Allgemein

Stephan Marks

Die Würde des Menschen

oder: Der blinde Fleck in unserer Gesellschaft

ISBN: 978-3579067551
Verlag: Gütersloher
Verlagshaus, 2010
Preis: 19,99 €

Die „Kultur der Entwürdigungen“ überwinden

Niemand stellt Art. 1 Abs. 1 des Grundgesetzes in Frage: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Die Menschenwürde bildet das Zentrum der Menschenrechte. Dennoch wird sie täglich und ständig verletzt – ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft. Stephan Marks hellt ihn mit seinem neuen Buch „Die Würde des Menschen“ auf.

Er weist darauf hin, dass das Bewusstsein für Würdeverletzungen bei uns nicht stark ausgeprägt ist, wie Witze auf Kosten anderer, die nachbarschaftliche Gerüchteküche mit leichtfertigen Verleumdungen, das weitverbreitete Mobbing in Arbeitswelt und Schule und vieles mehr belegen. Gerade in der Schule erleiden Kinder und Jugendliche (und auch zahlreiche Lehrkräfte!) täglich Kränkungen. Die Zusammenhänge mit Amokläufen sind bekannt, ohne zu Konsequenzen zu führen; über die Zusammenhänge mit den Lernleistungen der Schülerinnen und Schüler wird kaum nachgedacht – angesichts von (internationalen) Schulleistungs- Vergleichsstudien unverständlich.

Stephan Marks analysiert jedoch nicht nur, sondern zeigt auf, was zu tun ist: „Die Würde eines Menschen zu wahren bedeutet, ihn in seinen Grundbedürfnissen nach Schutz, Zugehörigkeit, Integrität und Anerkennung anzunehmen und zu unterstützen“ (S. 45). Er benennt also positiv, wie Menschen mit Menschen im Sinne von Menschenwürde umgehen sollten. Die vier Grundbedürfnisse leitet er aus der Schampsychologie ab. Diese beschreibt, wie sich Scham entwickelt, welche Funktionen sie für den Menschen hat und wie sich Schamverletzungen auswirken.

Sich selbst zu schämen ist eine aktive emotionale Reaktion des Menschen auf bestimmte Situationen. Gesunde Scham steht in Verbindung mit dem eigenen Gewissen und dem Verinnerlichen sozialer Verhaltensweisen. Sie entwickelt sich, wenn das Kind von klein auf eine Atmosphäre von Schutz, Zugehörigkeit und Integrität erlebt.

Damit kann es einen Begriff von seiner Würde und der anderer gewinnen und lernen, sie zu schützen. Beschämung jedoch kann so viel Scham auslösen, wie nicht mehr zu verarbeiten ist. Solche pathologische oder ‚giftige‘ Scham kann zur Schamabwehr führen, die sich beispielsweise in Verachtung, Beschämung, Zynismus, Negativismus, Arroganz, Wut, Rache, Sucht, Größenfantasien u. a. m. zeigt. Das ist die Quelle der weitverbreiteten Verletzungen der Menschenwürde. Der Autor belegt eindrucksvoll, dass Scham keine „Privatsache“ ist: „Sie ist der soziale Affekt. Sie reguliert das menschliche Verhalten und steuert Nähe und Distanz, Privatheit und Öffentlichkeit, Zugehörigkeit und Ausgrenzung, Anpassung und Integrität“ (S. 55).

Ein zweites Kapitel über „Die Deutschen und die Menschenwürde“ vervollständigt den ersten Teil des Buches. Es erklärt aus historischer Perspektive, warum wir heute in einer „Kultur der Entwürdigungen“ leben – eine Analyse, die mich sehr nachdenklich macht. Mit dem zweiten Buchteil gibt Marks dann Antworten auf die Frage: „Wie könnte es uns gelingen, unsere menschliche Kreativität für eine Kultur der Menschenwürde freizusetzen?“ (S. 110)

Vier Kapitel befassen sich mit der Menschenwürde und ihrer Beziehung zu sich selbst, zum Du, zum Thema (z. B. Unterrichtsfach) und schließlich „im Kontext“, also mit strukturellen Entwürdigungen. In diesem Teil habe ich mehr noch als im ersten immer wieder innegehalten und meine eigenen beruflichen (Lehrer, Berater, Fortbildner) und privaten Erfahrungen Revue passieren lassen. Noch nie ist mir so bewusst geworden, warum und wie leicht wir die Grundbedürfnisse nach Schutz, Zugehörigkeit, Integrität und Anerkennung von Kindern und Jugendlichen im Alltag verletzen, wie bei der Lektüre dieses Buches. Es hat mich jedoch nicht zur pathologischen Schamabwehr veranlasst, sondern mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen.

Das Buch ermutigt seine Leser/innen, die vorhandenen Möglichkeiten wahrzunehmen, für die Menschenwürde einzutreten. „Anders – menschenwürdig – lernen und miteinander umgehen: Es ist höchste Zeit, damit anzufangen. In der Schule, aber auch in anderen Arbeitsfeldern und Bereichen unserer Gesellschaft. Die Ideen, Methoden und Kompetenzen dafür stehen bereit – einige davon konnten in diesem Buch vorgestellt werden.

„Ich bin überzeugt, dass die Zeit reif ist“ (S. 227), schreibt Stephan Marks gegen Ende seines Buches. Ja – die Zeit ist reif für mehr Menschlichkeit, und „Die Würde des Menschen“ ist für den entsprechenden Prozess hilfreich. Unbedingt lesen!

Dipl.-Päd. Detlef Träbert

neue Akzente Nr. 88 1/2011

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