Für Eltern und Erzieher

Adam S. Gawlik:

„Diagnose ADS/ADHS – Sind unsere Kinder noch zu retten?“

ISBN 978-3-8288-9721-2
Marburg: Tectum Verlag, 2008
Preis: 19,90 Euro

Um die rhetorische Frage des Untertitels von Gawliks Buch kurz zu beantworten: Nein, mit diesem Werk nicht! Was die Überschrift dieser Rezension zur Vermeidung von zweimal Anführungszeichen verhehlt, ist der Umstand, dass Autor und Verlag das Titel-Wort „Diagnose“ in ebensolche Anführungszeichen setzten, um eingangs bereits zum Ausdruck zu bringen, was der Leser nicht erst ausgangs der 136 Seiten langen Schrift bemerkt: ADHS gibt es offensichtlich nicht!

Mag sein, dass Gawlik sich seiner Sache nicht recht sicher ist, sonst hätte er das Nein zur ADHS – wie andere vor ihm – schlicht ausgesprochen und damit sich selbst und dem Leser die Mühe seiner Ausführungen erspart. Das Problem an seinem Buch ist dabei weniger, dass er sich im Verlauf seines redseligen Verdikts mit wachsender Vehemenz pauschal gegen die Diagnose, ihre Ätiologie und schließlich auch ihre Therapie stellt, sondern dass er die ADHS bekämpft wie weiland Don Quixote die Windmühlen: Ohne jede Ahnung vom Feind! Gawlik weiß wenig von der ADHS. „Diagnose ADS/ADHS“ ist kaum mehr als ein unsystematischer Grabbeltisch an oberflächlichen Darstellungen, Zitaten und kruden Schlussfolgerungen, aus denen der Leser sich selbst einen Reim machen kann. Oder auch nicht.

Adam Gawlik hat zusammengetragen, was ihm an störungs- und medikationskritischen Texten unterkam und daraus in Proseminar-Manier eine Collage fremder Sichtweisen gebildet, die weitgehend eines eigenen Bezugs zum Thema entbehrt. Schmerzhaft auffällig ist das insbesondere in seinem Anschreiben gegen die Hypothese der überwiegend genetischen Disposition der ADHS. Nicht nur, dass er seitenweise Uralt-Literatur zur „Minimalen Cerebralen Dysfunktion“ (MCD) zitiert und offenbar wenig von der Anlage-Umwelt-Interaktion in der Expression von Genen begriffen hat (vgl. S. 22 ff.). Er kennt weder den Unterschied zwischen Prävalenz (relative Krankheitshäufigkeit in einer Gruppe) und Inzidenz (Neuerkrankungen bzw. in einem bestimmten Zeitraum hinzugekommene neu diagnostizierte Patienten in einer Gruppe; vgl. S. 109) noch versteht er, was „Neuroplastizität“ bedeutet. Die Prägung dieses Begriffs schreibt er übrigens Gerald Hüthers Autorenkollegen Helmut Bonney zu (vgl. S. 121)! Gawlik argumentiert mit der Sozialisation gegen die Natur, als ob individuelles wie gesellschaftliches Leben außerhalb der Biologie, Physik und Chemie stattfindet. Offenbar ist es leichter für ihn, an massenweise vorkommende frühkindliche Traumata mit ähnlichen resultierenden Verhaltensmustern zu glauben, als einzusehen, dass unserem Denken und Handeln – ungeachtet aller Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns an seine Umwelt – ein in Jahrmillionen entstandenes komplexes Nervensystem zugrunde liegt, das die Natur nicht in jedem Menschen völlig neu konstruiert.

Fast humoristische Züge trägt seine Argumentationslinie, wenn er die Dopamin-Mangel-Hypothese der Wirksamkeit von Methylphenidat als unlogisch darstellt, da Schlafstörungen ja auch nicht auf Schlafmittelmangel und Angstzustände nicht auf Valium-Mangel zurückzuführen seien (vgl. S. 104). Mutmaßlich ist selbst der Kropf nicht dem Jodmangel anzulasten, da aus dem Rollstuhlmangel schließlich keine Querschnittslähmung abgeleitet werden kann... Unter Ausblendung der unverstandenen Funktionsvielfalt des Gehirns und seiner miteinander verschränkten Botenstoffsysteme entwirft Gawlik ein Zerrbild neuronaler Prozesse, in denen Neurotransmitter wie Waggons auf dem Rangierbahnhof einander anstoßen – in eine einzige Richtung, ohne Interaktion, Steuerung und Bremse. Diese Vereinfachung entspricht seiner Reduktion der Medikation auf die Symptombekämpfung sowie der Verhaltenstherapie auf das Skinner’sche operante Konditionieren. Falsch ist wiederum nicht sein Zweifeln an Hypothesen, sondern sein Ansatz: Was ich nicht (ein)sehe, das gibt es nicht.

An dieser Stelle mag man zu Recht fragen, welchen Sinn es macht, einem Buch die Reverenz einer Rezension zu erweisen, das offenbar die Zeit und den Platz nicht verdient, die seine Besprechung erfordern. Warum einen Autor kritisieren, wozu ein Werk verspotten, wenn man es schlicht ignorieren könnte? Dafür gibt es einen guten Grund: Weil Autor und Werk erfahrene Eltern und schlaue Wissenschaftler verspotten und deren Schaffen in einer ungebührlichen Weise kritisieren! Wie oft müssen wir noch lesen, das impulsive, unaufmerksame und unruhige Kind „kann anscheinend seine Gefühle, Ängste, Wünsche, Verlust- oder Trennungserfahrungen nicht verbal äußern oder wehrt sie ab“, als seien alle hyperaktiven Kinder verbal- emotionale Krüppel, Opfer ihrer unsensiblen Eltern, welche „die Sinngebung der körperlichen Unruhe“ nicht begreifen können oder wollen (S. 120)?! Wie viele Artikel und Bücher müssen noch geschrieben werden, wie viele Mütter und Väter verhaltensauffälliger Kinder pauschal verunglimpft, wie viele Ärzte und Therapeuten von naiven Laien als Stümper ihres ach so fragwürdigen Fachs verurteilt werden, bis ein Redakteur oder Lektor vor der Drucklegung einer neuen Publikation zur ADHS sich fragt: Habe ich das nicht schon einmal irgendwo gehört oder gelesen? Wurde dazu nicht bereits gedacht und geforscht, eruiert und diskutiert?

Ich empfehle Ihnen die Lektüre dieses Buchs von der ersten bis zur letzten Seite! Kosten Sie die Momente Ihrer Enttäuschung und Wut über seinen Inhalt aus! Sie werden es nicht bereuen! Spätestens auf Seite 64 werden Sie für Ihre Selbstbeherrschung belohnt, wenn Rudi Dutschkes Schicksal Ihnen Beispiel und Trost sein wird, dass ADHS nicht schlimmer sein kann als zwei Kopfschüsse. Schließlich wurde aus dem bei einem Attentat schwer verletzten Wortführer der Westberliner Studentenbewegung später noch ein promovierter Hochschuldozent – soviel Neuroplastizität kann doch jede minimale cerebrale Dysfunktion und manch unselige Verstimmung der Gene unschädlich machen. Oder?!

Dr. Johannes Streif
neue AKZENTE 87 /2010

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