Allgemein

ADHS Kontrovers (2)

Betroffene Familien im Blickfeld

Gerhild Drüe

Kohlhammer, 2007

ISBN (alt) ---

ISBN (neu) 978-3-17-019086

Preis: € 24.80

»Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.« Dieser an exponierter Stelle des Buches zitierte Ausspruch stammt von keinem Geringeren als Albert Einstein. Das Zitat zielt genau auf den inhaltlichen Schwerpunkt, der in dieser Rezension besondere Beachtung finden soll: Von der unausrottbaren Meinung, dass der Mensch nichts als ein Produkt seiner Umgebung ist und den vielen verhängnisvollen Schlüssen, die daraus gezogen werden, berichtet dieses Buch. Die Autorin Gerhild Drüe, ehemalige Hauptschullehrerin, jahrelang erfahren in der Selbsthilfearbeit, hat zusammengetragen, was ungezählte Eltern, meist Mütter, an Fehlurteilen zu ADHS, an Etikettierungen, Schuldzuweisungen und Demütigungen erlebt und ertragen haben. So darf man eben - immer wieder - und immer noch - die längst erkannte genetische Disposition und die neurobiologische Funktionsstörung außen vor lassen und Erziehung als einziges Mittel bei der Bewältigung der ADHS-Problematik favorisieren.

Natürlich ist Erziehung wichtig, sehr wichtig sogar. Doch das ist leider nur die halbe Wahrheit, und die halbe Wahrheit ist immer eine ganze Lüge. Die Autorin hat in einer enormen Fleißarbeit alle gesellschaftlichen Gruppierungen, die, meist ohne es zu wissen, mit ADHS zu tun haben, abgeklopft und auf ihre Einstellung hin untersucht und ist zu erschreckenden Ergebnissen gekommen: Ob das jetzt namhafte Erziehungs- und Fachwissenschaftler sind oder Personen des öffentlichen Lebens, die Erziehungsbücher schreiben (nichts dagegen, alles dafür solange sie sich nicht zu ADHS äußern), ob das Psychologen, Erzieherinnen, Lehrerinnen, Beratungsstellenmitarbeiter oder alle Arten von Medien sind: die einen müssten es wissen, aber wollen es oft nicht zur Kenntnis nehmen, die anderen verbreiten Halbwissen, Vorurteile, Ignoranz und viel Hilflosigkeit. Es werden Mütter beschrieben, die nach einer Odyssee der Hilfesuche für ihre ADHS-Kinder sich auch mal in der Wahl ihrer erzieherischen Mittel vergreifen, nicht, weil sie von deren Sinn überzeugt sind, sondern weil ihnen einfach die Sicherungen durchbrennen. Diese Mütter stehen oft am seelischen Abgrund und bekommen dann als »Hilfe« auch noch den »Schwarzen Peter« zugeschoben: »Das Kind ist Symptomträger«, »Sie haben wohl nicht ...«, »Sie können wohl nicht ...«. In der ADHS-Szene - diese Erfahrung geht quer durch alle Selbsthilfearbeit - stehen immer wieder die Mütter am Pranger. Die Väter, oft selbst von ADHS betroffen, halten sich gerne abseits. Deshalb feiert das sog. motherhunting (Neudeutsch für: Jagd auf Mütter) fröhliche Urständ: »Der braucht Konsequenz ...« (stimmt), »Der braucht Struktur ...« (stimmt auch), »Der braucht Liebe ...« (wie wahr). Aber was er noch braucht, ein Medikament, das ihn befähigt sich so zu steuern, dass er Konsequenz aushalten, Struktur durchschauen und Zuwendung annehmen kann, genau das bekommt er oft nicht. Wenns schief läuft, ist ja die Schuldige nicht weit.

Kurzum: Wir sind noch lange nicht da, wo wir gerne wären. Das wird in diesem Buch sehr deutlich. Deswegen ist bei der Lektüre Vorsicht geboten, sie könnte einen mutlos machen. Es ist auf gar keinen Fall ein Elternhandbuch. So einfach herunterlesen kann man das Buch ohnehin nicht. Der Inhalt wird sehr dicht und konzentriert geboten. Die Kapitel sind oft recht lang und weder durch Bilder, Diagramme oder was auch immer aufgelockert. Man sollte sich deshalb die einzelnen Themen kapitelweise in Ruhe vornehmen und sich dann ärgern. Das ist beabsichtigt. Ob allerdings die Adressaten durch Ärger endlich den Lernprozess schaffen, von dem »Entweder« (Erziehung) »Oder« (das oft noch geächtete Medikament) zu einem für alle Betroffenen förderlicheren »Sowohl - als auch« zu kommen, das steht noch dahin.

Vorerst ist eine andere Forderung zu stellen, die die Autorin anmahnt: Es müssen endlich von den Kultusministerien verordnete Fortbildungskonzepte her. Diese sollten inhaltlich mit den Fachverbänden und ausgewiesenen ADHS-Fachleuten abgeglichen und kontrolliert durchgeführt und nicht wie bisher der Beliebigkeit überlassen werden. Die gleiche Forderung geht an die Ausbildung der Erzieherinnen.

Was die Autorin sonst noch an Wünschen hat und welche anderen vielfältigen Facetten das ADHS-Bild abrunden - für Neugierige und Lernfähige hält das Buch jede Menge Zündstoff bereit. Es zu schreiben hat Mut gekostet.

Es war längst überfällig. Respekt, Frau Drüe!

Margarete Gatzen

aus neue AKZENTE Nr. 75 - 2007

 

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