Für Eltern und Erzieher

Gerhard Roth

Bildung braucht Persönlichkeit

Wie Lernen gelingt

ISBN: 978-3608946550
Verlag: Klett-Cotta, Stuttgart 2011
Preis: 19,95 €

Bessere Schule – bessere Bildung

Die Frage, wie Lehren und Lernen besser gelingen können, treibt viele um: Eltern, Politiker, Fachleute und Praktiker. Es gibt auch eine Menge Antworten darauf, aber selten gute, die fachlich fundiert, ebenso wissenschaftlich wie empirisch-praktisch begründet, frei von ideologischem Dogmatismus und vor allem aus mehreren Perspektiven heraus entwickelt sind. Wer könnte solch eine Antwort besser geben als jemand, der sein ganzes Wissenschaftlerleben lang den Spagat zwischen Geistes- und Naturwissenschaften geschafft hat: Gerhard Roth hat nach dem Studium von Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft erst in Philosophie promoviert und nach einem weiteren Studium (Biologie) den Doktortitel in Zoologie erworben. Als Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie hat er in Hirnforschung und Neurophilosophie geforscht und veröffentlicht.

Im jüngsten seiner vielen Bücher vertritt er als Hauptthese: „Die Art, wie jemand lehrt und lernt, wird bestimmt durch seine Persönlichkeit“ (S. 35). Doch „Persönlichkeit“ ist hochkomplex; was macht sie aus und wie kann man sie bildend beeinflussen? Roth versteht sein Buch als „Aufforderung zu einem vertieften Dialog zwischen Psychologen, Neurobiologen, Pädagogen-Didaktikern und Schul- und Bildungspraktikern“ (S. 28). Das Ziel des Buches ist es letztlich, einen Beitrag zu einer verbesserten Bildungswirklichkeit in Schule, Aus- und Weiterbildung zu leisten.

In zwölf Kapiteln plus einer Zusammenfassung und zwei Anhängen führt der Autor aus, dass die Persönlichkeit gleichzeitig Voraussetzung und Rahmen für Lehren und Lernen bildet. Als wesentliche Elemente der Persönlichkeitsbildung beschreibt er Stressverarbeitung und Frustrationstoleranz, die Fähigkeit zur Selbstberuhigung, Selbstmotivation, Impulshemmung und den Umgang mit negativen Gefühlen, Bindungsfähigkeit, Empathie sowie Realitätssinn und Risikowahrnehmung. Eine Schule, die sich um diese Persönlichkeitsmerkmale bei Lehrern und Schülern nicht kümmert, kann nicht erfolgreich sein. Die entscheidenden Erfolgsfaktoren sind für ihn Intelligenz, Motivation und Fleiß. Dementsprechend fordert er in Kap. 12 („Bessere Schule, bessere Bildung“) auf, unter wissenschaftlich kontrollierten Bedingungen zu experimentieren, wo immer es sinnvoll und möglich ist. Es geht ihm dabei um Teambildung in den Lehrerkollegien, um gemeinsam vertretene Bildungs- und Unterrichtskonzepte umzusetzen, anstatt der bisher üblichen individuellen Beliebigkeit von Unterricht. Es geht ihm um die Lehrer-Schüler-Beziehung, die bei den Lehrern Beziehungs- und psychologische Kompetenz voraussetzt und die Zeit erfordert. Es geht ihm um die explizite Förderung der Persönlichkeitsbildung der Schüler und in der Konsequenz auch um den Umgang mit Konflikten und Gewalt in der Schule. Roth geht in seiner Skizze außerdem auf die Lehrerpersönlichkeit ein, auf Unterrichtsformen, die Zeitstruktur des Unterrichts, fächerübergreifende Ansätze, den Unterrichtsraum, den Umgang mit Begabungsunterschieden, Ganztagsschule und Wiederholung bzw. Überprüfung des Lernstoffes.

Die Skizze einer derart neu gedachten Schule ist abgeleitet aus den Kapiteln über Persönlichkeit, Emotionen und Motivation, Lernen- und Gedächtnisbildung, Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis, Intelligenz, Lernen und Emotionen, Erfolgsfaktoren, Sprache u. a. m. Daher lernt man aus diesem Buch nicht nur sehr viel darüber, warum unser Bildungswesen so ineffizient arbeitet, sondern vor allem eine Menge über die psychologischen Bedingungen erfolgreichen Lernens.

„Bildung braucht Persönlichkeit“ bietet einen großen Schatz an Informationen und Argumenten, um konstruktiv über die Umgestaltung von Schule und Weiterbildung nachzudenken. Das Buch hat aber auch Schwächen, vor allem im Hinblick auf die aktuellen sozialen Realitäten im Lande sowie im völligen Fehlen des Themas „Inklusion“ samt der bisher erworbenen schulpraktischen Erfahrungen mit Heterogenität. Eine Schwäche ist sicher auch die anspruchsvolle Sprache des Buches, die seine Erschließung für Laien trotz ihres oft großen Interesses am Thema erschwert. Dennoch: Selten habe ich eine derart umfassende Aufbereitung des Themenkomplexes „Schule neu denken“ gelesen, die – nicht nur, aber ganz besonders – angehenden und praktizierenden Lehrerinnen und Lehrern die Gelegenheit bietet, über Schule und Unterricht ganzheitlich zu reflektieren. Darüber hinaus ist es für die bildungspolitische Diskussion überaus wertvoll.

Dipl.-Päd. Detlef Träbert

neue Akzente Nr. 89 2/2011

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