Für Erwachsene

Karin Windt:

ADD Hidden obstacles

ISBN 978-90-5512-306-3,
Englisch
Van De Berg Publishers 2009
Preis: 21,95 Euro

Der Niederländerin Karin Windt gelingt, was vielen deutschsprachigen Veröffentlichungen zu AD(H)S oft fehlt: Einen Kreis zu ziehen zwischen eigener Betroffenheit, sachlicher Reflexion und die Wahrnehmung anderer in ihre Ausführung einzubeziehen. Der Titel ist das zentrale Thema des Buches: Die heimlichen Hindernisse des ADS. Es geht um die hypoaktive Variante des AD(H)S, die der äußeren Wahrnehmung zunächst verborgen bleibt. „ADHS unterscheidet sich von ADS“, erklärt die Autorin einem Freund. „Aber ist ebenso ernst.“ Rick antwortete: „Aber ich habe nichts Ungewöhnliches an dir bemerkt. Für mich erschienst du völlig in Ordnung.“ (Einführung S. 11; Übers. UM) ADS findet in weitaus stärkerem Maße im Verborgenen statt, als die hyperaktive Variante.

Was macht ADS aus, wie „fühlt“ es sich an? Mit welchen Einschränkungen leben hypoaktive Menschen? Welche Kräfte und Möglichkeiten schlummern in ihnen? Dies sind die Hauptfragen, die Betroffene beschäftigen. Karin Windt wendet sich ihnen in den ersten neun Kapiteln ihres Buches zu. In den folgenden vier Kapiteln gibt sie Auskunft über die Varietät des ADS im Kindes- und Erwachsenenalter und geht auf besondere Herausforderungen ein, die Betroffene (und deren Angehörige) in Beziehungen und Partnerschaften bewegen können.

Karin Windts Buch liegt noch nicht in deutschsprachiger Übersetzung vor. Falls sich ein Verlag dieser Aufgabe annimmt, sollte er die bewusst gesetzte anderthalbzeilige Aufteilung des Schriftbildes übernehmen. Dieser Zeilenabstand kommt den Lesebedürfnissen von Menschen mit Dyslexie oder Aufmerksamkeitsstörung entgegen – ein kleiner Trick mit beträchtlicher Wirkung.

Während der Lektüre ist mir bewusst geworden, wie sehr sich ADS und ADHS voneinander unterscheiden, obwohl ihnen dieselbe Neurobiologie zugrunde liegt. Einzelne Symptome teilen beide, etwa ein permanentes Unsicherheitsempfinden, dem Vermögen zu hyperfokussieren oder der Neigung zu Depressivität. Die Verschiedenheit beider Varianten ist allerdings groß. Jemand, der von der hyperaktiv- extrovertierten Variante des AD(H)S betroffen ist, muss sich nicht automatisch in einen hypoaktiven Menschen hineinversetzen können und umgekehrt.

Mein Fazit: Für Menschen mit AD(H)S ist es eine Erleichterung, wenn sie bei Menschen ohne AD(H)S mit Kenntnis und Verständnis rechnen können. Karin Windts Buch zeigt mir, dass dies auch für Betroffene untereinander gilt.

Uwe Metz
neue AKZENTE 85 / 2010

 

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