Allgemein

Dieter Bohlen

Der Bohlenweg

Planieren statt sanieren

ISBN-10: 3837175413
Erschienen 2008 bei Heyne,
als Hörbuch bei Random House Verlag

Alles auf Anfang – Was ADHSler von Dieter Bohlen lernen können

Ich gestehe es frei: Ich bin Dieter-Bohlen-Fan! Weder ein ausgewiesener Kenner noch Konsument seiner Musik, doch ein früher Anhänger seines literarischen Schaffens, sei es nun ganz das seine oder das von Ghostwritern. Im Grunde ist nicht zu verstehen, warum dieselben intellektuellen Medienkritiker sich einerseits darüber mokieren, dass BILDunterschriften-Dichter mit und für Bohlen schreiben, andererseits die Qualität der Bohlenschen Prosa für so dürftig erachten, dass man ihm letztlich nicht vorwerfen kann, er berühme sich der Leistungen anderer. Daher an dieser Stelle ein zweites Geständnis: Ich habe noch keines der Bohlen-Bücher gelesen, wohl aber mit großem Vergnügen gehört. Egal, wie man über den Inhalt seiner Werke denkt – und das gilt für die arme Lyrik seiner musikalischen Verbrechen nicht minder als für seine Proletarier-Prosa: Er ist ein besserer Referent seiner Werke als die meisten deutschsprachigen Schriftsteller unserer Zeit, die im Mittel so qualvoll lesen wie sie schreiben.

Nichts als die Wahrheit

2002 erschien Bohlens publizistisches Erstlingswerk „Nichts als die Wahrheit“. Die Ironie des Titels entging den meisten Rezensenten. Dieter Bohlen, Inbegriff der Stilisierung und globalen Vermarktung, rekurrierte auf ein vermeintlich wahres Selbst, sozusagen die eigene selbstproduzierte Geschichte. Dieselben naiven Feuilletonisten, die Kafkas „Brief an den Vater“ bis heute für reine Autobiographie halten, suchten damals nach dem Dieterich, dem Generalschlüssel zum Keller des Bohlen-Lebens, wo sie die Leichen seiner Anmaßung und Dummheit vermuteten. In Wahrheit war „Nichts als die Wahrheit“ eine großartige Konstruktion, die einmal mehr einen Markt bediente, den es leider bereits gab: Hardcore-Fans, welche die Leere des eigenen Lebens mit den Inhalten anderer Existenzen befüllen; Berufskritiker in den Medien, die ihren Einfluss als Meinungsmacher maßlos überschätzen, ihre mediale Missbrauchbarkeit für Werbung jedoch schamlos unterschätzen; und Freunde des Kabaretts – wie mich! –, die Josef Haders Jahrhundertprogramm „Privat“ hemmungslos verehren, weil es ungefähr so privat ist wie Bohlen wahrhaftig.

Ich habe den Grundstein für den wirtschaftlichen Erfolg der Bohlenschen Hörbücher gelegt. An die zehn Mal habe ich Weihnachten 2002 „Nichts als die Wahrheit“ im Original-CD-Set verschenkt. Das ist die bittere Wahrheit, und ich schäme mich bis heute nicht dafür. Bohlen liest seine Bücher nicht wie ein Englischlehrer seinen Shakespeare, als habe der die „Nutrition Facts“ von Müslipackungen verfasst, sondern spricht sie in frei anmutender Rede, als erzählte er tatsächlich vom Leben, dem eigenen und dem der anderen. „Onkel Dieters Märchenstunde“ hat Gero von Büttner seine humorvolle Kritik von Bohlens drittem Opus „Der Bohlenweg“ im Literaturcafé daher durchaus treffend betitelt. Wobei es ihm wie mir nicht um die Qualifizierung der Texte als wahr oder falsch geht, sondern um den lustigen pädagogischen Gestus, der Bohlens Bücher zu verdammt guten Lehrbüchern macht.

Immerhin scheint, wie von Büttner angesichts der unisono vernichtenden Medienkritiken klug bemerkt, niemand, der vor Bohlen bereits las, diesen zu rezipieren, so dass die Bestsellerauflagen offenbar von Leuten gelesen werden, die Günther Grass für einen Bruder des Schwarzen Afghanen, Roten Libanesen und Grünen Türken halten – und Drucksachen für kaputte iPads. So kommt Dieter Bohlen das unbestreitbare Verdienst zu, Teile einer illiteraten Jugend zum Lesen verleitet und zugleich, nebst Joanne Rowling und Rufus Beck, die deutsche Hörbuchindustrie vor dem Konkurs gerettet zu haben. Zu Bohlens zweitem literarischem Werk „Hinter den Kulissen“ sei an dieser Stelle nur so viel gesagt: Die Klagen von Personen, die in ihm Erwähnung finden, und welche schließlich zu Textänderungen führten, legen nahe, dass sein Inhalt irgendwo zwischen Wahrheit und Märchenstunde anzusiedeln ist. Und ich, stolzer Besitzer auch des Zweitwerks, zähle die ungekürzte Originalausgabe zu meiner Hörbuch-Sammlung. Lieber Gott, lass sie einst so wertvoll werden wie die badische 9-Kreuzer Briefmarke mit Farbfehldruck von 1851!

Der Bohlenausweg

Ja, auch der „Bohlenweg“ ist ein Meisterwerk des Kabaretts. Fast scheint es, Dieter Bohlen wandelt auf den Spuren von Josef Hader, der dem unfassbar erfolgreichen „Privat“ im Jahr 2004 das Programm „Hader muss weg“ folgen ließ. Zumindest der Untertitel „Planieren statt Sanieren“ ist demselben Prinzip verpflichtet: Nur einer kann Hader ersetzen: Hader; nur einer macht Bohlen platt: Bohlen. Eigentlich sind Bohlenwege ja Holzstege durchs Moor. Der Dieter-Bohlen-Weg ist jedoch eine breite Straße mitten in den Sumpf einer selbstgefälligen deutschen Gesellschaft. In 30 Kapiteln rechnet der Produzent Bohlen mit einem Show-Business ab, das er selbst geprägt hat, der Steuerzahler Bohlen mit einem Staat, in dem er – anders als viele Promis – bis heute seine Steuern zahlt, der vermeintliche Privatmann Bohlen mit der Vermarktung des vermeintlich Privaten, an dem er gut, sehr gut verdient. Bohlen ist kein Weichei, das sich in einem letzten weinerlichen Akt resignativer Abrechnung aus der Welt verabschiedet, sondern ein Überlebenskünstler, der lebt, was er schreibt: Kapitel 19 „Wie man aus Scheiße Geld macht“.

Wer nun allerdings glaubt, Bohlen sei so selbstkritisch, dass er das eigene Werk scheiße findet, der irrt. Das Leben mag bisweilen beschissen erscheinen und genau so sein, doch wo ein Wille ist, gibt es stets auch einen Bohlenausweg. „Don’t Throw My Love Away“ hieß sein erster erfolgloser Song, den er 1980 unter dem Pseudonym „Steve Benson“ veröffentlichte. Das war kein sentimentaler Appell, sondern eine veritable Drohung: Wer mich heute verschmäht, wird morgen nicht an meinem Erfolg teilhaben. Die Geschichte hat ihm Recht gegeben. „Rechnet mit mir!“, ist das Motto, das ihn gegen alle Widerstände zu einem der erfolgreichsten deutschen Künstler gemacht hat. Jawohl, Künstler! Denn es ist ein Kunststück, sowohl für die Wildecker Herzbuben als auch für Smokie erfolgreiche Stücke zu schreiben, und in über 30 Jahren Einspielungen für hunderte Millionen von Tonträgern zu produzieren, die sich selbst im Downloadzeitalter noch in Auflagen verkaufen, welche für Coldplay respektabel wären. Schließlich wird Kunst durch zwei Faktoren bestimmt: Das Kunst-Wollen, das absichtsvolle Schaffen des Künstlers, und die Würdigung durch ein Publikum, das gewillt ist, im Werk eines anderen mehr zu sehen als die Summe seiner Materialien. Dieter Bohlen erfüllt beides, weil er erfolgreich sein wollte und Erfolg hat.

Was man von Dieter Bohlen lernen kann

Was können ADHSler lernen, die auf dem Bohlenweg wandeln? Nicht aufgeben! Egal wie schlecht du singst oder Gitarre spielst – fürs Fernsehen reicht es immer (Kapitel 3). „Currywurst statt Kaviar!“ Das Leben dreht sich ums Brot, nicht um den feinen Aufstrich, weshalb das Glück einfach ist und das Unglück kompliziert (Kapitel 4). Keine toten Pferde reiten! Planieren statt sanieren, Neuanfang statt Melancholie, wenn sich eine Strategie als erfolglos erwiesen hat (Kapitel 6). Anpassen! Nichts ist dümmer als ein intellektueller Stolz, dessen Wirksamkeit sich im Selbstmitleid erschöpft, verkannt zu sein (Kapitel 9)! Kritik und Selbstkritik! „Lieber von den Richtigen kritisiert als von den Falschen gelobt“, wie Bohlen in Kapitel 12 schreibt, schützt vor Arroganz und Fehlern, welche die anderen bereits gemacht haben. Anstrengung und Leistung! Man mag es auch gefälliger formulieren können, doch es trifft den richtigen Punkt, wenn man seinem „Glück in den Arsch“ tritt (Kapitel24). Wer zuletzt lacht, lacht am besten! Wer mit anderen lacht, kann über sich selbst lachen; wer über andere lacht, dem fehlt der Humor für das eigene Leben (Kapitel 26).

„Lernt um euer Leben“ überschreibt Bohlen das zentrale Kapitel 17 und fügt als Unterzeile ein: „Man weiß oft erst später, wozu man etwas braucht.“ Vielleicht hat er das Leben besser verstanden als manch Vater, Mutter, Lehrer oder Therapeut. Freilich stimmen sowohl naive wie auch professionelle Erzieher unserer Tage gleichermaßen das Mantra des lebenslangen Lernens an. Als Marschmusik auf dem Bohlenweg ist die Suada von „Planieren statt sanieren“ jedoch weitaus eingängiger und authentischer als viele pädagogische und therapeutische Maßnahmen, und dies ungeachtet der Wahrheit, nichts als der Wahrheit, dass Bohlen seit 2002 nachgerade Wahrheiten verkauft, die ansonsten unter den Altvorderen unserer Gesellschaft nicht im Verdacht stehen, bei der Jugend ausgesprochen populär zu sein: „Arbeite! Arbeite! Arbeite! Denn nichts bekommst du umsonst.“ Freunden der Wiener Klassik mag „Modern Talking“ ja vorkommen wie eine grellbunte Orwell-Variante von „Modern Times“. „Si tacuisses, philosophus mansisses!“ sagt da gequält der Lateiner alter Schule, der seinen Boethius erinnert. Auf dem iPod könnte „Bohlen – das Hörbuch“ hingegen einen vernünftigen Kompromiss darstellen. „Lausche und lerne!“, fordert der österreichische Psychologe und Kabarettist Bernhard Ludwig sein Publikum ein ums andere Mal auf. Und wird man von Freunden gefragt, was man da gerade höre, darf man zugeben, dass es „You Can Win If You Want“ sei, mit der sogleich entschuldigend nachgeschobenen Erklärung: „Aber nicht die gesungene Version!“

Dr. Johannes Streif

neue AKZENTE Nr. 91 1/2012
 

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