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Ramona Thümmler

ADHS im Schnittfeld verschiedener Professionen:

Eine Forschungsstudie zu Zusammenarbeit, Strukturen und gelingender Praxis

ISBN: 978-3779932482
Verlag: Beltz Juventa
Preis: 34,95 €

 

Ramona Thümmler widmet sich in ihrer im Jahr 2013 an der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund eingereichten Dissertation einer empirischen Studie mit dem Ziel der Analyse der institutionalisierten Hilfesysteme und -strukturen bei der Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Nach einer kurzen Einführung geht Ramona Thümmler allgemein auf die gesundheitliche und psychosoziale Situation von Kindern und Jugendlichen (S.21-38) ein. In einem weiteren Schritt widmet sie sich den (sozial-)psychologischen Grundlagen der Aufmerksamkeitsstörungen (S.39-82) und erörtert dabei nicht nur die Symptomatik, die Prävalenz und den Verlauf der Störung, sondern auch einige Erklärungsansätze, die Diagnostik, die Intervention und die Versorgung. Im vierten Kapitel vermittelt die Verfasserin Definitionen, Grundlagen und Rahmenbedingungen bezüglich der Kooperation (S.83-102).

Das Ziel der Untersuchung liegt sowohl in der Beschreibung der Situation der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS als auch in der Ermittlung der förderlichen und hinderlichen Faktoren, die während einer ADHS-Behandlung in der Kooperation auftreten können. Die Untersuchung beinhaltet drei Teilaspekte. Als erstes werden die Angebote auf dem Feld der Aufmerksamkeitsstörungen benannt. In einem zweiten Schritt identifiziert Thümmler die förderlichen und hinderlichen Strukturen anhand von Fallbeispielen und im Bereich von Kooperationsnetzwerken. Im dritten Teil befasst sie sich schließlich mit der Entwicklung von Kriterien für die Zusammenarbeit und die Vernetzung von Fachkräften, die entwicklungsauffällige Kinder und Jugendliche begleiten.

Die Autorin greift bei ihrer Untersuchung auf ein Mixed-Method-Design mit der Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden zurück. In der ersten Phase wird zunächst eine Felderkundung durch Expertengespräche durchgeführt. Experten/innen sind in diesem Fall Teilnehmende eines Qualitätszirkels zu ADHS an einem nicht namentlich genannten Klinikum in Stuttgart. In der zweiten Phase wird mit 15 Experten/innen verschiedener Berufsgruppen (Fachkräfte aus der Kinder- und Jugendmedizin, Psychologie usw.) eine Interviewstudie durchgeführt. Mithilfe eines Fragebogens wird in der dritten Phase schließlich eine quantitative Untersuchung vollzogen, um Daten von Institutionen, die mit Kindern und Jugendlichen mit ADHS arbeiten, aus vier deutschen Regionen zu erheben. Die Stichprobe umfasst zwar erfreulicherweise Vertreter aus einer Vielzahl an Berufsgruppen, dennoch ist die Studie aufgrund der relativ kleinen Stichprobe und der Beschränkung auf vier Regionen nicht repräsentativ. Um die Daten zu erheben, wurde aufgrund fehlender Vorgängerstudien ein eigenes Forschungsdesign entwickelt, sodass keine standardisierten Erhebungsinstrumente zum Einsatz kamen.

Die Ergebnisse der Untersuchungen bezüglich der strukturellen Gegebenheiten zeigen, dass eine große Vielfalt an Hilfen besteht und dass Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen involviert sind, wenn es um die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit auffälligem Verhalten geht. Durch die Untersuchung konnte gezeigt werden, dass das System einige strukturelle Schwierigkeiten aufweist. Neben personellen und finanziellen Engpässen sowie fehlenden therapeutischen Angeboten, ist vor allem als problematisch einzuschätzen, dass das System oft nur durch das hohe Engagement einzelner Fachkräfte aufrechterhalten wird. Dies führt zu einer Diffusion von Zuständigkeiten und der Angewiesenheit der Betroffenen auf das Engagement Einzelner. Große Schwierigkeiten zeigen sich zudem bei den schulischen Lehrkräften, die in einem Spannungsfeld zwischen Kinderorientierung und Systemfunktionalität insgesamt nur wenig Unterstützung von allen Beteiligten erhalten. Die Lehrkräfte haben in dem System der Schule oftmals nur wenige Möglichkeiten, sich individuell um ein betroffenes Kind zu kümmern. Als hinderlich erwies sich zudem die häufige Annahme der nächsten behandelnden Fachkraft, es besser machen zu können als die vorher am Fall tätige Fachkraft. Thümmler bezeichnet dies als sogenanntes „Erlösermotiv“ (S.233). Die Verfasserin ist der Auffassung, dass die Notwendigkeit der Entwicklung besserer Strukturen unübersehbar ist.

Bezüglich der Kooperation konnte gezeigt werden, dass eine große Anzahl an Kooperationspartnern verschiedenster Berufsgruppen zur Verfügung steht und dass diese im Bezug auf Erreichbarkeit, Aufgeschlossenheit, Zuverlässigkeit und im Kontakt allgemein sehr positiv beurteilt werden. Das Jugendamt spielt als Kooperationspartner bei ADHS in diesem umfangreichen Netzwerk eher eine untergeordnete Rolle. Zudem konnte aufgezeigt werden, dass die Motivation zur Kooperation mit der Verfügbarkeit von Kooperationspartnern steigt. Eine Zusammenarbeit wird oftmals von der Einstellung zum Störungsbild aufseiten der Fachkräfte beeinflusst. Damit eine Kooperation gelingt, sind nach Ansicht der Verfasserin eine klare Zuweisung von Zuständigkeiten bei Fallbesprechungen und eine umfassende Information schon während der Ausbildung notwendig.

Der theoretische Teil der Studie stellt eine gute Wissensbasis dar. Die vielfältigen Angebote sind angemessen aufgezeigt und die förderlichen und hinderlichen Strukturen anhand von Fallbeispielen und im Bereich von Kooperationsnetzwerken gut herausgearbeitet. Die Entwicklung von Kriterien für die Zusammenarbeit und die Vernetzung von Fachkräften – zum Beispiel der Einsatz von einer zentralen Fachperson, offener Informationsaustausch und vom Einzelfall unabhängige Strukturen - fällt bedauerlicherweise etwas spärlich aus. Eine Zusammenstellung der Kriterien in einem zusätzlichen Kapitel wäre wünschenswert gewesen. Die Arbeit selbst ist gut verständlich geschrieben, fasst wichtige Erkenntnisse gelungen zusammen und macht komplexe Zusammenhänge mit bildlichen Darstellungen verständlich, sodass sowohl Fachkräfte als auch Unerfahrene als Adressaten/Adressatinnen in Frage kommen. 

Justus Brocke

neue AKZENTE Nr. 105, 3/2016

 

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