Allgemein

Richard Saul

Die ADHS-Lüge:

Eine Fehldiagnose und ihre Folgen - Wie wir den Betroffenen helfen

ISBN: 978-3608980462
Verlag: Klett-Cotta, 2. Auflage, 2015
Preis: 19,95

Ein erster Eindruck bestätigt die Befürchtungen und beruhigt zugleich: Es ist ein unwissenschaftliches Sammelsurium an Uralt-Spekulationen zur ADHS. Es ist nicht ADHS, es sind Sehstörungen (jedoch nicht, wie sie Reinhard Werth in „Legasthenie und andere Lesestörungen“ als Teil der komplexen Wahrnehmungsfunktionen des Gehirns beschreibt, sondern auf dem Niveau von: Vielleicht braucht ihr Kind eine Brille?), Schlafstörungen, Substanzmissbrauch (ein Klassiker in der Altersgruppe der Grundschüler mit der größten Diagnose-Inzidenz!), Depressionen, Hörprobleme (analog zum Sehen nicht Sprachverständnisstörungen, wie sie die Pädaudiologie untersucht, sondern Schwerhörigkeit, wie sie in jedem Hörtest seit 100 Jahren festgestellt werden kann), Sensorische Verarbeitungsstörung (das ätiologisch überholte Konzept der „Sensorischen Integration“ von Jean Ayres lässt grüßen, jedoch abzugrenzen von der oft sehr guten Arbeit der Ergotherapeuten, die mit SI arbeiten), Hochbegabung, Anfallsleiden, Zwangsstörungen, Tourette-Syndrom, Asperger, "neurochemisch bedingte Ablenkbarkeit" (dieser Abschnitt über Serotonin und Noradrenalin hat ausgeprägt humoristische Züge, so niveaulos-albern sind die Ausführungen), Schizophrenie, Fetales Alkoholsyndrom, Fragiles X und andere Ursachen (schlechte Ernährung, Allergien, Schilddrüsenüberfunktion, Hypophysentumor, Frühgeburt, Schwermetallvergiftung).

Richard Sauls Buch ist auf dem Stand des medizinischen Wissens von 1970 (und das nicht einmal durchgängig!), in gewisser Hinsicht fast anrührend „Vintage“, so dass es in frühen Mitstreitern der ADHS-Selbsthilfe durchaus ein bisschen Nostalgie aufkommen lässt: „Erinnerst Du Dich noch an die Zeit, als wir glaubten, die Hyperaktivität käme vom Phosphat in den Lebensmitteln?“ Hahaha! Wenn es nicht so traurig wäre … Modern im Sinne der - leider weitestgehend ausgebliebenen Recherche des Autors - ist bei Saul einzig der Anmerkungsapparat: 247 Fußnoten, in denen fast ausschließlich Internetseiten als Quellen genannt werden. Statt wissenschaftlicher Publikationen zitiert der Kinderarzt mit Vorliebe die New York Times, CBC News, ABC News, WebMD, ScienceDaily und zig Websites von irgendwelchen Organisationen, die ihr Klientel vertreten, sei es blind, taub, sensorisch auffällig oder hochbegabt. Dabei hat er doch, wie er eingangs des Buches schreibt, in den 1970er Jahren über 1,80 m Aufsätze zu Lernstörungen gelesen (vgl. S.14). Die sind nun leider so verstaubt wie das profunde Halbwissen des Herrn Saul.

Dr. Johannes Streif

aus neue AKZENTE 108, 3/2017

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