Allgemein

Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

Ein Ratgeber für Betroffene und Helfer

Paul H. Wender

Kohlhammer, 2002

ISBN-10: 317017097X

ISBN-13: 978-3170170971

Preis: € 24,95

Die US-Website »MedMD« schreibt in ihrer Würdigung Paul Wenders, er sei der »Dean of ADHD«. Übersetzt man diese Redewendung ins Deutsche, so könnte man Wender als den »Vater des ADHS« bezeichnen. Das aber klingt eigentümlich im Fall eines Störungsbildes, zu dessen Verständnis v. a. auch seiner Ätiologie Paul Wender einen großen Beitrag geleistet hat. 1971 veröffentlichte er eine der ersten Monographien weltweit zum Thema ADHS, damals noch unter dem Begriff der »Minimalen Cerebralen Dysfunktion« (MCD). Drei Jahre später folgte die erste Auflage des Standardwerks »The hyperactive child«, das seit 2000 in der vierten überarbeiteten Ausgabe vorliegt. Inzwischen hat es sich zu einem Ratgeber zu »Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen« gemausert, wie der Kohlhammer-Verlag die Übersetzung ins Deutsche betitelt hat.

Obwohl die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe bereits sechs Jahre zurückliegt, ist das Buch noch immer lesenswert und in seiner Sichtweise auf die ADHS aktuell. Anders als die »Popstars« der Kinder- und Jugendpsychiatrie, deren Werke diesseits wie jenseits des Atlantiks auf den Wogen des medialen Interesses am gestörten Kind reiten, hat Wender sich von Beginn an in ernüchternder Gründlichkeit mit der ADHS vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter auseinandergesetzt. Sein 1995 erschienenes Hauptwerk »Attention Deficit Hyperactivity Disorder in Adults« (das leider nicht in deutscher Sprache vorliegt) ist ein beredtes Zeugnis der wissenschaftlichen Sachkenntnis, aber auch der klinischen Erfahrung seines Verfassers. Die Sympathie des Arztes mit seinen Patienten macht den erklärten Willen Wenders erst glaubhaft, aus einer neuropsychologischen Besonderheit kein fatales Schicksal, aus einer Verhaltensstörung keine Modekrankheit und aus dem Leiden der anderen kein Geschäftsmodell zu machen.

Auf eine Wiedergabe der Inhalte von »Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen« soll an dieser Stelle verzichtet werden, denn so verdienstvoll es ist, das Buch geschrieben, ins Deutsche übersetzt und verlegt zu haben, so hilfreich ist seine unmittelbare Lektüre für all diejenigen, die sich einen soliden Überblick über die Erscheinungsformen der ADHS im Lebensverlauf verschaffen wollen. Angemerkt sei nur, dass die Medikation im Bereich der Therapien für Wender eine große Rolle spielt. Das allerdings ist nicht nur seiner Arbeit als Professor für Psychiatrie u. a. an der renommierten Harvard Medical School geschuldet, sondern der bemerkenswerten Verbindung von therapeutischer Vernunft und klinischem Verstand, wissenschaftlicher Forschung und ärztlicher Erfahrung in der Person des Autors.

Wie sehr Wender das Leben seiner Patienten im Sinne einer menschlichen Anteilnahme am Schicksal des Einzelnen interessiert, versteht der Leser insbesondere nach der Schilderung der Fallbeispiele von Erwachsenen. Hier demonstriert er den elementaren Einfluss der Störung auf das Leben eines Angestellten, einer Hausfrau, eines Sportlehrers und einer promovierten Historikerin – Menschen, die an der ADHS leiden, ohne in der Gesellschaft zu versagen. Für uns »Normalos« hat Wender dieses Buch geschrieben, auf dass wir uns besser verstehen lernen und mit der Hilfe von (nach der Lektüre gleichfalls verständigeren) Fachleuten unseren Lebensalltag konstruktiver angehen: Freundlicher und doch entschiedener, milder und doch konsequenter, positiver und doch realistischer.

Es ist im Leben kein Vorteil, an ADHS zu leiden. Edison hätte seine großartigen Erfindungen mutmaßlich auch mit Schul- und Universitätsbildung machen können. Churchill hat während des Zweiten Weltkriegs politisch richtig gehandelt, weil er trotz seines ADHS über erheblichen Weitblick verfügte. Und Einstein, hätte er tatsächlich an ADHS gelitten, würde 1905 nicht vier bahnbrechende Aufsätze und seine Dissertation parallel zur Arbeit fürs Schweizer Patentamt verfasst haben.

Die ADHS ist jedoch auch kein Urteil, keine biologische Verdammnis zu lebenslangem Außenseitertum, Versagen und Leid. Die erste erwachsene Patientin, der Wender in seiner professionellen Laufbahn als Psychiater die zu dieser Zeit noch Kindern vorbehaltene Diagnose gab und die er auf Stimulanzien einstellte, steht unter den Fallbeispielen des Buchs zugleich für die erfolgreichste berufliche Karriere. Jahrzehnte nach Aufnahme der Behandlung ist sie immer noch promovierte Akademikern, immer noch seine Patientin, nimmt immer noch die gleiche Dosis an Medikamenten. Das mag im Vergleich mit manch wilder ADHS-Biographie wenig spektakulär erscheinen. Wenn man es recht bedenkt, steht das Schicksal dieser Frau jedoch für das eigentlich Wunderbare der Auseinandersetzung Wenders mit der ADHS im Kindes- wie im Erwachsenenalter: Betroffenen einen Zugang zur letztlich uns allen innewohnenden Fähigkeit zu eröffnen, glücklich sein zu können, wo und wie man ist.

Dr. Johannes Streif

aus neue AKZENTE Nr. 80 - 2008

 

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