtreiben, ist lang und allgemein verunsichernd. Wie können wir unsere Kinder so auf die Welt vorbereiten, dass sie darin ihren sicheren Platz finden werden?

In „Lernen geht anders“ gibt der bekannte Experte für kindliche Entwicklung (bekannteste Bücher: „Babyjahre“; „Kinderjahre“; „Schülerjahre“) und emeritierte Professor für Kinderheilkunde, Remo H. Largo, klare Antworten: „Nur eine Pädagogik, die das individuelle Potenzial jedes Kindes möglichst gut auszuschöpfen vermag, verhilft den Kindern dazu, jene eigenständigen, kreativen und lernbereiten Individuen zu werden, die sich in dieser zunehmend vielseitigen, dynamischen und anforderungsreichen Gesellschaft der Zukunft erfolgreich behaupten können“ (S. 26).

Wie diese Pädagogik aussieht, stellt Largo anschaulich und gut lesbar in seinem jüngsten Buch dar. Der erste Teil gibt einen Überblick über die kindliche Entwicklung. Darin wird deutlich, welche Rolle die Bindung eines Kindes an seine Bezugspersonen für die Entwicklung von Beziehungsfähigkeit, soziale Kompetenzen, Disziplin und Moral spielt. Er zeigt aber auch auf, wie Kinder lernen und warum es selbstbestimmt und mit Bewegung verbunden erfolgen muss. Und er erklärt die Normalität der Verschiedenartigkeit von Kindern; sie entsprechen nun einmal nicht bestimmten Normen und brauchen daher Individualisierung: „Eltern und Lehrer haben die große Aufgabe, das Kind so anzunehmen, wie es ist, sowie seine Individualität und Persönlichkeit von klein auf zu respektieren“ (S. 103).

Der zweite Teil des Buches erklärt daran anknüpfend konkret, wie kindgerechte Bildung und Erziehung aussehen. Grundlage aller Erziehung, darauf verweist Largo immer wieder, ist die vertrauensvolle Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen („Beziehung vor Erziehung“) zu Hause, in Kindertagesstätten und Schulen. Dass der Bildungsprozess im Elternhaus und gewissermaßen bereits am Wickeltisch beginnt, stellt der Kinderarzt deutlich heraus. Er fordert aber auch, Eltern durch qualitativ hochwertige Betreuungsangebote zu unterstützen und entzaubert die typisch deutsche Familienideologie durch Hinweise auf Studien, die Entwicklungsvorteile für Krippenkinder belegen. Er hält eine Gesellschaft für gut beraten, die ihre Ressourcen bevorzugt in die vorschulische Förderung von Kindern und in die Grundschule lenkt.

Auch ein kindgerechtes Bildungssystem skizziert Largo. Hier fasst er kompakt und griffig zusammen, was die Schulforschung der letzten vier Jahrzehnte an gesicherten Erkenntnissen gewonnen hat: mehr Zeit für die Schüler in Ganztagsschulen, ein gutes Beziehungsklima im Lehrerkollegium, aber auch zwischen den Schülern, zwischen Lehrern und Schülern sowie zwischen Schule und Elternhaus, Reduzierung der Unterrichtsinhalte auf (wenig) Basiswissen und (vor allem) Lernkompetenz, Individualisierung des Unterrichts, die nur im Verzicht auf Noten Sinn macht und in Gesamtschulen am besten funktioniert, individualisierte Lernrückmeldungen anhand von Kompetenzrastern oder mit Portfolios, anregendes Lernklima durch altersgemischte Lerngruppen und die Integration von Kindern mit Behinderungen. Auch den 45-Minuten-Rhythmus des Unterrichts stellt er in Frage. Ob diese Forderungen durchsetzbar sind? Nun, im Jahre 1904 diskutierte die Konferenz der Gymnasialdirektoren noch ernsthaft, ob Schülerfragen im Unterricht zugelassen werden sollten…

Alle seine Ausführungen untermauert der international renommierte Kinderarzt und Entwicklungsforscher mit bekanntem Wissen über Kinder und ihr Wesen. Da die Welt sich mittlerweile so rasant verändert, dass niemand weiß, welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen die heutigen Kinder in 20 Jahren brauchen werden, gilt es, sie in ihrer Lernfreude und ihrem Selbstwertgefühl zu stärken.

„Die Zukunft ist nur schwer voraussehbar, und so fehlt uns weitgehend die Vorstellungskraft, wie die zukünftige Schule aussehen muss. Einen sicheren Orientierungspunkt jedoch gibt es: die Kinder als lernende Wesen. Auf sie sollten wir die Schule ausrichten“ (S. 175).

Der Klappentext hat durchaus recht: Das Buch ist in der Tat „eine leidenschaftliche Ermutigung für Eltern und Lehrer“ und darum allen zu empfehlen, die sich für Erziehung und Bildung interessieren.

Dipl.-Päd. Detlef Träbert

neue Akzente Nr. 89 2/2011

 

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