Allgemein

 ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

Symptome, Ursachen, Diagnose und Behandlung

Cordula Neuhaus

Kohlhammer Verlag, 2007

ISBN-10: 3170208071

ISBN-13: 978-3170208070

Preis: € 17,00

In einer Gesellschaft, in der nichts so beständig ist wie der Wandel, muss es nicht verwundern, dass sich auch Fachbuchautoren diesem modernen Diktat unterwerfen und nach mehreren umfassenden Werken noch mal wieder ein neues auf den Markt bringen. Hätte es nicht auch eine Neuauflage getan mit inhaltlichen Korrekturen? Wer hat hier das Sagen: Der Verleger oder der Autor?

Nun also auch Cordula Neuhaus: »ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen«. Rat und Hilfe verspricht das Buch. Auf 175 Seiten wird zusammengefasst, was sie vorher in etlichen Büchern ausführlich dargelegt hatte: Das hyperaktive Kind und seine Probleme (1996), Hyperaktive Jugendliche (2000), Das hyperaktive Baby und Kleinkind (2003) - und ›Lass mich, doch verlass mich nicht‹, ADHS und Partnerschaft (2005). Dazu kommen zahlreiche Veröffentlichungen in Fachzietschriften zu Themen wie ADHS im Erwachsenenalter u. a. m..

War das Neue Nötig? Was ist daran so fundamental anders?

Es ist sozusagen alles unter einem Dach. Wer sich die Mühe und das Geld sparen will, in ihren früheren Werken nachzuschauen, der findet, was er braucht. ADHS wird in der ihr eigenen Art sehr plastisch beschrieben. Kaum einer anderen Autorin gelingt eine genauere Beschreibung dieses Störungsbildes mit allen Facetten, verschiedensten Charakteren und unterschiedlichsten Verhaltensweisen. Die Symptomatik vom Säugling bis zum Erwachsenenalter kann man dann an Tabellen ablesen, bei denen die Entwicklungsschritte von normalen Kindern denen von ADHS-Kindern gegenübergestellt ewrden. Zwei weitere Kapitel verdienen Beachtung:

1. Was funktioniert anders bei ADHS? Hier wird noch einmal ausführlich die neurobiologische Ursache erklärt und wie der ständig »hochdrehende« Motor im Gehirn »überschießt«. Spziell für Lehrer wäre dieses Thema zu empfehlen, weil klar wird, warum ein ADHS-Kind die 8 bis 18fache Zeit benötigt, um Basiswissen und Regeln zu verautomatisieren.

2. Lehrer, Erzieherinnen und auch Eltern sollten sich aus dem Kapitel »ADHS und weitere Störungen« das Thema »Angst« zu Herzen nehmen. Hier erfahren sie, unter welchen Ängsten die hochsensiblen ADHS-Kinder - auch schon betroffene Kleinkinder - leiden und welches die Angst auslösenden Faktoren sind. Wir alle, die wir in der Sozialisation dieser Kinder eine Rolle spielen, tragen unwillentlich und ziemlich gedankenlos zur Entstehung diser Ängste bei. Doch all das, wenn man von dem Angstkapitel einmal absieht, hat C. N. in ihren früheren Büchern detailliert beschrieben. Das betrifft übrigens auch die andern Themen des Buches wie Diagnose, Möglichkeiten der Behandlung, medikamentöse Therapie u. ä..

Nichts Neues also, aber sie übt zum ersten Mal scharfe Kritik an den Leugnern der neurobiologischen Ursachen. Deren Zahl nimmt in der letzten Zeit wieder zu, und alarmierend sei, so Neuhaus, dass in der Ausbidung der Sozialpädagogen, Sozialarbeiter und Heilpädagogen entweder ein sehr veraltetes oder sehr merkwürdiges »Wissen« vermittelt werde. Sie nimmt hier besonders die analytische Spieltherapie und die systemische Familientherapie ins Visier. Dort wird ADHS als ein »in Wirklichkeit nichts erklärendes Erklärukngsprinzip« gesehen. Ähnliche Leerformeln spießt sie auch an anderer Stelle mit spitzer Feder auf. Sie nennt keine Namen, aber wer die Szene kennt, weiß, wer gemeint ist.

Am Ende jedes Kapitels wird auf weiterführende Fachliteratur hingewiesen. Das ist hilfreich, weil es Interessenten, die sich ins Thema erst mal einarbeiten wollen, das lange Suchen erspart. Für diese, also Neulinge, ist das Buch am ehesten geeignet. Doch nach dieser »Grundausstattung« sollte man sich schleunigst ihre anderen Werke vornehmen, wobei »Das hyperaktive Baby und Kleinkind« und »Das hyperaktive Kind« besonders hervorgehoben werden müssen.

Gemessen an diesen beiden Büchern ist das neue kein großer Wurf. Man braucht also nur Neuhaus mit Neuhaus zu vergleichen und die Antwort ist klar. Natürlich geht die starke Zusammenfassung auf Kosten der Anschaulichkeit in Wort und Bild. Gerade das aber zeichnet die o. g. Bücher aus. Und dann fehlen wieder mal Register und Glossar. Beides gehört zu einem guten Ratgeber. Bei der Lektüre wird man außerdem den Verdacht nicht los, dass das Buch unter großem Zeitdruck fertiggestellt werden musste. Das geht sicherlich nicht zu Lasten der Autorin. Der Fehlerteufel hat gute Arbeit geleistet und es gibt so manche ungeschickte Formulierung. Bastian Sick lässt grüßen.

Doch trotz dieser Einschränkungen kann man das Buch als Einstieg in das Thema ADHS empfehlen.

Margarete Gatzen

aus neue AKZENTE Nr. 78 - 2008

 

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