Für Eltern und Erzieher

Legasthenie und andere Wahrnehmungsstörungen

Wie Eltern und Lehrer Risiken frühzeitig erkennen und helfen können

Mechthild Firnhaber

Verlag: Fischer (Tb.), 2007

ISBN-10: 3596162920

ISBN-13: 978-3596162925

Preis: € 8,95

»Sie üben den Buchstaben ›H‹, aber sie lernen ihn nicht«. Immer wieder erscheinen neue Fachbücher über Legasthenie, einem Thema, das lange Jahre in der Öffentlichkeit nicht ganz ernst genommen und als Unfug, Dummheit der Schüler oder Faulheit der Lehrer abgetan wurde. Wenn nun ein Buch in die 9. Auflage, inklusive der 3. überarbeiteten Neuausgabe von 9/05 geht, dann muss etwas ganz Besonderes dran sein.

Mechthild Firnhaber ist eine Pionierin der Legastheniebewegung.

Sie gründete in Hessen den Landesverband Legasthenie, veranstaltete länderübergreifende interdisziplinäre Kongresse und wissenschaftliche Symposien und berät auch heute noch Eltern, Lehrer und Ärzte.

Der Motor dafür ist einzig und allein die ganz persönliche leidvolle Erfahrung mit ihren Kindern. Sie hat zwei schwerst betroffene legasthene Söhne großgezogen, von denen einer noch zusätzlich mit einer Sprachentwicklungstörung behaftet war. Um das gute Ende vorwegzunehmen: Beide Söhne, heute im Alter zwischen 35 und 40, sind in arrivierten Berufen tätig und haben Spitzenpositionen erreicht. Wie das möglich war, das wird von der Autorin so interessant geschildert, das schon allein dieser Teil des Buches die Lektüre lohnt. Aber man wird über lange Strecken beim Lesen ein Gefühl der Beklemmung nicht los, wenn man erfährt, wie diese Kinder gelitten haben: Die Demütigungen vor der Klasse, das Gejohle der Kameraden im Gefolge, die dauernde Androhung, zur Sonderschule »abgeschoben« zu werden. Dann: Klassenwechsel, Klassenwiederholung, Schulwechsel, Ausschulung und Hausunterricht durch die Mutter, die nicht vom Fach war und sich auch alles erarbeiten musste. Die Kinder fanden keine Freunde, wurden nicht mehr eingeladen. Im Sportclub wurde gelächelt ob ihrer Ungeschicklichkeit. Sie trauten sich bald nichts mehr zu und entwickelten schließlich - wen wunderts - psychosomatische Beschwerden. Und das alles nur, weil die Kinder trotz nachgewiesener hoher Intelligenz größte Probleme hatten, Schriftzeichen zu erkennen, sie zu behalten, ihnen Laute zuzuordnen und sie in Schreibbewegung umzusetzen - kurz was man Lesen- und Schriebenlernen nennt.

Die Eltern waren verzweifelt: Sind unsere Kinder denn wirklich so unbegabt oder dumm?

Und nun diese Mutter: Es gibt nichts, was sie nicht versucht hat, um ihre Kinder zu fördern: Sie entwickelte Übungsprogramme, auch gegen die damals herrschende Lehrmeinung, motivierte mit einer - man kann schon fast sagen - Eselsgeduld immer wieder ihre Kinder, stand jahrelang in dem Zwiespalt: Wie finde ich das richtige Maß? Was kann ich den Kindern - zusätzlich zu den normalen Hausaufgaben - abverlangen, ohne sie zu überfordern? Wie kann ich trotz ständiger Rückschläge die Freude am Lernen erhalten und gleichzeitig ein Leben führen, in dem Spiel und Spaß nicht zu kurz kommen? und das tagtäglich über zwei Jahrzehnte! Dass sie außerdem ständigen Kontakt suchte zu Lehrern, Therapeuten, Ärzten, Schulräten und anderen offiziellen »Helfern« ist noch einmal ein Extrakapitel, das leider ein schräges Licht auf unser Schulsystem wirft.

Es geht auch anders, das mag folgendes Beispiel beleuchten: Ein legasthenes Enkelkind der Autorin lebt mit Eltern und Geschwistern in den USA. Es hat den Wechsel von einer deutschen in eine US-Schule als große Erleichterung erlebt: Schüler, mit welcher Störung auch immer, werden dort nicht ausgegrenzt. Außerdem ist es in den Schulen wesentlich ruhiger als bei uns, wichtig für den Legastheniker, der ja Probleme beim Hören hat und Ruhe um sich herum zwingend braucht. Dann darf ein legasthenes Kind auf seinem Schultisch vor sich einen Buchstabenfries liegen haben, um sich in Zweifelsfällen rückversichern zu können. Man stelle sich das bei uns vor: Spätestens am nächsten Morgen stünde die eifersüchtelnde Mutter eines Klassenkamerdaen auf der Matte, um für ihr Kind ähnliche Erleichterungen einzuklagen.

Im theoretischen Teil des Buches werden Wahrnehmungsstörungen beschrieben, wo und wie sie entstehen, wie man sie erkennen kann, welche Hilfen es gibt und wann professionelle Hilfe unumgänglich ist. Auch die Legasthenie und die Dyskalkulie gehören zu den Wahrnehmungsstörungen. Sie sind genetisch bedingt, können aber auch erworben werden und sind intelligenzunabhängig. Im Laufe seines Lebens kann man damit umgehen lernen, los wird man sie nie. Es handelt sich speziell bei der Legasthenie um eine zentrale Seh- und Hörverarbeitungsstörung mit negativen Auswirkungen auf die graphomotorischen Prozesse. Es gibt einfache Fälle, die mit mehr Übung gelöst werden können bis hin zu dem beschriebenen Fall, wo die Störung den Grad einer schweren Behinderung annehmen kann. In den letzen Jahren sind eine Reihe von »Frühwarnsystemen« entstanden, die es ermöglichen, schon im Vorschulalter eine spätere Legasthenie zu erkennen. Zwei seien genannt: Das Bielefelder Screening und die Dagnostischen Bilderlisten von Dummer-Smoch.

Ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch: Die Forderung nach mehr Menschlichkeit in unseren Schulen, um es auf eine einfache Formel zu bringen: Nicht der bestausgebildete Lehrer mit Zusatzfachkompetenz erreicht das betroffene Kind, sondern nur der, der es ohne Bedingungen und mit all seinen Schwächen annimmt. Wenn viele erwachsene Legastheniker heute noch - bildlich gesprochen - den Kopf einziehen, wenn sie öffentlich lesen oder schreiben sollen, dann muss uns das zu denken geben. Welche einst erlittenen Traumata schleppen sie mit sich rum! Spätestens an dieser Stelle wird der aufmerksame Leser festgestellt haben, wie sehr das Schicksal von Legasthenikern dem von ADHS-Kindern gleicht. An unzähligen Stellen des Buches gibt es Parallelen. Trotzdem wird das Thema ADHS quasi nur im Nebensatz abgefetigt und außerdem als nicht eigenständige Störung bezeichnet. Das ist falsch und dem muss hier deutlich widersprochen werden.

Die Empfehlung des Buches ist nicht ganz einfach. Es ist möglich, dass die Eltern schwer betroffener Kinder schnell mutlos werden angesichts der hohen Anforderungen, die an sie gestellt werden. Über den Daumen gepeilt gehen etwa 90 Prozent von dem, was bei den Firnhaber Söhnen geglückt ist, auf das Konto der Mutter. Diese merkt an vielen Stellen an, dass der Kontakt zu den Kindern größten Belastungen ausgesetzt ist. Es gehört bei Zuwendung auch eine gehörige Portion Konsequenz und ein strukturiertes Leben dazu, das Kindern Orientierung bietet. Wer sich das zutraut, der findet Hilfe und Zuspruch.

Aber Lehrer aller Schularten und Therapeuten sollten das Buch besitzen. Sie finden was sie dringen brauchen in diesem bitterbösen Krimi mit gutem Ausgang.

Mararete Gatzen

aus die AKZENTE Nr. 72 - 2006

 

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