Für Eltern, Pädagogen und Therapeuten

Eva Josefine Jergens

Nahsinn-orientierter Ansatz zum Rechnen, Lesen, Schreiben und Rechtschreiben lernen mit gleichzeitiger Nachentwicklung von Motorik und Sprache

Handbuch für Schule, Therapie, Kindergarten und Elternhaus

Verlag: Perlesreut (Eigenverlag) 2016
Preis:€ 50,- (inkl. Versand).


Mit den Nahsinnen lernen

Über 1,7 Mio. Titel listet das VLB (Verzeichnis Lieferbarer Bücher), der Katalog des deutschen Buchhandels, auf. Dieses Buch hier gehört – warum auch immer – nicht dazu. Es wird selbst verlegt und sein Erfolg wird demgemäß von Mund-zu-Mund-Propaganda abhängen. Auch die Bereitschaft der Leser/-innen, 50 Euro (inkl. Versand) dafür zu bezahlen, könnte für seine Verbreitung maßgeblich sein. Lohnt sich die Anschaffung? Und falls ja, für wen?

2011 störte eine Studie der Universität Hamburg die Öffentlichkeit auf: Über 14 Prozent der Erwachsenen Deutschen, also rund 7,5 Mio. Menschen, sind funktionale, vier Prozent = zwei Millionen sogar totale Analphabeten. Außerdem gelten fünf bis sieben Prozent aller Kinder als rechenschwach. Lehrerinnen und Lehrer vor allem in den Grundschulen verzweifeln oft genug an den Betroffenen. Doch eigentlich sollten sie an ihrer Ausbildung verzweifeln, denn die versetzt sie nicht in die Lage, auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen von Kindern angemessen zu reagieren.

„Immer mehr Kinder kommen mit einem Entwicklungsrückstand im Bereich der Feinmotorik in die Schule. Dies betrifft hauptsächlich die Finger- und Sprechmuskulatur. Damit sind jene ‚Werkzeuge‘ betroffen, mit denen die Kinder das Rechnen, Lesen und Schreiben im Anfangsunterricht erlernen sollen“ (S. 16).

Mit diesem kleinen Absatz beginnt Eva Josefine Jergens ihr Buch. Ausgehend von den Erfahrungen mit den schulischen Problemen ihrer eigenen Tochter schildert sie die Entwicklung ihres methodischen Handwerkszeugs, das seine weitere Ausdifferenzierung der folgenden Arbeit als Lerntherapeutin und später als Hochschuldozentin verdankt.

Den zwei einleitenden Kapiteln über die Entstehung des „Nahsinn-orientierten Ansatzes“ und der Entwicklungseinflüsse im Vorschulalter folgen im Buch vier Teile mit zusammen 14 Kapiteln: zum Rechnen lernen, zum Schriftspracherwerb, zur Schichtendiagnose des „Nahsinn-orientierten Ansatzes“ sowie eine abschließende Zusammenfassung. Mit „Schichtendiagnose“ bezeichnet Jergens übrigens ein Testinstrument, das bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten bei Vorschul- wie auch Schulkindern erfasst. Es geht darin um Basisleistungen wie die Rechts-Links-Unterscheidung, die Feinsteuerung der Finger- und Sprechmuskulatur oder auch um das Verständnis der Grundrechenarten.

Wie hilfreich dieses Buch für Lehrende ist, zeigt sich beispielsweise an der Thematik der „Synkinesien“. Damit sind unwillkürliche Mitbewegungen zwischen der Sprech- und der Arm- bzw. Handmuskulatur gemeint. Rund 30 Prozent der Kinder mit Sprachwahrnehmungsproblemen sind derart stark davon betroffen, dass sie im LRS-Förderunterricht keine Fortschritte erzielen. Erst nach Auflösung der Kopplung von Mund und Hand kann ein Kind lernen, mit der Sprechbewegung die Schreibhand zu steuern. Lehrkräften fällt zwar in der Regel auf, wenn ein Kind beim Basteln Lippen oder Zunge mitbewegt, aber dass diese Kopplung für Rechtschreibprobleme verantwortlich sein kann, ist weitgehend unbekannt.

Nahsinnesbeeinträchtigungen müssen anders behoben werden als Defizite der Fernsinne. Wo eine Brille oder ein Hörgerät hilft, sind die Fernsinne korrigiert und beeinträchtigen die Lernfähigkeit nicht weiter. Defizitäre Nahsinne jedoch müssen „nachentwickelt“ werden. Tast- und Bewegungsempfindung sowie die Bewegungssteuerung von Fingern und Sprechwerkzeugen sind nun einmal die unverzichtbaren Voraussetzungen für das Erlernen der Kulturtechniken.

Lehrkräfte brauchen dieses Buch dringend, um den zahlreichen rechen- und/oder lese-rechtschreib-schwachen Kindern in der Schule effektiv und effizient helfen zu können. Erzieherinnen erfahren aus ihm, was es in der Kita schon zu stärken gilt. Lerntherapeuten erwerben neue, weiterreichende Kompetenzen zur Förderung von Kindern mit Lernproblemen im Basisbereich. Für sie alle lohnt sich die Anschaffung dieses Handbuches. Für das, was es bietet, ist es seinen Preis allemal wert.

Detlef Träbert

neue AKZENTE Nr. 105, 3/2016

 

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