Begleitstörungen

Die neue Medizin der Emotionen

Stress, Angst, Depression: Gesund werden ohne Medikamente

David Servan-Schreiber

Goldmann, 2006

ISBN-10: 3442153530

ISBN-13: 978-3442153534

Preis: € 9,95

»Adieu, sagte der Fuchs. Hier ist mein Geheimnis: Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.« Es ist anzunehmen, dass Saint-Ex, wie seine Freunde ihn liebevoll nannten, den Begriff »Emotionale Intelligenz« nicht kannte, als er dem Fuchs in seinem Buch »Der kleine Prinz« diese Worte in den Mund legte. Doch nicht ohne Grund wird der Autor, der Neurologe und Psychiater David Servan-Schreiber diese Zeilen als Motto über ein wichtiges Kapitle seines Buches gesetzt haben. Es geht um das emotionale Gehirn, das limbische System, den Ort, wo unsere Gefühle entstehen. Wir sollen das Zentrum in uns neu entdecken, auch mal zu Ungunsten der allgegenwärtig geforderten Vernunft bevorzugen, positiv über das denken. Das ist - im weitesten Sinne - die Botschaft dieses Buches.

Im Einzelnen sieht das so aus: Der Autor stellt mehrere wissenschaftlich überprüfte Behandlungsmethoden vor, mit deren Hilfe man die Geißeln der modernen Gesellschaft: Angst, Stress, Depressionen und deren Begleiterscheinungen ohne Medikamente und ohne jahrelange Psychotherapie heilen kann. Bei einer der Methoden hält man etwas die Luft an, sie ist (gewöhnungsbedürftig). Aber der Autor, Absolvent verschiedener amerikanischer Eliteuniversitäten und erfahrener Psychiater, ist der Sektiererei völlig unverdächtig. Er gibt selber zu, ziemlich irritiert gewesen zu sein, als seine Methoden mal nicht wirkten und hmöopathische, chinesische und was auch immer für Verfahren ihn widerlegten.

Greifen wir uns die spektakulärste Art heraus, und zwar die Selbstheilung nach traumatischen Erfahrungen: Die neuro-emotionale Integration durch Augenbewegungen (EMDR = Eye movement desensitization and reprocessing). Traumtische Menschen haben große Ängste, alte, sehr schmerzliche Erinnerungen hochkommen zu lassen. Symptome dieser unbewältigten Vergangenheit können Phobien, Depressionen, Schlaflosigkeit u. v. m. sein. Der Therapeut macht jetzt vor den Augen des Patienten schnelle, rhythmische Handbewegungen und bittet ihn, mit den Augen seinen Händen zu folgen. Während dieser Augenbewegungen kommen Teile des Erlebten und Verdrängten wieder hoch, der Patient kann sich der Erinnerung stellen. Die Therapie geht über mehrere Sequenzen solange, bis der Patient die innere Umwandlung spürt und allein mit den seelischen Narben des Schmerzes umgehen kann. Der Mechanismus, der EMDR so wirksam macht, wird - so Servan-Schreiber - noch nicht ganz verstanden. Die Behandlung ist zu einfach und zu natürlich, weswegen sie einige Zeit der Gegenstand heftiger Kontroversen in der amerikanischen Ärzteschaft war. In Deutschland, Frankreich und Holland wird EMDR zunehmend an Universitäten unterrichtet. Erfolge sind in großer Zahl zu vermelden, neuerdings auch bei Magersucht, Bulimie, Alkohol- und Drogenmissbrauch, deren Ursachen oft in traumatischen Erlebnissen liegen.

Die Akupunktur: Selbst Depressionen können mit der aus dem alten China bekannten Heilmethode erfolgreich behandelt werden. Der Autor weist darauf hin, dass viel Erfahrung des Akupunkteurs die Voraussetzung ist und auf jeden Fall - wie in allen anderen Verfahren auch - die aktive Mitarbeit des Patienten.

In einem weiteren sehr ausführlich beschriebenen Kapitel ist »Kohärenz« (Zusammenhang) das Thema. Bei Stresszuständen, Bluthochdruck, Herzklopfen u. a. werden Atem- und Entspannungstechniken erklärt. Entfernt erinnern sie an Yoga oder Autogenes Training.

Angesprochen werden dann noch Bereiche wie die Lichttherapie, die bei uns ja schon länger bei Depressionen praktiziert wird und die Wichtigkeit der optimalen Ernährung mit Omega-3-Fettsäuren. (Querverweis auf die »Akzente« Nr. 66 / 2004, wo dieses Thema auch besprochen wird.)

Möchten Sie nun noch wissen, was Sie bei kleinen Alltagsbeschwerden, Unlust, Frust und Ärger machen können? Steigen Sie aufs Fahrrad und treten Sie tüchtig in die Pedalen oder joggen und walken Sie. Der Autor erklärt, dass speziell bei der Ausübung dieser Sportarten im emotionalen Gehirn Endorphine (Glückshormone) ausgeschüttet werden und für ausgesprochen positive Gefühle sorgen, ja sogar bei exzessiver Ausübung süchtig machen können.

Einschätzung:

Obwohl fachlich gut begründet, erhebt dieses Buch keinen hohen akademischen Anspruch. Es ist leicht zu lesen, garniert mit vielen alltäglichen Beispielen, in denen man sich wiederfinden kann. Wenn die Lektüre dazu führt, dass man sich wieder mehr mit sich selbst beschäftigt, in sein Innenleben abtaucht, sich annimmt und seine Selbstheilungskräfte mobilisiert, dann ist das Buch goldrichtig.

Margarete Gatzen

aus die AKZENTE Nr. 73 - 2006

 

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