Für Eltern, Pädagogen und Therapeuten

Simon Bransch, Katja Schwartz

Therapiehund im Klassenzimmer

Die Wirksamkeit hundgestützter Pädagogik bei Kinder mit ADHS

ISBN 13-978-3-640-80251-7
Verlag: Grin Verlag GmbH, 1. Auflage (2010)
Preis: 49,99 €

 

Simon Bransch

Der Erfolg durch Therapiehunde bei Kindern mit ADHS-Syndrom

Hundegestützte Pädagogik als mögliche Intervention

ISBN 13-978- 3-842-89233-0
Verlag: Diplomica Verlag, 1. Auflage (2014)
Preis: 49,99 €

 

Beide Bücher liegen mir vor, um nach dem Lesen sowohl im Hinblick auf tiergestützte Arbeit, als auch hinsichtlich möglicher Therapieformen bei ADHS, zu begutachten.

Erwartet hätte ich nun, da gleicher Autor, eine Erweiterung der Inhalte, eine Weiterentwicklung des Themas. Etwas verblüffend dann die Feststellung, bei näherer Betrachtung, dass das Inhaltsverzeichnis beider Bücher komplett identisch ist. Daraufhin habe ich einige Textstellen verglichen, die völlig übereinstimmend sind.

Bei der ersten Version, Druck Grin 2010, handelt es sich um die Examensarbeit, die wohl später zum Buch führte, das 2014 im Diplomica Verlag erschien. Grundsätzlich spricht da ja nichts dagegen. Trotzdem finde ich es für den Leser bzw. Käufer sehr irreführend. Zum einen, weil ein neuer Titel die Weiterentwicklung einer Examensarbeit zumindest in Ergänzung von Inhalt erwarten lässt, zum anderen, weil die unterschiedlichen Titel auch den Optimismus stärken zwei Bücher zu bekommen.

Auf dem Cover meiner Ausgabe ist der Vermerk Examensarbeit nicht zu sehen. Später wurde das wohl geändert (2011) In umgekehrter Form ist der Hinweis im Buch 2014, dass es ja eigentlich eine Neuauflage der Examensarbeit ist, nicht zu finden. 

Ich fand es ärgerlich zwei Bücher mit gleichem Inhalt für je 49,99 € zu kaufen.

Ich kann daraus auch keine Logik herleiten. Man muss bei Bestellungen also darauf achten, den manchmal gegebenen Blick ins Buch zu nutzen. Aber wer macht das grundsätzlich? Und wozu braucht ein Buch zwei Titel? Nach wie vor sind beide Versionen im Handel erhältlich.

Der Erfolg durch Therapiehunde bei Kindern mit ADHS-Syndrom

Das Buch verspricht auf ca. 130 Seiten hundgestützte Pädagogik als mögliche Intervention bei ADHS. Der Inhalt beschäftigt sich in vielen Unterthemen mit Verhaltensaspekten, Erklärungen zu tiergestützten Therapieformen an sich, einer Vielzahl an Beschreibungen zu ADHS in Symptomatik, Diagnose, Ursachen und vielem mehr. Anhand einer Fallbeschreibung am Ende des Buches wird die Arbeit mit dem Therapiehund vorgestellt.

Der Inhalt ist in viele Punkte unterteilt, zeitweise vermisst man die schlüssige Reihenfolge der Themen.

Inhalt: Einleitung und Grundlagen der tiergestützten Interventionen (kurz aufgegriffen). Darauf folgend tiefenpsychologische Aspekte bis hin zur Psychoanalyse. Der Inhalt springt von theoretischen Erklärungen zum eigentlichen Thema und zurück. Dem Thema ADHS, mit allen seinen anhängigen Themen und bestehenden Tatsachen ist ein Großteil des Buches gewidmet; angefangen von Symptomatik bis hin zu Diagnoseverfahren, Medikamenten, Auffälligkeiten.

Von kurzen Stippvisiten zum Thema Therapiehund abgesehen, trifft man erst auf Seite 106 auf das eigentliche Thema.

Mithilfe einer Fallstudie wird die Tiergestützte Arbeit mit einem Hund und einem Schüler beschrieben.

Am Ende des Buches finden sich Zusammenfassung, Abbildungs- und Literaturverzeichnis.

Tiergestützte Interventionen bieten eine alternative Möglichkeit ADHS-Kinder zu therapieren. Eine recht gewagte Aussage, die, - so pauschal ausgesprochen -  der Tiergestützten Arbeit keinen Gefallen tut. Man definiere Tiergestützte Therapie im heutigen Anspruch zwischen Nichtanerkennung und Wunderheilung. Selbstverständlich ist die Arbeit mit Hunden eine Bereicherung für ADHS-Kinder. Die Vielfalt der Möglichkeiten aufzuzählen, würde zu weit führen. Natürlich lernen ADHS- Betroffene durch den Hund, durch seine vorbehaltlose Art, sein Auftreten, sein Spiegeln, sein Reagieren und sein positives Anbieten. Wir schärfen Wahrnehmung, leiten zu Selbstorganisation an, fördern Selbstwirksamkeit, Selbstwertgefühl. Wo ist es Training? Verbesserung der Lebensqualität, Befriedigung der Bedürfnisse, Erlernen von Alltagsbezügen. Wie gestaltet sich „therapiert“? Ist man irgendwann austherapiert? Verschwindet das ADHS? Wohl kaum. Hier braucht es viel Aufklärungsarbeit, um Missverständnissen und falschen Erwartungen vorzugreifen und damit deutliche Formulierung und Erklärung.

Die Beschreibung einer exemplarischen Fallstudie kann hier durchaus dienlich sein, lässt aber beim Vermissen von unterschiedlichen Trainings, unterschiedlich betroffenen Kindern und fehlenden Beispielen und Vergleichsmöglichkeiten die Grundlage zu einer angekündigten Definition des Themenkomplexes nicht zu. An manchen Stellen habe ich mich gefragt, für welchen Leserkreis das Buch geschrieben ist. Die kurzen Exkursionen in unterschiedliche Fachbereiche sind bei tiefgründigen Themen für den Laien zu oberflächlich angerissen und bedienen sich teilweise einer Wortwahl, die nach Basiswissen verlangt. Der größte Anteil des Inhaltes beschäftigt sich mit ADHS an sich und Erklärungen zu Begriffen wie Kommunikation, Motorik, Ergotherapie…

Der Titel des Buches findet sich darin nicht wieder. Unzählige Verweise und Vergleiche zu anderen Autoren lassen mich überlegen, deren Bücher zu kaufen. Themenwiederholungen in verschiedenen Ausführungen verwirren.

Positiv zu benennen sind die Ausführungen zu tiergestützten Grundlagen. Hier die Anpassungsfähigkeit des Hundes, die Steigerung von Motivation und Selbstwertgefühl des Klienten; die Bedeutung von Wahrnehmung und Handlungsansatz durch verbale und nonverbale Kommunikation - die deutliche Aufgabe des Therapeuten.

Die Fallstudie selbst wird ausführlich beschrieben, eine Darstellung der tiergestützten Arbeit mit dem Schulhund Nemo und einem Schüler (Vanek-Gullner, Klassen- und Einzelarbeit mit Hund in 7 Phasen).  Das Projekt beginnt mit der Vorstellung der Methodik, der Schule und der Umfeld-Analyse des Schülers. Es folgen Beschreibungen der Therapiestunden, der Befindlichkeit des Schülers und der Ergebnisse. Der Aufbau der Phasen ist in sich schlüssig und die Ergebnisse nachvollziehbar.

Die tiergestützte Arbeit wird auch in diesem Buch in klar definierte Bereiche unterteilt. Man spricht von tiergestützter Aktivität, Förderung, Pädagogik, Therapie. Verschiedene Bereiche von freier Kommunikation, gelenkter Aktivität, Didaktik und vielem mehr.

Meine Erfahrungen zeigen, dass es natürlich Unterschiede zwischen Besuchshunden und Tierbegleithundeteams gibt, die in allen erforderlichen Bereichen fachliches Wissen mitbringen und ausgebildet sind. Alle tragen in hohem Maß zur Verbesserung der Befindlichkeiten von Menschen bei. Nicht jeder Hund ist in jeder Disziplin Zuhause und auch die Fachlichkeit der Therapeuten oder Pädagogen liegt meist vor der Anschaffung eines Hundes vor. Wir sollten uns davor hüten, hier – wie überall - Schubladen zu schaffen, die sowohl den Therapeuten als auch den Klienten einschränken. Die tiergestützte Arbeit lebt von ihrer Faszination, von der Ressource Begeisterung zu schaffen. Sie lebt von der Ganzheitlichkeit und der Flexibilität (die hier nicht die ritualisierte Arbeit ausgrenzen soll). Nicht umsonst bilden gute Hundetrainer Therapiebegleithundeteams und Rettungshundeteams aus. Die Sinnhaftigkeit hierin liegt in der engen Zusammenarbeit und dem gegenseitigen Verstehen von Trainer und Hund, die letztendlich im Sinne von „eingespieltem Team“ die Grundlage für übergreifendes Arbeiten möglich macht. Natürlich gibt es innerhalb von Methodik auch Regeln und Kontinuität, aber ich arbeite mit Kindern und Tieren und deshalb muss es mir jederzeit möglich sein, Therapieeinheiten zu verändern, die Befindlichkeiten von Hund und Klient zu erkennen und im Sinne von Erfolg, Trainings jederzeit anders zu gestalten. Gelingen und Zufriedenheit für alle Beteiligten stehen im Vordergrund, auch wenn ich dabei Bereiche von Förderung, Aktivität … überschreite. Oder ergibt das eine nicht ohnehin das andere?

Mich stört in diesem Buch auch teilweise die Wortwahl. Man definiere den Begriff Anbieter, der hier stetig verwendet wird. Hier sei auch genannt, dass Verweise auf spezielle Vereine, Institute und Ausbilder rein subjektiv sind. Auf dem Internationalen Kongress tiergestützter Interventionen 2016 in Hannover wurden alleine für die Ausbildung von Hunden 275 Möglichkeiten benannt. Auch die Bereiche und Ausbildungsvorgaben festgelegt zu benennen, ist nicht möglich, da vieles in Deutschland – zum Glück - nicht geregelt ist. Natürlich bedarf es wissenschaftlicher Arbeit, konstruktivem Austausch, Qualitätsgrundlagen für Ausbildung und Arbeit, aber es gibt auch andere Seiten. Vielfalt, super Arbeit auch kleiner Verbände und das Wissen, dass jeder einzelne die Begeisterung und die Möglichkeit schafft. Ein Schulhund wird zu 99 % da sein, wenn ein Lehrer hundebegeistert ist und sich auf den Weg macht, und nicht umgekehrt. Es gibt unzählige Bücher mittlerweile, aber bei genauerer Betrachtung sind es oft die gleichen Autoren oder man verweist im kleinen Kreis aufeinander. Die Vielfalt geht verloren. Mein Hund ist auch kein Therapietier oder Objekt. Ein Objekt ist ein Roboterhund, der in Japan älteren Menschen als Gesellschafter zur Verfügung gestellt wird. Meine Hunde erleben jedes Training neu, in der gegenseitigen Achtsamkeit und der situativen verbalen und nonverbalen Kommunikation, in der Tagesform und der Befindlichkeit.

Ich forme auch keinen Hund, ich steigere vielleicht seine Begeisterung durch die gemeinsame Arbeit und den Spaß, mit und ohne Leckerlis, beim Tun. Unerlässlich dabei die eigene Beschäftigung mit Hundeverhalten und Tierpsychologie. Formen verhindert Beziehung und damit Verlässlichkeit. Ich bin immer begeistert Kollegen und Freunde für die Arbeit mit einzubeziehen.  Trotzdem würde ich meine Hunde niemals alleine Kollegen überlassen. Tiergestützte Arbeit wird als Team ausgebildet, mit ersichtlichem Grund. Tiergestützte Arbeit ist nie vorausschaubar.

Abschließend ist zu sagen: Das Fallbeispiel ist interessant, die Methode in Aufbau und Durchführung gut. Leider ist es oft viel zu kompliziert ähnliche Projekte an anderen Schulen zu etablieren.  Ich hätte mir insgesamt mehr zum Hund und weniger zu ADHS und Theorien gewünscht. Das kann man woanders nachlesen.

Der Preis von 49,99 € ist zu hoch. Vergleichbar mit anderen Büchern halte ich es mit 19,99 € für bezahlt. Einige Bilder oder farbige Abbildungen hätten einen höheren Preis gerechtfertigt. In hauptsächlich trockenen Aufzählungen kommt die Begeisterung zu tiergestützter Arbeit nicht wirklich zum Tragen.

Dipl. Des. Astrid Bojko-Mühr

aus neue AKZENTE 111, 3/2018

 

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