Allgemein

Klaus Skrodzki, Klaus-Peter Grosse

Tischatlas Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung

Thieme-Verlag

ISBN 978-3-13-134681-7

Preis: 29,95 Euro

Können Sie sich noch an das erste Mal erinnern? Das erste Mal, als ein Arzt oder Psychologe versuchte, Ihnen ADHS zu erklären, welches man bei Ihrem Kind diagnostiziert hatte. Vielleicht ging es Ihnen wie mir.

Von ADHS hatte ich zuvor noch nie gehört; wir hatten die Entwicklung unseres Sohnes zunehmend mir Sorge beobachtet, und nun sollte eine ärztliche Untersuchung Beruhigung verschaffen. Aber jetzt saß ich aufgeregt da, und wissenschaftliche Erkenntnisse und Termini prasselten auf mich ein: ADHS als diagnostiziertem Krankheitsbild nach ICD-10 – nach evidenzbasierten Tests wie der Connor-Rating-Scale trifft es auch auf unser Kind zu – tja, eine komplexe Entwicklungsstörung verschiedener Ausprägung – mit dem multimodalen Therapiekonzept und eventueller medikamentöser Versorgung kriegen wir das schon hin – aber die Betroffenen haben ADHS lebenslang – wenn sie nicht schon in der Pubertät gescheitert sind – die Gefahr von auto- und fremdaggressivem Verhalten ist besonders bei den Jugendlichen maximiert – aber …

Die Ärztin bemühte sich redlich, mir die ADHS zu erklären, dennoch verstand ich nur wenig, und von der Komplexität dieser Störung habe ich erst durch die Selbsthilfegruppenarbeit langsam eine Ahnung bekommen. Durch diese Arbeit weiß ich natürlich auch inzwischen, wie schwierig es für den Arzt/Psychologen ist, aufgeregten Eltern und Selbst-Betroffenen das Krankheitsbild sach- und familiengerecht zu erklären. Und wie K. Skrodzki und K.-P. Grosse im Vorwort des Tischatlasses schreiben, müssen die zunehmenden Erkenntnisse über ADHS in zunehmend knapper Zeit für den Patienten vermittelt werden.

Die Autoren, die als Ärzte seit vielen Jahren mit ADHS-Betroffenen und ihren Familien arbeiten, haben nun mit einer pfiffigen Idee einen probaten Helfer für die Beratung gestaltet: Den Tischatlas Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung. Auf 15 kartonierten Seiten im DIN A4 Format wird ADHS-Wissen komprimiert in sieben Kapiteln dargestellt. Der Clou ist die Aufmachung in der Art eines Tischkalenders, der zwischen dem Arzt und dem Patienten aufgestellt wird. Der also von zwei Seiten, nämlich der des Arztes und der des Patienten betrachtet werden kann. Der Arzt kann anhand der Stichworte am rechten Seitenrand (die Seiten entsprechen Aktentrennblättern) das Thema wählen, wie z. B. „Ursache“, „Diagnose“ oder „Medikamente“, und auf jeder Seite geben zwei bis drei Stichworte am unteren Seitenrand zusätzliche Hilfe für die Gesprächsführung. So ist beispielsweise der Oberbegriff „Medikamente“ in die Punkte „Einsatz und Wirkung“, „Auswahl“ und „Durchführung“ untergliedert. Die Überschriften der kurzen Texte heben sich durch die blaue Farbe gut sichtbar von den Ausführungen ab. Auf jeder Seite befindet sich durch die orange Farbgebung auffällig der „Patientenbezug“. Dem Arzt werden Fragen und Stichworte vorgeschlagen, die der weiteren Gesprächsgestaltung und möglichst personennahen Therapiefindung dienen. Diese Vorgehensweise sieht zu den Medikamenten unter anderem die Frage vor, ob ein Medikament überhaupt zu dem Kind passt und in dieser Familie ausgegeben werden darf oder wie Kontrollintervalle überprüft werden können.

Das Besondere an diesem Tischatlas ist nun, dass der Patient während der Erklärung des Arztes veranschaulichende Bilder, Statistiken und passende schriftliche Kurzinfos vor sich hat. Wichtige Begriffe werden durch Fettdruck einprägsam gemacht.

Manch einem mögen die Bilder vielleicht als zu vereinfachend erscheinen. So wird die Reizverarbeitung durch Pfeile symbolisiert, die bei dem ADHS-Betroffenen ungehindert durch den Filter schießen, während ein einzelner Pfeil die kontrollierte Reizverarbeitung des Nicht-Betroffenen zeigt. An dieser Stelle möchte ich noch einmal an das „erste Mal“ erinnern und daran, dass viele von uns das nötige Wissen über einen längeren Zeitraum erworben haben und der Prozess des Verstehens ebenfalls dauerte – und vielleicht noch andauert?

Für den Arzt gibt es noch ein 25-seitiges Beiheft mit den nötigen vertiefenden wissenschaftlichen Erkenntnissen und Methoden zu allen Bereichen von ADHS. Außerdem stehen dem Arzt Kopiervorlagen zur Verfügung, die für die Patienten verwendet werden können.

Manfred Döpfner betont in seinem Vorwort zum Tischatlas die Herausforderung, die die angemessene Beratung und Aufklärung über ADHS bedeutet. Die Rezensentin ist zwar keine Ärztin oder Psychologin, hat aber als Telefonberaterin für ADHS Deutschland e.V. auch eine gewisse Erfahrung mit beunruhigten Eltern und so manchem unruhigen, unstrukturierten Hypie, die einem die Schwierigkeit einer angemessenen Hilfe immer wieder aufzeigen. Seit einigen Wochen habe ich nun den Tischatlas neben dem Telefon stehen, und konnte die Nützlichkeit dieses Werkes bereits testen. Der Tischatlas ist in der Vielzahl der ADHS-Ratgeber etwas ganz Besonderes, und sollte in Praxen und Selbsthilfegruppen nicht fehlen.

Ricarda Mafille

neue Akzente | Nr. 82 | 2/2009
 

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