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Therapie

Die Unterschiede zwischen einem Leben mit Methylphenidat und einem Leben ohne Methylphenidat

von einer Leserin

In den Medien wird viel über das Für und Wider einer medikamentösen Therapie mit Methylphenidat (kurz MPH) berichtet, doch auf diese Diskussionen will ich nicht eingehen.

Ich möchte nur darüber berichten, wie sich MPH auf mein Leben auswirkt und was es für mich persönlich bedeutet, ein Leben ohne MPH zu führen.

Vor über zehn Jahren stellte ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei mir die Diagnose ADHS und empfahl eine medikamentöse Therapie mit MPH, mit der ich nach anfänglichem Zögern ein ¾ Jahr später begann.

Damals war ich Anfang 40.

Dank des MPH fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben innerlich ruhig und ausgeglichen.

Hatte ich meine Gefühle und Stimmungen bisher immer als einen reißenden Fluss erlebt, so kehrten zum ersten Mal Ruhe, Übersicht und Frieden ein.
 

Emotionale Stabilität statt Achterbahn der Gefühle

Mit Hilfe von MPH und Therapien (u.a. einem ADHS-Training mit Elementen aus der kognitiven Verhaltenstherapie) lernte ich mich zu strukturieren, planvoll zu handeln und das Erlernte auch im Alltag anzuwenden.

Mein Gerüst aus Organisation und Plänen gab mir Halt und Sicherheit.

Langer Rede kurzer Sinn, ich verstand zum ersten Mal, was das Wort „Lebensqualität“ bedeutet und mein Leben fand nicht mehr hinter einer Wand aus Panzerglas statt.

So empfand ich die Jahre zuvor, das wirkliche Leben konnte ich nicht erreichen und ich fühlte mich nur als Zuschauer.

Nachdem ich neun Jahre lang mit dem Wirkstoff Methylphenidat behandelt wurde, musste ich vor einigen Monaten für zwei Monate die medikamentöse Therapie mit MPH unterbrechen.

Grund dafür waren die schlechten Ergebnisse einer Kontrolluntersuchung, die nicht mit meiner ADHS in Zusammenhang steht.

Für mich bestand aber kein Anlass zu verzweifeln, warum auch.

Endlich hatte ich durchblickt, wie das Leben funktioniert und Dank meiner To-Do-Liste, den erlernten Strategien sowie meinen Aufzeichnungen aus dem ADHS-Training sollte nichts aus dem Ruder laufen. Zumindest glaubte ich es noch zu diesem Zeitpunkt.

Die ersten drei Tage verliefen wie üblich, meine To-Do-Liste lag am gewohnten Platz und ich erledigte alle Aufgaben.

Doch dann tappte ich in die ersten kleinen Fallen, bald in die nächsten und nach weiteren Tagen kämpfte ich wieder mit Chaos, innerer Unruhe und Impulsivität, die dicke Wand aus Panzerglas kehrte zurück

Während dieser Zeit habe ich versucht, meine subjektiven Eindrücke und meine Gefühle schriftlich festzuhalten.

Es fällt mir schwer, einen Plan für den Tag zu aufzustellen bzw. für den darauf folgenden Tag und es fällt mir schwer, mich an die To-Do-Liste zu halten, ich übersehe die Liste und ich vergesse sie. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Ich laufe unstrukturiert durch den Tag, manchmal irre ich auch durch den Tag und viele erlernte Strukturen gehen verloren, die Defizite werden von Tag zu Tag größer.

Die erforderliche Konzentration aufzubringen ist extrem anstrengend und kostet viele Energien, aber ich schaffe nur das Allernötigste.

Es ist schwer den Tag zu planen und es bereitet mir große Schwierigkeiten mit einem Vorhaben überhaupt anzufangen.

Und regelmäßig kläfft der innere Schweinehund.

Mir fehlt meine innere Mitte, die Leichtigkeit im Leben verschwindet immer mehr, ich bin nicht mehr ausgeglichen. Meine Stimmung wechselt fast stündlich und manchmal noch öfter. Meine „Temperamentsausbrüche“ kann ich nur schwer runterschlucken. Ich verhalte mich unfair und ich habe meiner Familie gegenüber ein schlechtes Gewissen.

Meine Konzentration und Aufmerksamkeit halten nie lang an und ich kann nur noch mit Hilfe der Eieruhr bei der Sache bleiben. Es ist ein Kampf, „Nein“ zu sagen.

Impulsives Handeln und die damit verbundene Unfallneigung nehmen auffallend zu.

Längeres Zuhören überfordert mich, ich schalte ab und meine Gedanken sind sehr sprunghaft. Das erschwert die Gesprächsführung und ich stelle fest, dass ich beginne, Gesprächen aus dem Weg zu gehen.

Mit MPH konnte ich Ordnung schaffen und sie auch beibehalten, ohne MPH herrscht immer mehr Chaos in der Wohnung und die Unordnung wächst. Um alle Aufgaben zu erledigen bin ich immer beschäftigt, es gibt für mich ich keinen Feierabend mehr, keinen Sonntag.

Um nicht die Übersicht zu verlieren zwinge ich mich alles in Makroschritten zu erledigen, mein Sicherheitsgerüst (Organisation und Pläne) zerbricht.
 

ICH WILL MEIN LEBEN WIEDERHABEN !!!

Jede noch so kleine Aktion, jeden kleinen Handlungsablauf muss ich schriftlich festhalten.

Es ist ermüdend und kräftezehrend, für jede komplexere Tätigkeit einen Ablaufplan zu erstellen oder andere Gedächtnisstützen zu finden.

Z.B. führe ich zu Hause häufig Selbstgespräche und ich gebe mir laut! Anweisungen, was ich als nächstes tun muss.    

Ist das noch normal? Was passiert mit mir? Ich habe Angst die Kontrolle zu verlieren.

Ich vergesse die Lebensmittelvorräte etc. zu kontrollieren und das Ergebnis der Einkäufe ist entsprechend katastrophal. Entweder die Hälfte vergessen oder ganz falsche Sachen eingekauft. Wir haben noch nie so viele Fertiggerichte gegessen wie in diesen Wochen.

Mein Mann macht mir immer wieder Mut und versucht mich zum Lachen zu bringen, aber trotzdem fühle ich mich als eine totale Versagerin.

Ich kann mich kaum noch selbst motivieren.

Wie motiviere ich mich jeden Tag neu? Ich muss jeden Abend etwas Neues finden, worauf ich mich freue und was spannend ist. Aber irgendwann gehen die Ideen aus und mir fällt fast nichts mehr ein.

Die Vorfreude auf eine aufgeräumte Schublade hält sich in engen Grenzen.

Es ist mühsam, Texte schriftlich zu formulieren. Wenn ich Texte lese, die ich mit MPH geschrieben habe, erscheint es mir, als habe sie eine fremde Person geschrieben.

Zwei Monate ohne MPH waren eine lange und schmerzhafte Zeit, aber ich habe ganz viele Erfahrungen gesammelt.

Die zuvor erlernten Strukturen konnte ich nur zum Teil mit in das „ohne MPH Leben“ nehmen.

Auch wenn ich das Erlernte in den zwei Monaten kaum umsetzen konnte, ich wusste aber zu jeder Zeit, dass ich eigentlich in der Lage bin, mich zu strukturieren und zu organisieren.

Doch nur mit Hilfe von  Methylphenidat.

Mein Mann empfand mich während dieser Zeit als „belastend planlos“   …

Trotz etlicher negativer Erfahrungen habe ich doch eine positive Erkenntnis gewinnen können: Die Unterschiede zwischen "mit MPH" und "ohne MPH" kenne ich jetzt sehr genau und ich kann sie auch in Worte fassen.

Inzwischen nehme ich Methylphenidat in einer wesentlich niedrigeren Dosierung als zu Beginn, aber es reicht aus, morgens den Tag zu planen und so einen großen Teil des Stresses und der Schwierigkeiten abzumildern und auch zu vermeiden.

 

aus neue AKZENTE Nr. 98 / 2014

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