Allgemein

ADHS Kontrovers (3)

Betroffene Familien im Blickfeld

Gerhild Drüe

Kohlhammer, 2007

ISBN (alt) ---

ISBN (neu) 978-3-17-019086

Preis: € 24.80

Geschichte(n) des Gestörtseins

In der Einleitung des besten Elternratgebers zum Thema ADHS, Russell A. Barkley’s »Taking Charge of ADHD« berichtet der Autor von einer Mutter, die eines Tages in seine Praxis kam. Als er das Gespräch eröffnete, habe er erwartet, dass sie die üblichen Klagen vorbringen würde: »Mein Kind versagt in der Schule« oder »Mein Kind hört nicht auf mich«. Doch die Mutter sagte nur einen Satz, der ihn schockierte und verwirrte: »Helfen Sie mir, ich verliere mein Kind!«

Das unfassbare Leid

Barkley ist Arzt und Psychologe. Er war einer der ersten Neurologen, die sich in den USA mit ADHS befassten. Wahrscheinlich hat er im Rahmen seiner Ausbildung auch einmal in einem »Emergency Room« gestanden – zwischen Knochenbrüchen, Schusswunden und Eltern mit röchelnden Babys. Unter dem Eindruck dieser sichtbaren, mit Händen greifbaren Krankheiten machte die Angst einer Mutter Sinn: »Helfen Sie mir, ich verliere mein Kind!« Doch in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis, zwischen zappelnden Kindern mit Tics und Rechtschreibproblemen, die im Alter von zehn Jahren nachts noch einnässen, – was rechtfertigte da die Angst vor dem Verlust des Kindes?!

Die Stärke von Gerhild Drües Buch »ADHS kontrovers. Betroffene Familien im Blickfeld von Fachwelt und Öffentlichkeit« ist die eindrückliche Beschreibung dieses unfassbaren Leide(n)s. Nicht, dass dieses Leid jedes Maß überstiege und mit keinem anderen Elend, das in Familien herrschen mag, zu vergleichen wäre. Unfassbar ist das Leiden an ADHS, weil es am einzelnen Menschen, in der besonderen Familie, in genau diesem Klassenzimmer, dieser Fabrikhalle, diesem Ferienlager, diesem Sportverein so schwer zu sehen, zu beurteilen und zu akzeptieren ist. Es ist ein Leiden am Anderssein und Anders-wahrgenommen-werden, ein Leiden an der Furcht vor dem Andersbleiben und Nicht-anders-werden-wollen. Man kann einen Menschen auch dadurch verlieren, dass man ihn nicht mehr versteht. In dem bekannten Film »Philadelphia« über den an AIDS erkrankten Rechtsanwalt Andy Beckett liest dieser in einem Buch, das frühere Gerichtsfälle zur Diskriminierung bei Krankheiten beschreibt. Da heißt es, dass der soziale Tod dem physischen häufig vorausgehe. Was wird aus einem Kind, das sich nicht beherrschen kann? Das nicht die Aufmerksamkeit aufzubringen vermag, seine Umwelt zu begreifen? Einem Kind, das sich in seiner Wut gegen andere und sich selbst wendet? Ist es aber meine Angst um mein Kind, wie fassbar wird das Leid der Mutter, die ihr Kind nicht mehr verstehen, nicht mehr halten, nicht mehr schützen kann. »Helfen Sie mir, ich verliere mein Kind!«

Steine im Weg

Das umfangreichste Kapitel in Drües Buch ist »Steine im Weg« überschrieben. Es ist die Angel zwischen dem Leiden und dem Umgang mit dem Leiden, die Verbindung zwischen dem privaten Elend und seiner gesellschaftlichen Wahrnehmung. Es ist das beste Kapitel, da es eine leicht wilde, doch authentische, ja notwendigerweise emotionale Auseinandersetzung mit dem Schwachsinn darstellt, dem Betroffene, Eltern und Fachleute im Zusammenhang mit ADHS im Alltag begegnen. Von Freud, der das Unbehagen in der Kultur als einer der ersten zum therapeutischen Geschäft machte, zu den Erziehungsratgebern von heute, deren bestes Verkaufsargument die Unsicherheit der Eltern in der Gesellschaft ist – es hat sich nicht viel getan in einhundert Jahren. Noch immer gehen die Priester und Leviten der öffentlichen Meinung an den Geschlagenen vorbei, weil es einfacher und billiger ist, den Finger in Wunden zu legen, als die Wunden zu verbinden. Drüe entlarvt die Schwätzer unter den Pädagogen und Therapeuten, Gelehrten und Journalisten, die nach jahrzehntelangen Forschungen zur ADHS noch immer verkünden, dass dies private Elend nur Ausfluss der gesellschaftlichen Perspektive sei. Als lebten wir alle aus freiem Entschluss in der Welt, die wir wollten, als hätten alle Eltern gerade die Kinder, die sie verdienten.

Anerkennenswert ist das Aufzeigen der Steine im Weg nicht zuletzt, da es in der Hilflosigkeit etwas wunderbar Trotziges hat. Wie oft ist nicht bereits über die üblichen Verdächtigen geschrieben worden: Esoteriker, die Grünzeug aus dem Tümpel nebenan als »natürliches Heilmittel« verkaufen; selbsternannte Heiler, welche die eigene Konzeptlosigkeit angesichts eines scharf umrissenen Störungsbildes als »ganzheitliche Behandlung« verbrämen; Journalisten in Erbämtern der trendgeleiteten Hofberichterstattung, die aus dem Elfenbeinturm der Kinderlosigkeit den Charme des kleinen Rebellen beschwören, der die Lehrerin in der zweiten Klasse mit »Arschloch« betitelt und sich, sozial offenbar völlig verständlich, mit 15 Jahren durch Drogenkonsum aus Schule, Arbeit und sozialer Verantwortung stiehlt. Zugegeben, das sind auch Klischees, doch darum geht es ja – um das Benennen und Überwinden dieser zu Versatzstücken der gesellschaftlichen Diskussion verkommenen Vorwürfe an die Adresse des je anderen. Es geht um das Bewusstsein, dass diese Steine im Weg nicht einfach die Konditionen eines schicksalhaft bestimmten Lebens sind, sondern die Vorurteile, die Schuldzuweisungen, die Ausschlüsse, mit denen wir jeden Tag unseres Lebens konfrontiert sind. Und die vielen, die mit ADHS zu tun haben, das Leben noch schwerer machen, als es ohnehin schon ist.

Call of Nature

Da aber sind wir schon bei den Schwächen des Buchs, die jeder nach eigenem Gusto verzeihen möge. Drüe kann sich ungeachtet mehrfacher Ansätze, die Erziehung keinesfalls völlig der Reifung des Gestörten unterzuordnen, in ihrer Argumentation nicht aus dem Gegensatz von Anlage und Umwelt lösen. Dabei leben wir Menschen zu hundert Prozent aus unseren Genen und zu hundert Prozent mit unseren Erfahrungen. Darüber hinaus verwischt Drüe die Grenze zwischen Aggression und Sozialverhalten; ersteres ist Biologie, zweites Soziologie. In dieser notwendigen Unterscheidung ist ADHS erwiesenermaßen der Biologie zuzuordnen: Es ist eine auffällige Variation menschlicher, mutmaßlich aber auch tierischer Verhaltensdisposition mit signifikanten Schwierigkeiten in der Impulskontrolle und Willkürsteuerung der Aufmerksamkeit. Lügen, Stehlen, Drogenkonsum und gewalttätiges Handeln sind hingegen erworbene Verhaltensweisen. Man kann sie mit der Behandlung der ADHS beeinflussen wie mit Ausgrenzen und Einsperren – man reduziert den Drang und die Gelegenheit, schafft jedoch keine Moral als Voraussetzung ehrlicher Einsicht und des bewussten Wunsches nach Selbstbeherrschung.

Dieses Gefühl des Mangels, als ob die Autorin genau wüsste, was sie nicht will, nicht aber, was zu wünschen ist, beschleicht den Leser auch angesichts eines dritten großen Themas, welchem im Buch sogar ein eigenes Kapitel gewidmet ist: die Medikation der ADHS. Recht hat Drüe, wenn sie die allgegenwärtige, meist dilettantische Kritik an der medikamentösen Behandlung vom öffentlichen Diskurs auf die privaten Dilemmata herunterbricht. Ist absehbar, dass mein aufmerksamkeitsgestörtes Kind nur unter Qualen Lesen und Schreiben lernen wird, da es seinen Blick kaum eine Sekunde auf ein paar Buchstaben richten kann, werde ich es als mitleidende Mutter doch nicht jahrelang weitgehend erfolglos mit zusätzlichen Lernstunden traktieren! Welcher Vater, der die Entwicklung seines Sohnes mit Sorge um dessen Zukunft verfolgt, wartet brav auf die nächste unsägliche Reform des Gymnasiums, damit der begabte, aber impulsive Filius auch unter erziehungsunfähigen Fachlehrern sein Abitur machen kann?! Allerdings: Auf Dauer profitieren Kinder wie Erwachsene von einer Medikation der ADHS nur, wenn sie wissen, was sie besser machen wollen und müssen, wenn sie es denn besser können. Da wäre es gelegentlich hilfreich, wenn Betroffene wie Betreuende ihre Sensibilität nicht nur auf die Kritik an der eigenen Person verwenden würden, sondern nachgerade auch auf das, was in unserer Gesellschaft wichtig ist, Störung hin oder her. Leistung zum Beispiel. Anstand, Höflichkeit und Manieren bei Tisch. Eine grundsätzliche Achtung vor Regeln, sollten diese bisweilen auch zum eigenen Nachteil gereichen. Dann kann man den Gegnern der Medikation guten Gewissens entgegenhalten: Ich gebe meinem Kind Tabletten, damit es Ihren Ansprüchen genügt – damit es Psychologe, Arzt und Autor werden kann wie Sie, was es aufgrund einer Laune der Natur ohne Tabletten nicht schafft...

Helfen Sie mir!

Da ich wusste, dass ich nach der Lektüre des Buches eine Rezension über es schreiben würde, hatte ich sogleich an die Barkley-Anekdote zur Einleitung gedacht. Als ich das fünfte Kapitel begann, bemerkte ich mit einem Schmunzeln, dass die Autorin denselben Satz des Amerikaners zitierte. Siehst Du, sagte ich zu mir selbst, im Grunde seid ihr beide doch einer Meinung. Ja, das sind wir, denn es geht darum, für Menschen einzutreten, die meist viel mehr wollen als sie können. Ohne Hilfe wollen viele von ihnen jedoch schon in der Grundschule nichts mehr können, und irgendwann können sie in Verzweiflung und Resignation nichts mehr wollen. Das ist das Elend der ADHS in einer Gesellschaft, die so vieles vom Einzelnen als selbstverständlich voraussetzt, sich in ihrer Öffentlichkeit aber den Anschein gibt, alles zu verstehen und alles zu billigen. Hierin liegt der tiefe Kern der Kontroverse um dieses Störungsbild verborgen, und es ist gut, dass die Autorin wenigstens ein bisschen an der Oberfläche des weitenteils verlogenen Diskurses gekratzt hat. Helfen Sie mit, weitere Schichten aus Vorurteilen, Klischees und Halbwahrheiten zum Thema ADHS abzutragen. Am besten, indem Sie mit Ihrer glücklichen Familie erfolgreich sind...

Dr. J. Streif

 

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