Allgemein

Kathrin Passig, Sasha Lobo

Dinge geregelt kriegen

ohne einen Funken Selbstdisziplin

Rowohlt Berlin Verlag GmbH, ISBN: 978-3-87134-619-4

272 Seiten, 19,90 €

Als gebürtiger Badener und Wahlbayer, als chronischer Zuspätkommer und König des Aufschubs sollte ich dieses Buch lieben! Der Badener ist von Haus aus gemütlich, denn was immer auch anstehen mag – um ein „Viertele zu schlotze“, wie wir zum Genuss von 250ml Wein zu sagen pflegen, wäre selbst im Angesicht des Weltuntergangs noch Zeit. Die Bayern mögen heute individuell pünktlich sein, doch historisch kamen sie zum Vorteil des Staates stets zu spät. Zum Beispiel zur Völkerschlacht bei Leipzig anno 1813, als das von Napoleon zum Königreich erhobene Bayern eben mal zehn Tage vor der Schlacht die Seiten wechselte, am Kampf aus Zeitgründen allerdings nicht mehr teilnehmen konnte und auf dem Wiener Kongress dennoch mit erheblichen Gebietsgewinnen belohnt wurde.

Was hat diese kleine Geschichtsstunde nun mit der Rezension von „Dinge geregelt kriegen“ zu tun? Ad primum erreichte dieser Text die Redaktion nur sehr knapp vor dem Erscheinen der „Akzente“. Ad secundum ist er selbst der beste Beleg für die Kunst des Aufschubs. Wie lange müssen Sie auf ein paar gehaltvolle Sätze zum Leben „ohne einen Funken Selbstdisziplin“ noch warten? So lange, bis ich meinen Hang zu Bildungsexkursen hinreichend ausgelebt habe! Schließlich will ich verständlich machen, warum ich dieses Buch so sympathisch finde – und warum so fatal. Das ist nicht leicht, macht man sich die Aussage der Autoren zu eigen, Selbstdisziplin sei „eine Kettensäge, mit der man ganze Wälder voller Bäume fällen, sich aber auch nebenbei ein Bein amputieren kann“.

Bei der Lektüre des Buches stößt man auf tausend ansehnliche Bäume mit kleiner und großer Geschichte, die einen an der Berechtigung des Holzhandels zweifeln lassen, aber auch auf manches gestellte Bein, das den Leser mehr oder minder absehbar stolpern lässt. Dass diese unsere Welt entschleunigt gehört, daran zweifelt angesichts von Telefonflatrate, Speed-Dating und Fast Food kaum jemand, der sich noch an stille Zugfahrten übers Land, den ersten Kuss unter der Linde am Brunnen auf dem Kirchplatz oder Omas selbst gebackenes Brot erinnert. Keine Erinnerung daran oder alles sentimental verklärte Dorfgeschichte? Mag sein, Passig und Lobo denken da nicht anders. Sie wollen nicht mit „Rosenzüchten und selbstgepresstem Olivenöl glücklich werden“, aber auch keine „kräftezehrenden Tricks lernen, wie man sich in das enge, kantige Korsett von Konventionen zwischen Arbeit und Amt hineinpressen kann“. Okay, da ist was dran, denkt der Bayer mit „Laptop und Lederhose“ (das war der Slogan der Staatsregierung zu Beginn des Internetzeitalters!), und fragt gewohnt zaghaft: Wie geht das anders?

Was der schlauen Einleitung des Buches folgt, ist eine fröhliche Sammlung von Essays über das Versagen – von Leuten, die es sich leisten können. Beginnend mit dem „Wissenswerten über Prokrastination“ – das ist ein schönes Fremdwort für die ungleich hässlichere Vokabel des Aufschubs – über die „Überforderung durch die Umwelt“ bis hin zum „Triumph des Unwillens“ ist schon der „Auftakt“ überschriebene erste Teil die Obere-Mittelschichts-Antwort auf die Untere-Mittelschichts-Problematik der Bürgerlichkeit. Aufschieber sind gute Menschen, heißt die Losung, weil Geduld eine Tugend ist, unsere Zeit und Gesellschaft den Menschen überfordern und der Wille seit Schopenhauer ohnehin nurmehr blinder Drang, seit Nietzsche gar ein chronischer „Wille zur Macht“ sei. Die Anspielung auf Leni Riefenstahls Reichsparteitagsfilm „Triumph des Willens“ ist dabei fast ein bisschen anstößig. Alles zusammen ist eine Distanzierung vom Spießertum, die man sich leisten können muss. Sonst kostet der Aufschub die Schulkarriere, Geld, Freunde (die nicht gerne warten), anerzogen-unbewusste Selbstdisziplin und langfristig auch den anstrengenderen Teil der eigenen Moral.

Teil 2, „Arbeit“ überschrieben, setzt den feuilletonistischen Diebstahl plakativer Ideen und deren Umlackierung zum farbenfrohen Hippie-Vehikel des Internetzeitalters fort. „Der innere Zwingli“ ist die späte Abrechnung mit Max Weber, dem Lieblingssoziologen von Betriebswirtschaftlern und Hobbytheologen, das „Lob der Disziplinlosigkeit“ ein kurzes Surfen gegen den Wind konservativer Erziehungsideologie. Die folgenden acht Kapitel sind eine Art deutsche Übertragung des Bestsellers „Bonjour Paresse“ der französischen Schriftstellerin Corinne Maier, in dem sie humorvoll beschreibt, wie man gutbezahlte Angestellte eines Staatskonzerns sein kann, ohne etwas dafür zu tun – außer vielleicht, während der Arbeitszeit einen Bestseller zu schreiben, der den Arbeitgeber verhöhnt. Das Buch hat, wie „Dinge geregelt kriegen“, einigen Charme. Anders als Passig und Lobo propagiert Maier allerdings ein individuelles Vorteilsdenken, nicht aber ein soziales Projekt; ihr Arbeitgeber soll durch die eigene Faulheit nicht besser werden, die Welt der ohne einen Funken Selbstdisziplin geregelten Dinge hingegen schon.

In den Teilen 3 und 4 geht es um „Alltag“ und „Abhilfe“. Das gewöhnliche Leben bei Passig und Lobo scheint dabei aus Chaos, Rechtfertigung und Entschuldigung des Chaos sowie Selbsterledigung des Chaos durch Chaos zu bestehen. Lustige Anekdoten wie die Geschichte vom unversicherten Auto im Kapitel „Letzte Mahnung!“ geben der Handlungsmaxime der Autoren den Anschein eines kategorischen Imperativs der Zwangserfahrung: Alles liegen lassen, bis es andere so nervt, dass die es machen oder ihre eigenen Ansprüche aufgeben. Folgerichtig heißt die letzte Überschrift des Alltagsteils „Jemand müsste mal …“ – und mit jemand meinen die Autoren zweifellos nicht sich selbst. Da jedoch auch Passig und Lobo ein Gewissen haben (Anhänger der Psychoanalyse dürfen es als Über-Ich verurteilen), diskreditieren sie den sozialen Wunsch nach Erledigung als „Weltverbesserungsforderungen“. Würde man die Autoren fragen, was sie von Umweltschutz, Friedensbewegung oder Selbsthilfegruppen halten, könnten und wollten sie diese sicher nicht ablehnen. Sogleich finden sie jedoch einen Weg, noch die ureigensten Anliegen durch „Outsourcing“ anderen zur Aufgabe zu machen. Merke: Wenn man nur so richtig überhaupt gar keinen Bock aufs Putzen hat, ist die Putzfrau irgendwann noch für den ärmsten Menschen ein hinreichend begründetes Mittel, Besuche des Gesundheitsamtes zu vermeiden! Andererseits: Wartet man noch ein bisschen zu, schickt vielleicht das Gesundheitsamt jemanden zum Putzen, um eine Kakerlakenplage im Quartier abzuwenden …

Das letzte selbstverfasste Kapitel des Buches wird durch ein Zitat des Wehrmachtsgenerals Kurt von Hammerstein-Equord eingeleitet. Dieses preist die gleichermaßen klugen wie faulen Menschen, denn Klugheit bedeute Klarheit und Faulheit bedeute Nervenstärke. „Den Aufschub aushalten“, sollte das Kapitel letztlich überschrieben sein, um die besondere charakterliche Leistung der Vermeidung zu unterstreichen, doch „Die Insel der Saumseligen“ ist auch nicht schlecht. Wenn man’s recht bedenkt, wäre dieses Spiel mit der Illusion der Seligkeit der bessere Titel für das ganze Werk gewesen. Vielleicht hatten Autoren oder Verlag für diesen Fall befürchtet, der potenzielle Leser würde die 287 Seiten als die Lüge vom Paradies der Vergessenden identifizieren, eine Art Atlantis, in dem die Probleme vor dem Menschen sterben. Dann hätte ich mich vor dem Kauf des Buchs allerdings gefragt, ob es überhaupt Sinn macht, es zu lesen, da sein Inhalt über kurz oder lang ohnehin obsolet ist.

Halt! Über-Ich an Ich: Du hast das Buch zur Rezension überlassen bekommen, also lies es und schreib darüber! Ich will aber nicht! Du musst! Muss ich gar nicht! Wenn Du das Buch nicht rezensierst, dann darfst Du nie mehr in der „neue Akzente“ schreiben! Will ich auch gar nicht! Bis die Rezension fertig ist, gibt’s kein Fernsehen! Auch kein Bildungsfernsehen? Gar keins! Aber Abendessen? Nein! Okay, dann stell ich den Wecker morgen auf 5 Uhr. Mir egal, wann Du Deine Arbeit erledigst, doch mach’s endlich! Aber das Buch ist schlecht! Das weißt Du doch gar nicht, Du hast es noch nicht gelesen! Aber es könnte schlecht sein! Deine Rezension auch! Aber dann ist es vielleicht besser, wenn ich sie gar nicht schreibe?! Das entscheiden die Leser! Aber wenn die Leser die Rezension schlecht finden, dann habe ich sie ja schon geschrieben. Dann lesen Sie vielleicht auch das Buch, weil Sie glauben, dass das besser ist! Aber wenn das Buch doch auch schlecht ist? Dann haben Sie immerhin gelesen: Eine schlechte Rezension und ein schlechtes Buch! Und das soll gut sein?! Immer noch besser als Fernsehschauen …

Johannes Streif

aus neue Akzente 81/2009
 

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