Für Eltern und Erzieher

Herausforderung ADHS

Grundwissen und Hilfen für Kindergarten, Schule, Hort und Heim

Werner Eitle

Auer GmbH, 2006

ISBN-10: 3403046850

ISBN-13: 978-3403046851

Preis: € 17,90

Das handliche, flexible Buch gliedert sich in 10 Kapitel und enthält sowohl ein Vorwort von Cordula Neuhaus, als auch des Autors Werner Eitle.

Einleitung

Der Autor zeigt auf, dass zunehmend von rücksichtslosen und andere Menschen bedrohenden, gefährlichen Jugendlichen berichtet wird, und dass die Ursachen dafür häufig in Elternhaus und Medien vermutet werden. Die bundesdeutsche Gesellschaft sieht für solche Kinder und Jugendliche die geschlossene Unterbringung vor, während z. B. in den USA Erziehungscamps mit militärischem Drill propagiert werden.

Eitle antwortet auf diese »Lösungen« mit einem klaren Nein, da die Gesamtproblematik nach seiner Einschätzung häufig mit einem ADHS zusammenhängen kann. Er weist auf Zwillingsstudien hin, die eine Erblichkeit von ADHS in ca. 80% der Fälle belegen. Anhand eines Schaubildes wird gut verständlich dargelegt, wie sich die Problematik innerhalb einer ADHS-Familie durch den gesamten Tag zieht und sich währenddessen sozusagen verselbstständigt und hochschaukelt.

Grundlagen

Hier bedient sich der Autor der Geschichte des Struwwelpeters, einer Geschichtensammlung von 1844 des Psychiaters Heinrich Hoffmann, in der alle bekannten Facetten eines AD(H)S beschrieben werden, um zu zeigen, dass ADHS keineswegs eine Mode-Erscheinung der letzten Jahre ist.

In leicht verständlichen Worten erklärt Eitle, dass es sich bei ADHS um eine komplexe, neurobiologische Störung handelt und keinesfalls auf einer falschen Erziehung oder einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung fußt. Er weist auf neue Forschungen im biochemischen, neurophysiologischen, radiologischen und molekulargenetischen Bereich hin, die belegen, dass die Störung der Stoffwechselprozesse im Frontalhirn für die veränderte Impulskontrolle, Reizwahrnehmung und Reizverarbeitung ursächlich ist.

Nun folgt ein Fallbeispiel aus der Grundschule, anschließend werden die verschiedenen Typen des ADHS mit ihrem jeweiligen Erscheinungsbild erklärt und auch, dass häufig ein gestörtes Sozialverhalten den Betroffenen das Leben erschwert. Anhand eines Erwachsenen-Fragebogens bekommt der Leser einen Eindruck, wie sich die Störung im Erwachsenenalter darstellen kann. Hier greift der Autor die häufigsten Begleitstörungen- und Probleme auf und weist dabei auch auf Depressionen, Suchtverhalten und Angststörungen hin.

Es folgt das Beispiel einer ADHS-Diagnose, das zeigt, wie wichtig die Anamneseerhebung durch die Eltern und die Fremdbeurteilung durch Erzieher oder Lehrer hierbei ist. Auch die positiven Seiten von ADS werden genannt, so u. a. die Spontaneität und Begeisterungsfähigkeit, der Charme und die Aktivität.

Wie wichtig Vorbeugung durch Resilienz (= innere Widerstandsfähigkeit) ist, beschreibt Eitle mit konkreten Tipps zur Umsetzung.

Therapiemöglichkeiten

Von der Psychotherapie über Verhaltenstherapie bis hin zu Heilpädagogik und Ergotherapie, Videotraining und Medikation werden alle Möglichkeiten und ihre jeweiligen Effekte mit positiven bzw. negativen Auswirkungen dargestellt. Die Beurteilung der Wirkweise erfolgt anhand von ADHS-Fachliteratur, wie z. B. dem THOP von Döpfner-Lehmkuhl.

Auch an eine Aufstellung der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in Deutschland zugelassenen Medikamente mit der jeweiligen Wirkdauer und Darreichungsform hat Eitle hier gedacht.

Anhand der Wirksamkeitsstudie der MTA-Cooperation-Group 1999 belegt der Autor, dass der multimodalen Behandlung der Vorzug zu geben ist.

Rechtliche Grundlagen

Hier folgt ein Ausflug in das Grundgesetz, und dem Autor ist es gelungen, auch fachfremden Lesern zu erklären, welche Hilfen anhand welchen Gesetzes (mit Paragraphennennung) theoretisch möglich und welche Institutionen jeweils zuständig sind. Anhand einer Übersicht wird schnell klar, welchen Weg ein Antrag bei dem entsprechenden Träger nehmen kann.

Hilfen der Heimerziehung

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit familienunterstützenden Angeboten sowie familienergänzende Hilfen bei Tag und Nacht. Tagesgruppen, Innen- und Außenwohngruppen, Inobhutnahme, etc. etc.

Erzieherische Hilfen

Es werden die unterschiedlichen Formen der erzieherischen Hilfen vorgestellt, und anhand der schulischen Leidensgeschichten von 3 genialen Wissenschaftlern (Albert Einstein, Justus Liebig und Thomas Alva Edison) wird beschrieben, dass auch in schwieriger Lage Hoffnung auf eine positive Persönlichkeitsentwicklung besteht. Eine Übersicht macht klar, welche Teufelskreisläufe sich bei Erziehern, ADHS-Betroffenen und deren Familien entwickeln, wenn keine Kenntnis des AHDS vorhanden ist – oder keine Behandlung erfolgt.

Eitle verweist immer wieder auf die folgenden 3 Bausteine:

  • Prävention = Strukturen
  • Intervention = Gestik, Verstärkung, klare Anforderung
  • Sanktionen = aufgrund klarer Strukturen und Anforderungen

Anhand eines kurzen 25-Punkte-Planes werden mögliche Verhaltensweisen für Erzieher vorgestellt, und es folgen Strukturhilfen für den Alltag wie z. B. Punkteplan oder Verträge zwischen Kind und Eltern/Erzieher, Selbsteinschätzungsbögen, Rückmeldungsbögen und Belohnungssysteme, was in der Woche gut/schlecht gewesen ist, komplettieren das Ganze.

Aufklärung

Dieses Kapitel beschäftigt sich damit, wie Eltern, Kinder, Jugendliche und deren Bezugspersonen bestmögliche Informationen rund um ADHS erhalten können.

Es werden Bücher genannt, die kindgerecht erklären, was ADHS ist, wie die Behandlung erfolgen kann, und wie Betroffene sich fühlen.

Anhand eines 70 Punkte umfassenden Elternfragebogens (erstellt von Lieselotte Eitle auf Grundlage der internationalen Diagnose-Kriterien) können Eltern/Bezugspersonen einschätzen, wie stark das Kind von ADHS betroffen ist.

Das Wissen um die unterschiedlichen Situationen und Verhaltensweisen hilft sehr bei der erzieherischen Arbeit mit den ADHS-Betroffenen.

Besondere Aspekte der Heimerziehung

An Erzieher/Betreuer in sozialpädagogischen Einrichtungen und Heimen wendet sich dieses Kapitel. Es werden Förderdiagnostik und Erziehungsplanung angesprochen und anhand eines Ablaufschemas gut nachvollziehbar dargestellt. Ebenso wird anhand eines Fallbeispieles aus dem Heimbereich aufgezeigt, wie Hilfe aussehen kann.

Anschließend folgen Ausführungen zu Erlebnispädagogik und körperorientierten Verfahren (Psychomotorik, Massage, Sport und Spiel, Musik) die auch wieder m.E. ausgezeichnet und übersichtlich dargestellt werden.

Es folgen Schaubilder (aus Döpfner et al. 1997), aus denen Anwendung und Wirkung verschiedener Therapiemöglichkeiten dargestellt werden.

ADHS und Schule

Dieses Kapitel beginnt mit einigen Statistiken und Zahlen. Es zeigt eindrücklich, wie viele ADHSler (nämlich ca. 42%) während ihrer Schullaufbahn eine Klasse wiederholen, und dass ca. 60% zeitweise vom Unterricht ausgeschlossen werden!

Besonders gut gefällt mir der Satz auf Seite 97 »Als Lehrer stellen Sie aber keine Diagnose!«

Anhand von 24 – nach meiner Auffassung wirklich realistischen und umsetzbaren – Vorschlägen versucht der Autor Lehrern zu vermitteln, dass mit recht simplen Vorgehensweisen der Unterricht sowohl für die Lehrperson als auch für – alle – Schüler angenehmer gestaltet werden kann.

Der wichtigste Satz hierzu (nach Cordula Neuhaus): »das Bild einer Ente entwickeln, die unter Wasser strampelt, aber auf dem Wasser ruhig und gelassen ihren Weg nimmt«

Vernetzte Partner

Hierin zeigt der Autor auf, wie wichtig die Vernetzung all derer ist, die ein ADHS-Kind begleiten. Familie, Arzt, Lehrer/Erzieher und Ämter sollten ein Team bilden, das gemeinsam positiv arbeitet.

In seinem Nachwort fasst Werner Eitle noch einmal zusammen, was ihm am Wichtigsten erscheint. Nämlich, dass es kein Patentrezept gibt, aber in seinem Buch bewährte Hilfen und Anregungen zu finden sind.

Daran anschließend folgt das Literatur- und Quellenverzeichnis. Ab Seite 114 werden Adressen/Links von Vereinen, Arbeitsgemeinschaften, Verbänden, Selbsthilfegruppen, Kliniken, Elterninitiativen und weiteren Anlaufstellen genannt. Im Anschluss an jedes Kapitel folgt eine kurze Zusammenfassung des Inhaltes grau unterlegt und leicht zu finden.

Mein Fazit:

Für Eltern, die erst kurz mit dem Begriff ADHS konfrontiert worden sind, würde ich als Einstiegslektüre erst einmal andere Bücher empfehlen.

Alle Menschen aber, die im pädagogischen Bereich arbeiten, halten mit diesem Buch ein wertvolles Nachschlagewerk in den Händen. Es enthält m. E. eine Fülle gut nachvollziehbarer, leicht umsetzbarer und erprobter Vorgehensweisen in Kindergarten, Schule, Hort und Heim.

Insbesondere LehrerInnen und KindergärtnerInnen sollten dieses verständlich geschriebene und handliche Buch griffbereit haben.

Zudem empfehle ich auch den Menschen, die in Sozial- und Jugendämtern tätig sind und mit Fördermaßnahmen oder Familienhilfe-Anträgen konfrontiert werden, dieses Buch zu lesen (und als Standardlektüre zu benutzen).

Lesenswert, gut verständlich und überaus informativ!

Angelika Schröder

aus neue AKZENTE Nr. 80 - 2008

 

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