Für Eltern und Erzieher

Kinder mit Rechenschwäche erfolgreich fördern

Ein Praxisbuch für Eltern, Lehrer und Therapeuten

Armin Born, Claudia Oehler

Kohlhammer, 2008

ISBN-10: 3170201077

ISBN-13: 978-3170201071

Preis: € 19,90

Um es vorweg zu nehmen, die Autoren, beide Psychologen und Psychotherapeuten, versprechen nicht zu viel. Das Buch besticht durch Praxis- und Alltagsnähe. Sehr übersichtlich in fünf Teile gegliedert finden auch nichtprofessionelle Eltern schnell Orientierung und werden problemlos zu routinierten Anwendern.

Laut Titel geht es um Kinder mit Rechenschwächen. Diese Kinder kämpfen aber häufig auch noch mit weiteren Schwierigkeiten, wie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, Lese-Rechtschreib-Schwäche und/oder sonstigen Entwicklungs- und Reifeverzögerungen. Hinzu kommen Folgeprobleme wie Entmutigung, Motivationsprobleme, Vermeidung, bis hin zu Verweigerung und Störverhalten, Belastungen von Familie, Unterricht und LehrerIn.

Die ganze Komplexität der Probleme wird verständlich und bildlich-anschaulich dargestellt. In grau markierten Kästen wird immer wieder kurz und abschnittsweise zusammengefasst, was das Auffinden und Nachlesen sehr erleichtert.

Die Autoren veranschaulichen auch dem Laien den neuesten Stand der Entwicklungs- und Lernpsychologie und setzen sich mutig mit immer noch häufig praktizierten und offiziell gelehrten Hilfen auseinander, die der empirischen Prüfung der letzten Jahre nicht standhalten konnten. Dies ist umso verdienstvoller, als die Autoren sich damit heftigen Angriffen interessierter Kreise ausgesetzt sehen werden.

Die Autoren plädieren überzeugend für eine höhere Bewertung von kontrollierten Wirksamkeitsnachweisen gegenüber bloßer Wirksamkeitsbehauptung, Überzeugung, persönlicher Erfahrung oder Ambition. Empirische Begründung von Hilfestellung ist wie Evidenzbasierung in der Heilkunde die derzeit beste Gewähr dafür, dass unnötige, uneffektive, belastende oder gar falsche Sichtweisen, Störungsbildverständnisse, Hilfs- und Therapieversuche reduziert werden können. Diese bringen letztendlich dem Kind über vordergründige Wohlfühleffekte hinaus wenig langfristigen Nutzen, nicht selten sogar echte »Kollateralschäden«. In jedem Falle fressen sie Ressourcen, vergeuden wichtige Entwicklungszeit der Kinder und belasten die ohnehin schon strapazierten Kassen von Familien und Solidargemeinschaft weiter.

Einfache Hilfestellungen, für Jedermann anwendbar, werden beispielhaft dargestellt, überzeugend begründet und nebenbei fundiertes Störungsbildverständnis geweckt.

  • Teil I: Grundlagenwissen
  • Teil II: Praktizierte Fördermaßnahmen bei Rechenschwäche und Rechenstörung – Mythen oder gesicherte Erkenntnis?
  • Teil III: Allgemeine Tipps zum Lernen mit rechenschwachen Kindern
  • Teil IV: Konkrete Lernmethoden
  • Teil V: Prüfungsangst

Zusammenfassend plädieren die Autoren für Unterrichts- und Lerntechniken, die sich an den Bedürfnissen der Kinder orientieren und deren Bewährung empirisch nachweisbar und lernpsychologisch begründbar ist. Solche Methoden führen nicht nur bei Lernschwächeren weiter, sondern werden auch von guten Schülern als hilfreich empfunden.

  • Das Einfache ist oft das Pädagogische.
  • Praktikable Problembewältigung vor zeitraubender und fragwürdiger Ursachendeutung.
  • Möglichst nicht schriftlich üben lassen.
  • Weniger ist oft mehr. Keine Stoffhuberei, bei der vieles nur »angerissen« wird.
  • Reduktion der Methodenvielfalt, Besinnung aufs Wesentliche
  • Übung macht den Meister – aber richtig: regelmäßig und in kleinen Portionen.
  • Verautomatisierung entlastet und bildet die Basis für das Erlernen höherer Fertigkeiten.
  • Routinen sind hilfreich und keineswegs unpädagogisch.
  • Lernprobleme genau dort anpacken, wo sie tatsächlich bestehen.
  • Ihr Kind übt das, was es übt. Bewegungsübungen verbessern Bewegung nicht Rechnen.
  • Was taugt beibehalten. Was bei Ihrem Kind nichts bringt verwerfen.
  • Hände weg von »alternativen« Methoden. Ihnen fehlt der Nachweis der Wirksamkeit.
  • Äußere Hilfestellung und Fremdstrukturierung ist noch lange unabdingbar.
  • Eltern bleibt die Pflicht, dies zu leisten, da Schule sich hierzu oft nicht in der Lage sieht.

Insbesondere das Übungsmotto, ja die strikte Anweisung an das Kind, sich auf keinen Fall anstrengen zu dürfen, dürfte auf angeschlagene, entmutigte Kinder magisch wirken.

So werden Lernfortschritte auch für Lernschwächere möglich. Lern- und Lebensentscheidende Einstellungen des Kindes wie Erfolgszuversicht, Selbstwert, Lernfreude und Motivation können wieder wurzeln und wachsen. Laut OECD sollten als Bildungsziele gerade diese Einstellungen vor Fertigkeiten (»gewusst wie«) und diese vor Faktenwissen (»gewusst was«) rangieren. Für die BRD ist leider die umgekehrte Reihenfolge nachgewiesen.

Neugierig geworden?

Empfehlung: Buch besorgen und selber lesen.

Dr. Rupert Filgis

aus die AKZENTE Nr. 69/70 - 2005

 

 

Diesen Text vorlesen ...

Mitgliedschaft

Unterstützen Sie unsere Arbeit und profitieren Sie von den Vorteilen einer Mitgliedschaft:

  • + Aktuelle Informationen
  • + Zeitschrift
    »neue AKZENTE«
  • + Ermäßigung bei vielen Veranstaltungen