Allgemein

Christoph Türcke

Hyperaktiv! – Kritik der Aufmerksamkeitsdefizit-Kultur

ISBN: 978-3-406-63044-6
Verlag: C. H. Beck, 2. Auflage, 2012
Preis: 9, 95 € (Broschiert)

Hyperaktiv – Kritik der fantastischen Spekulation
Der nachträglich applizierte Aufkleber auf dem Cover des Taschenbuchs begeistert: „Wie Kinder unserer Gesellschaft den Spiegel vorhalten“. Offenbar war der Buchtitel nicht plakativ genug. „HYPER-AKTIV!“ steht da in roten Majuskeln, schräg durchbrochen. Darunter eine Anspielung auf Kant: „Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur“. Drei Winke mit Zaunpfählen. Es geht um das populistische Reizthema der ADHS. Es ist ein Buch, das sich mit Kants „Kritik der reinen Vernunft“ philosophisch messen mag; vielleicht spielt der Untertitel auch mit der Idee einer wiedererstandenen allgemeinen Bedeutsamkeit des geisteswissenschaftlichen Denkens, mithin der Wiederkehr einer aufklärerischen Zeit, als Philosophen noch den gesellschaftlichen Diskurs bestimmten. Damals glaubte allerdings niemand, Kinder hielten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Erst Freud und seine Jünger kamen auf die Idee, dass jede menschliche Regung im zentralen und peripheren Nervensystem eine Botschaft sei, die es zu entschlüsseln gelte, um den Menschen im Ganzen zu verstehen. Und doch transportiert das Konzept absichtsvoller Spiegelung sozialer Missstände im Einzelnen den alten Gedanken: Kinder und Narren sagen die Wahrheit.

Ist das so? Reflektiert die ADHS oder ihre Symptomatik die gesellschaftlichen Bedingungen unserer Tage? Oder ist sie – was einen großen Unterschied macht – eine Folge der situativen Lebensbedingungen des Einzelnen, eine Folge unter anderen und durch die sozialen Verhältnisse begünstigt, jedoch keinesfalls erklärt? Jemandem den Spiegel vorhalten, meint etwas anderes als die Selbsterkenntnis der Folgen des eigenen Handelns. Hielten die Kinder in der ADHS der Gesellschaft einen Spiegel vors Gesicht, bedeutete dies, die Kinder würden ihre Existenz reflektieren und den Erwachsenen, welche die Gesellschaft gestalten, zum Vorwurf machen. Es hieße: Ich weiß, dass ich ein gestörtes Kind bin, und Du hast Schuld an dieser Störung! Du, Mutter und Vater, Du, Lehrer und Erzieher, ihr habt diese Welt geschaffen, in der ich als Kind nicht anders als gestört sein kann!

Welche Kinder wandeln auf den Spuren von Adorno, zitieren dessen „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ aus den „Minima Moralia“, gewillt, das richtige Leben von den Erwachsenen einzufordern?! Adorno sprach in seinem Aphorismus „Asyl für Obdachlose“, dem das sprichwörtlich gewordene Zitat entstammt, von der Unmöglichkeit, in seiner Zeit noch ein privates Leben zu führen, unberührt von den Einflüssen der den Menschen umgebenden Welt. Er macht der Welt ihr So-Sein nicht zum Vorwurf, auch wenn er sein Leiden an ihr konstatiert. Nicht anders als rund 175 Jahre früher Immanuel Kant, der mit seiner Kritik der reinen Vernunft nicht die Diskreditierung der Vernunft bezweckte, sondern sie in ihrem Urteilsvermögen vielmehr beschwor. Läse man den Türcke’schen Titel, wie der Kant’sche gemeint war, würde die Aufmerksamkeitsdefizitkultur nachgerade zur kritischen Urteilsbildung beitragen. Das hat Christoph Türcke mutmaßlich nicht gemeint, doch ist das angesichts der heterogenen Struktur des Wissens im Medienzeitalter kein abwegiger Gedanke.
So ist vom Titel bis zur Idee, ein Schulfach „Ritualkunde“ einzuführen, welche die zweite Hälfte von „Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur“ ausmacht, letztlich alles verschroben und vielfach auch schlicht falsch, was Christoph Türcke schreibt. Es beginnt mit einer eigewilligen Definition von Philosophie und Abqualifizierung der ADHS als „Hilfswort für etwas Unverstandenes“ im Vorwort, führt über anthropologisch fragwürdige Spekulationen zur menschlichen Frühgeschichte und endet bei einer plakativen Gesellschaftskritik bar jedes empirischen Befundes, dass man sich fragt, ob jemals ein Lektor des Beck-Verlags den Text gelesen hat, bevor er gedruckt wurde.

Kostprobe: „Die aktuelle Existenzkrise der menschlichen Aufmerksamkeit hat die Frage nach ihrer altsteinzeitlichen Entstehung erst dringlich gemacht.“ Unabhängig von der Frage, ob wir gegenwärtig eine „Existenzkrise der menschlichen Aufmerksamkeit“ durchleben – was Aufmerksamkeit ist, worin das Existenzielle der Aufmerksamkeit besteht und warum diese in einer Krise sein soll – sagen uns die archäologischen Funde, welche den über zwei Millionen Jahre umfassenden Zeitraum der Altsteinzeit definieren, nichts über die neurophysiologische Entwicklung des Menschen. Türckes psychoanalytisch verbrämten Ausführungen über die Entstehung und Bedeutung menschlicher Opferkultur sind bestenfalls eine Sammlung steiler Thesen zur Phylogenese des Menschen, realistisch eine die wissenschaftliche Datenlage teils spreizende, teils ignorierende Verbindung anthropologischer Erkenntnisse mit unsinnigen Aussagen über kognitive Strukturen und Prozesse, schlimmstenfalls eine esoterische Geschichte, die ein kulturphilosophischer Text sein möchte.

Es ist hier nicht der Raum, aufzuzählen, was im „Aufmerksamkeitsdefizitkultur“ überschriebenen ersten Kapitel des Buches alles nachweislich unsinnig ist. Beispielhaft sei an dieser Stelle die Erklärung auffälligen kindlichen Verhaltens als „psychosomatischen Reflex“ und „Anarchismus“ (S.12) angeführt, was zum einen die Spontaneität menschlichen Handelns leugnet und dem Denken, zu welchem die Aufmerksamkeit zählt, die Qualität eines Epiphänomens verleiht, zum anderen – und das ist letztlich ein Widerspruch zur vorgenannten These – in der Idee der anarchischen Verweigerung der Anpassung an die Ordnung der Gesellschaft dem kindlichen Verhalten die Intention eines Protests gibt. Türcke vergleicht letzteres mit der Bedeutung des „Streiks“ in der europäischen Arbeiterbewegung, was nicht nur absurd ist, sondern ein Exempel unter zahlreichen anderen Passagen des Buches darstellt, in denen er offenbar ohne historische Kenntnisse retrospektiv umschriebene Epochen und Veränderungen in einen willkürlichen Zusammenhang mit postulierten Wandlungen in der physiologischen Disposition des Menschen an sich bringt.

Was Türcke im Abschnitt „Das opfernde Tier“ schreibt, ist Mystik in Reinform. „Jedenfalls dürften die menschlichen Kollektive, die vor etwa 30.000 Jahren in der Lage waren, die Wände der Höhlen von Chauvet so zu bemalen, dass wir heute noch sprachlos davorstehen, schon einen hochentwickelten Opferkult entwickelt haben. Nicht unwahrscheinlich, dass dessen Anfänge, je nach Weltgegend, weitere zehn, vielleicht aber auch zwanzig oder vierzig Jahrtausende zurückreichen.“ Türcke stört sich nicht daran, dass uns kaum Hinweise auf Menschenopfer im Paläolithikum überliefert sind und auf diese lediglich aus der Häufung von Skeletten junger Menschen (die mutmaßlich erst später eines natürlichen Todes gestorben wären) an bestimmten Orten und spezifischen Folgen äußerer Einwirkungen auf die Körper geschlossen werden kann. Ganz zu schweigen von grausamen Opferritualen, die nicht selten von Feinden und Eroberern anderen Kulturen diesen zur Diskreditierung zugeschrieben, zumindest aber in Zweck und Ablauf entstellend dargestellt wurden. Türcke behauptet einen Übergang vom Menschenopfer zum Großtieropfer (S.19), der historisch nicht belegt und in dem von ihm postulierten Zusammenhang rein spekulativ ist.

Die verbindende Klammer dieser fantastischen Spekulationen ist der „traumatische Wiederholungszwang“ – ein Freud’sches Konstrukt, das erklären sollte, warum der Mensch bisweilen ein Leid sucht, das er bereits kennt. Für Freud spielte sich die Wiederholung des Leidens in der Therapie ab. Türcke macht daraus ein kulturstiftendes Moment, als habe die Entwicklung des Menschen an jenem Tag begonnen, als ein bislang unreflektiertes zweibeiniges Tier entdeckte, dass es nackt ist und Angst haben muss. „Gesucht wurde Rettung, gefunden Kultur“ (S.20). Mit Ritualen habe der Mensch dieser neuen Erkenntnis und Angst begegnen wollen. Die einzige Fußnote zu diesem Abschnitt, „Profanierung“ überschrieben, ist „Novalis 1978 [1797], 227“. Mehr ist dazu offenbar nicht zu sagen, nicht zu erklären, nicht zu begründen. Verschweigen wir daher vornehm die unsägliche Erläuterung der Sklaverei am Ende der „Profanierung“, ist sie doch so falsch wie die Aussage, dass die „erste industrielle Revolution […] im 19. Jahrhundert von England ausging“, wie das Gefasel über die Dampfmaschine und die „Objektivierung“ der Wiederholung durch die Technik, die im nächsten Abschnitt „Maschinelle Wiederholung“ stehen (S.22ff.).

Was im Abschnitt „Bildschock“ folgt und sodann zur „Hirnstörung“ überleitet, ist eine lustige Vermengung von Wahrnehmungspsychologie und Medienwirkungsgeschichte, eine Art Feuilleton für den laienpsychologisch interessierten Filmfreund, wo ein bisschen Sergei Eisenstein, Walter Benjamin und Claude Lévi-Strauss zitiert werden. Alles unsystematisch, dürr und plakativ, bisweilen gar ein bisschen polemisch-selbstmitleidig, wenn Professor Türcke beklagt, dass Frankfurter Studenten im Jahr 2011 gefordert hätten, eineinhalbstündige Vorlesungen durch ein bis zwei Pausen zu unterbrechen, da man sich keine 90 Minuten am Stück mehr konzentrieren könne (S.30). Kein Hinweis auf die Psychophysik des 19. Jahrhundert, die sich bereits in den 1860er Jahren – vor der Erfindung des Edison’schen Kinetoskops – mit der Messung von Wahrnehmungschwellen befasste; kein Hinweis auf entwicklungspsychologische Erkenntnisse zu Wahrnehmung und Gedächtnis; kein Hinweis selbst auf populärwissenschaftliche Vorläufer der Medienkritik wie Neil Postmans „The Disappearance of Childhood“ (1982) und „Amusing Ourselves to Death: Public Discourse in the Age of Show Business“ (1985), die frühe Reflexionen des Fernsehzeitalters waren, während Türcke im zweiten Jahrzehnt des Internetzeitalters noch immer übers Fernsehen schreibt, als verbrächten die Kinder von heute nicht längst bereits mehr Zeit vor PC und Smartphone als vor dem Fernseher.

All das recycelt großzügig Türckes „Erregte Gesellschaft – Philosophie der Sensation“ von 2002, über das Hannelore Schlaffer in der Frankfurter Rundschau schrieb, sein Autor sei ein „Dilettant unter Dilettanten“, dessen Ausführungen die Neurophysiologie simplifizierten und eine „eklektizistische Hortung von Angelesenem“ darstellten. Treffender kann man auch den Unfug nicht charakterisieren, den Türcke unter den Abschnitten „Hirnstörung“ und „ADHSHerd“ subsumiert. Da werden Anklänge der Freud’schen Triebtheorie bemüht, wenn Kinder von „motorischer Unruhe getrieben [sind], die kein Ventil, keine Ruhestätte findet“, als ob alle biologische Regung sinnhaft wäre, alles Leben nach Ruhe strebte. Da wird das „Minimal Brain Syndrome“ der 1940er Jahre bzw. die „Minimal Brain Dysfunction“ von 1960 fälschlicherweise in die 1970er Jahre datiert. „Wie man auf diese Diagnose kam? Allein durch den Erfolg bestimmter Medikamente.“ (S.31)

Vergessen, verdrängt oder nie gewusst, dass 1932 die deutschen Ärzte Franz Kramer und Hans Pollnow in der „Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie“ einen Artikel mit dem Titel „Über eine hyperkinetische Erkrankung im Kindesalter“ veröffentlichten, fünf Jahre, bevor der amerikanische Arzt Charles Bradley seinen berühmten Aufsatz „The behavior of children receiving benzedrine“ im American Journal of Psychiatry publizierte, zwölf Jahre vor der ersten Synthese von Methylphenidat (MPH), das Ciba ab 1954 unter dem Markennamen „Ritalin“ vermarktete – zunächst allerdings nicht für die Behandlung der ADHS.

Was Türcke dann über den Botenstoff Dopamin und das dopaminerge System des menschlichen Gehirns schreibt, ist samt und sonders falsch. Da enthält das indirekte Sympathomimetikum MPH neuerdings Dopamin; es „schlägt also zunächst eher im Kerngebiet der Nervenzellen an als an ihren synaptischen Rändern und übt damit eine gleichsam homöopathische Wirkung aus“ (S.33). Aha, das ist doch mal eine präzise Erläuterung der Funktion des Dopamin-Stoffwechsels unter dem Einfluss von Methylphenidat. Türcke versteht überhaupt nicht, worüber er schreibt, weder die Dopaminmangel-Hypothese noch die Bedeutung der Dopamin-Rücktransporter (DAT), die er zur „Theorie vom mangelhaften Dopamintransport“ (S.41) verkehrt.

Quasi als Höhepunkt des Unfugs wird Dopamin zu einer „höchst »kreativen« Substanz“ erklärt, welche synaptische Verschaltungen stimuliere, „dass sich bestimmte Nervenzellenfortsätze, die sogenannten Axone, so auswachsen, dass sie weiteren komplexeren Verschaltungen vielfältige Ansätze bieten“ (S.35). Auf diese Weise macht Türcke Dopamin vom Moderator der Hirnentwicklung zu einer ihrer Ursachen. Das klingt so, als hätte der Philosophieprofessor gerade mal den Titel von Manfred Spitzers Aufsatz „Besser als Gedacht: Lernen, Dopamin und Neuroplastizität“ in dessen populärwissenschaftlichem Sammelband „Schokolade im Gehirn“ von 2001 gelesen, allerdings weder verstanden noch sich getraut, diesen in der ohnehin dünnen Bibliographie seines Büchleins anzugeben. Vielleicht hat ihn kurz vor der Drucklegung von „Hyperaktiv!“ noch Spitzers gleichermaßen plastisch-eindrücklicher, in gewisser Hinsicht daher für das Nervensystem des Autors neuroplastisch wirksamer Titel „Dopamin und Käsekuchen“ (2011) erreicht … Über Kaffeekränzchen-Niveau kommt Türckes Suada über das Dopamin jedenfalls nicht hinaus.

Besonders ärgerlich ist das, wenn Türcke die Brücke vom Dopamin zum ADHS schlägt – sofern hier überhaupt von einer Brücke gesprochen werden kann. So wenig seine anthropologischen Spekulationen mit der ADHS zu tun haben, so ärmlich ist die Verbindung, die der Autor zwischen der Reproduktion neurophysiologischen Laienwissens und dem, was er in Kenntnislosigkeit der medizinischen und psychologischen Forschung ADHS nennt, zustande bringt. „Selten freilich ist eine Krankheitsdefinition so nebulös gewesen.“ Da schätzt man sich glücklich, dass Türcke nicht über Kopfschmerzen oder Magengeschwüre schreibt; wahrscheinlich hält er auch Fritz Zorns „Mars“ für ein Fachbuch über die Ätiologie von Krebserkrankungen. „Wo ein paar klare und ebenso konsequent wie teilnahmsvoll durchgehaltene Regelsetzungen vollauf genügt hätten, das Verhalten des Sprösslings einzudämmen, wurden langwierige Psychotherapien anberaumt und Psychopharmaka“ verabreicht (S.36). Die ADHS als „konstellatives, um nicht zu sagen, plastisches Phänomen […] war in den 1970er Jahren neu. […] Die Forschung hat es sich nicht ausgedacht. Sie hat es vielmehr nicht ausgehalten: das Missverhältnis von Wirkung und Ursachen nicht ertragen.“ (S.41) Das alles ist so albern, polemisch und vorwurfsvoll zugleich, dass es tatsächlich kaum auszuhalten ist.

Die fundamentale Ahnungslosigkeit Christoph Türckes in Hinsicht auf das Thema seines Buches, seine unreflektiertschamlose Esoterik und gnadenlose Humorfreiheit, die im zweiten Kapitel „Ritualkunde: Skizze eines Schulfachs“ kulminiert, stellt den Leser vor eine große Belastungsprobe. Da nimmt es nicht wunder, dass die umfangreichste Fußnote des Buchs dem „Zappelphilipp“ gewidmet ist (S.40). Türcke scheint nicht zu wissen, wie der „Struwwelpeter“ entstanden ist. Er nennt den Zappelphilipp „eine Figur, die nach den Maßregeln des deutschen Obrigkeitsstaates Mitte des 19. Jahrhunderts entworfen wurde, wo Kindern, namentlich Jungen, das Zappeln so früh wie möglich zugunsten militärisch durchorganisierter Verhaltensweisen abzugewöhnen war.“ Zugegeben, wer den Beginn der Menschheit im Opferritus und der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert verortet, der wird kaum wissen, dass Heinrich Hoffmann im Jahr 1848 einer der Abgeordneten im Frankfurter Vorparlament war und den badischen Revolutionär Friedrich Hecker in seinem Haushalt beherbergte.

1871 hat Hoffmann in der Zeitschrift „Gartenlaube“ über die Entstehung des „Struwwelpeters“ berichtet: „Gegen Weihnachten des Jahres 1844, als mein ältester Sohn drei Jahre alt war, ging ich in die Stadt, um demselben zum Festgeschenke ein Bilderbuch zu kaufen, wie es der Fassungskraft des kleinen menschlichen Wesens in solchem Alter entsprechend schien. Aber was fand ich? Lange Erzählungen oder alberne Bildersammlungen, moralische Geschichten, die mit ermahnenden Vorschriften begannen und schlossen, wie: Das brave Kind muss wahrhaft sein; oder: Brave Kinder müssen sich reinlich halten usw.“ Hoffmanns „Struwwelpeter“ war gerade kein pädagogisches Programm, sondern das bis Harry Potter erfolgreichste Kinderbuch der Welt, das Kinder aus denselben Gründen lieben wie Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ oder die Bilderbücher von Tomi Ungerer, die auf jeder Seite ein blutiges Detail enthalten.

Türcke ist ein hoffnungsloser Erwachsener, der nichts, aber auch gar nichts von Kindern versteht. Er schwadroniert über den „Anarchismus“ kindlichen Verhaltens (s.o.) und begreift doch nicht die sublime Anarchie des Zappelphilipps. Schlimmer noch: Er entblödet sich nicht, von der „trostlosen Verlassenheit des Kindes am Esstisch“ zu schreiben und diese mit dem Tod der Mutter ein Jahr nach Hoffmanns Geburt in Verbindung zu bringen, völlig unbeleckt von dem Umstand, dass der kleine Heinrich die jüngere Schwester seiner Mutter, die der Vater drei Jahre später heiratet, liebte, wie man (s)eine Mutter nur lieben kann, und diese ihn liebte wie die jüngeren Halbgeschwister. Das ist das Grundprinzip von „Hyperaktiv!“ – es ist eine einzige verständnislose Collage von kumuliertem Halbwissen, eine programmatische Phrasen-Sammlung auf der Modewoge einer medienaffinen Vermarktung der ADHS. Und der seit einem Jahr andauernde Hype um dieses kulturphilosophische Dilettantenstück gibt ihm und seinem Verlag auf traurige Weise recht.

Man kann schier endlos fortfahren mit Zitaten aus Türckes Machwerk, das Belangloses, Beliebiges, Bedenkliches zur Konstruktion einer „Kulturstörung“ zusammenschraubt wie weiland John Chamberlain seine Kunstwerke aus Autoschrott. Forsch verspottet er die Naturwissenschaft: „Wer sich eine Störung im Gehirn lediglich in mechanischmaschineller Terminologie zu vergegenwärtigen vermag, sich darunter nur Gendefekte, Verletzungen, Verschleißerscheinungen und Schaltfehler vorzustellen weiß, hat selbst einen Ausfall“ (S.42). Das Konzept der „shared intention“ des amerikanischen Psychologen Michael Tomasello bezichtigt er „evolutionstheoretischer Kindlichkeiten“ (S.63), offenbart dabei jedoch selbst eine peinliche Kenntnislosigkeit basaler wissenschaftsgeschichtlich bedeutsamer Theorien.

Seine einem besinnungslosen Götzendienst am Übervater Sigmund Freud verpflichtete Enttäuschung, dass Tomasello nicht von „traumatischem Wiederholungszwang, Ritual, Heiligung, Opfer, Kult“ spricht (S.61), korrespondiert mit einer Ausblendung sämtlicher Erkenntnisse der Evolutionsforschung seit de Lamarck. „Menschen sind Wiederholungstäter. Mehr noch: Erst dadurch, dass sie auf artspezifische Weise zur Wiederholungstätern wurden, wurden sie zu Menschen.“ (S.13) Wahrscheinlich nimmt der Mensch nur deshalb regelmäßig Nahrung zu sich, um das Trauma des Hungers zu bewältigen … Glaubt man Türcke, so haben nicht Vererbung, nicht Mutation, nicht Anpassung den Menschen zum derzeitigen Höhepunkt evolutionärer Entwicklung gemacht, sondern der Homunculus eines kleinen Psychoanalytikers, der in unser aller Köpfen wohnt und zur permanenten redundanten Selbstreflexion antreibt.

In der obsessiven Idee des traumatischen Wiederholungszwangs ist schließlich auch die entstellende Reduktion des Aufmerksamkeitsbegriffs grundgelegt, welche die weiteren Ausführungen Türckes zum „Multitasking“ kennzeichnet. Zwar ist es wünschenswert, dass der Autor eines Buches zum Aufmerksamkeitsdefizit wenigstens über Grundkenntnisse der Wahrnehmungs- und Gedächtnispsychologie verfügte. Dass der Philosophieprofessor allerdings nicht einmal Jean-Paul Sartres Konzept des thetischen und nicht-thetischen Bewusstseins kennt sowie nurmehr Plattitüden über eine von ihm völlig kontingent gebrauchte Idee der Aufmerksamkeit absondert, ist unverständlich. „Abwaschen und Nachrichten hören, das geht. […] Gleichzeitig Nachrichten hören und einen Text schreiben geht hingegen gar nicht; erst recht nicht abwaschen und Yoga machen.“ (S.54f.) Und einmal mehr panegyrische Freud-Verehrung: „Die multiple Aufmerksamkeit, die sich gleichzeitig mit voller Kraft auf ganz verschiedene Gegenstände richtet, ist ein Unding – und nicht zu verwechseln mit der »gleichschwebenden Aufmerksamkeit«, die Freud den Psychoanalytikern anempfahl.“ (S.55)

Aufmerksamkeit ist für Türcke schlicht die bewusste Auseinandersetzung mit einer Sache. Allenfalls mag der Psychoanalytiker ein bisschen „gleichschweben“ als vermeintlich absoluter Herrscher über die Therapiesituation. Der normale Mensch, dem es an der Erleuchtung durch die Freud’sche Offenbarung und Anleitung gebricht, ist stets nur bei einem Ding in der Welt. Da ficht es den Philosophieprofessor nicht an, dass Sarte in „Das Sein und das Nichts“ darlegte, wie wir um uns selbst wissen, auch wenn ein anderer Teil unseres Bewusstseins draußen in der Welt ist. Bei Türcke gibt es keine Plausibilitätsprüfung anhand der eigenen Existenz, die beim Durchschreiten des Universitätsbüros zig sensorische Parameter gleichzeitig kontrolliert. Wie gut für den Autor, dass sein Gehirn multiple Aufmerksamkeitsbereiche hat, sonst hätte er über das Schreiben des Buches seinen Hunger vergessen, die Tasten des Computers verfehlt, das Telefon überhört, die Schmerzsignale seines Rückens ignoriert, das Gespräch mit dem Verleger versäumt. Die komplexe Steuerung der zahlreichen Aufmerksamkeitsprozesse in seinem Gehirn werden Herrn Türcke zu seinem Besten auf ewig unzugänglich bleiben. Andernfalls würde er wahnsinnig, wenn er wüsste und erlebte, wie viel multiple Aufmerksamkeit sein Gehirn aufbringen muss, um einen Bruchteil seiner Ressourcen für den singulären Gedankenstrom bereitzustellen, aus dem ein Text wie der seiner „Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur“ entsteht.

Andererseits: Vielleicht ist Türcke längst in die von ihm beschriebene „Repsychotisierung“ verfallen, denn der gleichnamige vorletzte Abschnitt des ersten Kapitels stellt einen weiteren Höhepunkt an fantastischer Spekulation dar, allerdings unter Beugung sämtlicher umgangs- wie wissenschafts-sprachlich besetzten Begriffe. Da wird eine „technische Einbildungskraft“ beschworen, welche die menschliche Einbildungskraft blass und neidisch werden lasse, als bildeten Maschinen nicht ab, sondern ließen sich psychisch beeindrucken. Dazu passt das Bleuler-Zitat, das aus dem Eugen einen „Egon“ macht (S.73) und das psychiatrische Wissen der Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts evoziert, insofern stimmig zum Stand des psychologischen Wissens Türckes, das bei Sigmund Freud anfängt und bei Sigmund Freud aufhört. Türcke schließt sich insgeheim den Nominalisten im mittelalterlichen Universalienstreit an: „Vorstellungen haben allesamt als Halluzinationen begonnen und erst lernen müssen, sich davon zu unterscheiden.“ (S.73) Das ist, als hätte das menschliche Denken im Wahn seinen Ausgang genommen und später die Wirklichkeit entdeckt, als hätten wir erst geträumt und dann die Gegenstände unseres Träumens in der Welt vorgefunden.

Zwei Seiten später schreibt Türcke, „die wachsende Unwilligkeit und Unfähigkeit von Studierenden, einer Vorlesung zu folgen, die nicht mit Bildern unterlegt ist, sind starke Indizien dafür, dass die Anlehnungsbedürftigkeit von Vorstellungen an Wahrnehmungen dramatisch zunimmt.“ (S.75) Die Komik dieser Klage scheint Türcke nicht bewusst zu sein: Der Student von heute fordert unverfroren einen Realitätsbezug ein, anstatt in der entspannten Folie à deux dem psychodynamischen Assoziationsfluss des Dozenten zu folgen. Das ist eine Hommage an Hegel, der dem Vorwurf, seine Philosophie finde in der Wirklichkeit keine Entsprechung, einst souverän begegnete: „Desto schlimmer für die Tatsachen!“ Immerhin ordnet die Philosophiegeschichte Hegels Denken folgerichtig dem deutschen Idealismus zu. Wo Christoph Türckes Werk, das ungeachtet unseres inzwischen exorbitant gewachsenen Wissens zu kognitiven Funktionen wie Träumen oder Denkstörungen wie Psychosen auf dem Erkenntnisniveau der Freud’schen „Traumdeutung“ von 1900 verharrt, einst verortet werden mag, muss an dieser Stelle offen bleiben. Vielleicht wird es in der Zukunft einer sodann sich retrospektiv abzeichnenden Schule der Psychomystik subsumiert werden. Sein zweifacher Verweis auf den französischen Oratorianer Nicolas Malebranche (S.64, S.78) würde das rechtfertigen.

Auf eine eingehende Analyse des zweiten Kapitels von „Hyperaktiv!“ soll im Folgenden verzichtet werden. „Ritualkunde: Skizze eines Schulfachs“ baut auf der „Aufmerksamkeitsdefizitkultur“ auf wie der Turm zu Babel auf dem Sand der arabischen Wüste. Türcke schlägt vor, „soziale Strukturen ritual-theoretisch zu reformulieren: als geronnene Wiederholungen“ (S.107). Man sieht bereits das Leuchten in den Augen der Lehrerinnen und Lehrer an den in vier Jahrzehnten bis zur Erschöpfung der pädagogischen Vorstellungskraft ideologisch kaputtreformierten deutschen Schulen, die sich auf die raumgreifende Gegenstandslosigkeit eines weiteren abstrakten Schulfachs freuen, das die Zeit stiehlt, die einst zum Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens genutzt wurde.

Die Lernpsychologie weiß längst, dass „Lernen lernen“ so sinnvoll ist wie „Filmen filmen“ – eine selbstreferentielle Tätigkeit des Gehirns, die Inhaltsleere mit der Selbstgefälligkeit eines vermeintlichen Lebens auf der Metaebene kaschiert. Der dumme Schülerspruch, man müsse nichts wissen, nur wissen, wo es steht, verkennt, dass unser Gehirn das Wissen assoziativ speichert, weswegen Inhalte zu Strukturen führen, nicht Strukturen sich wie vorgeformte Schubladen mit eingeschütteten Inhalten füllen. Der Vorschlag, „Ritualkunde“ zum eigenständigen Schulfach zu erheben, ist so geistreich, wie ein Fach „Benimmkunde“ einzuführen. Kritiker dieser vor Jahren diskutierten Idee erklärten zurecht, dass gutes Benehmen der Kinder von jedem Lehrer in jedem Schulfach, von jedem Erwachsenen zu allen Zeiten der Gemeinschaft mit Kindern eingefordert werden sollte. In gleicher Weise sollten Rituale als verlässliche Strukturen jede Umgebung prägen, in der Kinder aufwachsen, allein nur, um nicht jeden Tag aufs Neue umständlich die soziale Ordnung zu diskutieren, die für das Lernen in der Gemeinschaft notwendig ist.

Was bleibt am Ende Lehrreiches von der Lektüre des Türcke‘schen „Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur“? Dieses: Mit dem Thema ADHS kann man gutes Geld verdienen, nachgerade auch dann, wenn man weder Arzt noch Pharmazeut ist. Sigmund Freud ist, zumindest in Deutschland, ein Untoter wie Rudolf Steiner; für manche ist der 23. September 1939 offenbar ein Fanal wie der 21. Dezember 2012: Das Ende der Welt kommt mit dem Ende des Kalenders, das Ende der wissenschaftlichen Erkenntnis kam mit dem Tod Freuds. Es gibt kein Lektorat mehr in Verlagen: „Egon Bleuler“ ist fast so gut wie der Fehler in der ersten deutschsprachigen Ausgabe der Steve Jobs-Biographie von Walter Isaacson, als das Silicon Valley zum Tal des Silikons statt des Siliziums wurde; doch steht der Fauxpas, der übrigens in der Bibliographie korrigiert ist, prototypisch für ein Werk, das in der Sache so abstrus und fehlerhaft ist, dass ein anerkannter Wissenschaftsverlag die Veröffentlichung eigentlich hätte ablehnen müssen.

Nun mag sich an diese Rezension eine Diskussion darüber anschließen, ob die vorliegende Kritik in unzulässiger Weise eine abweichende Meinung torpediert. Nein, das tut sie nicht! Die Ausführungen Türckes über die ADHS, das Gehirn, den Neurotransmitter Dopamin, die Aufmerksamkeitssteuerung, die Frühgeschichte der Menschheit, die sozialen Transformationen von der Industrialisierung zum Internetzeitalter sind bestenfalls Spekulationen, weitenteils falsch. Die esoterische Grundtendenz dieses bemüht philosophischen Textes ist ein evidentes Faktum, das mit einer Ausblendung großer Teile der empirischen wissenschaftlichen Forschung der letzten Jahrzehnte einhergeht. Daher sind Türckes Thesen allenfalls auf der Ebene bemühter Anregung einer ohnehin anhaltenden Diskussion des Konzepts, der Ursachen und Auswirkungen der ADHS von Bedeutung. Doch selbst bei wohlwollender Betrachtung sind diese Spekulationen sinnlos, die Hypothesen – sofern sie im feuilletonistischen Sammelsurium von Türckes Schreibfluss überhaupt an Kontur gewinnen – widerlegt. Nett, einmal mehr über die ADHS gelesen zu haben; das Gelesene selbst kann man getrost vergessen.

Dr. Johannes Streif

neue AKZENTE Nr. 94 1/2013
 

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