Allgemein

ADHS Kontrovers (1)

Betroffene Familien im Blickfeld

Gerhild Drüe

Kohlhammer, 2007

ISBN (alt) ---

ISBN (neu) 978-3-17-019086

Preis: € 24.80

Ein beherztes Buch. Die Autorin fasst langjährige ADHS-Eltern- und Selbsthilfeerfahrung treffend zusammen.

Vor über 20 Jahren führten Verzweiflung und Hilflosigkeit aufgrund von Wissenslücken und Informationsdefiziten in Öffentlichkeit, Psychologie, Medizin, Pädagogik und Familienhilfe zur Gründung von ADHS-Elternverbänden. Heute gibt es empirisch gesichertes Wissen zu ADHS mehr als zu irgendeiner anderen Störung des Kindesalters. Das Wissen nimmt weiter rasant zu.

Adäquaten Zugang zu diesem Wissen kann sich jeder Laie oder Profi beschaffen, nicht zuletzt bei den Eiternverbänden. Dennoch hat sich die problematische Situation der Betroffenen kaum geändert und die Versorgungslage, abgesehen von einigen Ballungszentren, wenig verbessert. Nach wie vor vereiteln langjährige diagnostische und therapeutische Odysseen, entwürdigende Falschanalysen und entmutigende Fehlberatungen zeitnahe und wirksame Hilfe. Wertvolle Entwicklungszeit betroffener Kinder geht unwiederbringlich verloren.

Die Autorin weist nach, dass diese düstere Realität keineswegs in einem Mangel an empirisch gesichertem Wissen gründet oder in Defiziten an auf Wirksamkeit, Effizienz und Verträglichkeit sorgfältigst getesteter Therapieoptionen. Dieser kinder-, familien- und gesellschaftspolitische Skandal basiert vielmehr darauf, dass sich viele Laien und Profis schwer damit tun, eine komplexe biopsychosoziale statt einer rein psychosozialen Verursachung der ADHS zu akzeptieren. Dieser »kleine Unterschied« bleibt für die Betroffenen und deren Familien natürlich nicht ohne Folgen.

Zu diesen dramatischen Folgen lässt die Autorin immer wieder die Betroffenen selbst zu Wort kommen. Vor allem Mütter erzählen erschütternde Geschichten. Mütter und Familien, auf deren Schultern die Hauptlasten einer familiären ADHS abgeladen werden, kommen in der Fachliteratur, vor allem in der ADHS-kritischen, kaum selbst zu Wort. Die Erfahrungen der Betroffenen scheinen ADHS-kritische Fachleute eher zu stören. Stellen sie doch anscheinend fest gefügte Weltbilder in Frage und damit eine Bedrohung dar. Ätiologische und therapeutische Glaubenssysteme, die kindliche Entwicklungs- und/oder Verhaltensstörungen axiomatisch als Reaktion auf frühe Traumata, ungünstige Milieufaktoren, mangelhafte Erziehungskompetenz oder als Folge von Bindungs-, Interaktions- und Beziehungsstörungen interpretieren müssen.

Kindliches Problemverhalten wird durch eine »Psychobrille« gesehen, die ihrerseits zur intensiven Suche nach tieferem Sinn verpflichtet und legitimiert, Deutungsmacht verleiht und nach eigenem Selbstverständnis allein Expertise, unmittelbares Verstehen und Geltungsanspruch gewährt.

Dieser Denkansatz setzt in jedem Fall Deutungsbedarf voraus, weil Verhalten, Gefühle, Ängste, Hoffnungen, Enttäuschungen oder Erfahrungen aus psychodynamischer Sicht zunächst nicht ganz einfach und nahe liegend als spontane und authentische Lebensäußerung ohne interpretationsbedürftigen Hintersinn verstanden werden darf. ADHS-Kinder ereignen sich aber ganz unvermittelt. Sie werden der psychodynamischen Vorstellungswelt nicht gerecht.

Aus dieser »Psychoperspektive« verstecken sich beim Kind hinter jedem Verhalten ein verborgener Sinn, eine unbewusste Absicht, eine verschlüsselte Botschaft, ein ungestilltes Bedürfnis, ein unverarbeiteter Konflikt und damit ein verklausulierter Hilfeschrei. Unbewältigte Traumata, frühe Kränkungen, fragwürdige Projektionen, überspielte Defizite, unerfüllte Wünsche, verdeckte Absichten, abgewehrte Rollenerwartungen, übermächtige familiäre Vermächtnisse, uneingestandene Bedürfnisse, unerkannte Abwehrmechanismen, werden zu geheimen Motiven hinter dem Verhalten von Eltern erklärt.

Leider verstellt diese rein psychodynamische Schulsicht jedoch bei ADHS allzu leicht den Blick auf Offensichtliches, Faktisches, Objektivierbares und führt zu Einseitigkeit. Nöte, Sorgen, Ängste, Erschöpfung, Schuldgefühle, Hilflosigkeit, Depression, Verzweiflung von Eltern werden gedeutet statt ernst genommen, werden interpretiert anstatt Abhilfe zu schaffen.

Wie eine Sonnenbrille filtert die »Psychobrille« einen Teil des Informationsspektrums aus. Mitunter mag das angenehm und praktisch sein. So entsteht ganz automatisch, ja zwangsläufig in den Köpfen das Zerrbild einer Psychodynamik der ADHS-Familie, das durch Behörden, Presse und Öffentlichkeit geistert. Ein verhängnisvolles Zerrbild, das die Betroffenen heute noch täglich stigmatisiert und ausgrenzt.

Schlimmer noch: Gesichertes Wissen zu ADHS, soweit es im Widerspruch zu psychodynamisch gefilterten Sichtweisen steht, zwingt ADHS-Kritiker reflexhaft zur Aktivierung eines Arsenals von Abwehrmechanismen. So werden zwingende Fakten bagatellisiert, empirisch gesicherte Daten bezweifelt, Unterstellungen und Verdächtigungen formuliert, Verschwörungstheorien gebastelt, Scheinfronten eröffnet, finstere Motive unterstellt, vermutet, behauptet, kolportiert. Da wird verdrängt, abgewehrt, Widerstand geleistet, verbarrikadiert, übertragen, gegen-übertragen, agiert, frei assoziiert, fantasiert und projiziert, was die tiefenpsychologische Wundertüte hergibt. Empirische Forschung und Naturwissenschaftliche Methodik wird als reduktionistisch oder biologistisch diskreditiert. Der Krankheitswert von ADHS wird bagatellisiert, der Krankheitsstatus wird bestritten.

Dies alles wohlgemerkt von approbierten Profis in amtlicher Funktion in offiziöser Garantenstellung gegenüber betroffenen Hilfesuchenden, verzweifelten und leidenden Betroffenen und in offener Gegnerschaft zu den evidenzbasierten Leitlinien.

Eindringlich weist die Autorin auf die Bedrohlichkeit dieser Entwicklung hin und auf die Schadwirkung für die Betroffenen. ADHS ist eben keine gutartige Besonderheit.

Je kompetenter oder selbstbewusster Eltern auftreten, desto subtilere und schärfere Geschütze der Schuldverschreibung werden mitunter von ADHS-kritischen Beratungsfunktionären aufgefahren, die therapeutische Partnerschaft auf Augenhöhe fürchten.

Das Buch gewährt immer wieder neue, erschütternde Einblicke in ein düsteres Kapitel Versorgungs-, Therapie- und Stigmatisierungsrealität. Die Autorin zeigt eindrucksvoll auf, dass ADHS nicht Folge von Beziehungs- oder Bindungsstörungen ist. ADHS bei Kind und Eltern kann vielmehr die Entwicklung von Beziehung und Bindung empfindlich stören.

Die genetische Grundlage der ADHS wird von der empirisch orientierten Wissenschaft nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt. Frau Drüe schildert, wie sich auf dieser biologischen Basis die problematische psychosoziale Dynamik entwickelt. Die regelmäßig feststellbaren sozialen Risikofaktoren und Problemkonstellationen korrelieren hochgradig genetisch, bilden eine Generationen übergreifende Spur, oft in Form einer Abwärtsspirale, können also als in erheblichem Maße erblich angesehen werden. ADHS ist eine andere Art, die Welt zu sehen und auf sie zu reagieren.

Für ein Verständnis der Problematikdynamik ist es unerlässlich, so führt die Autorin überzeugend aus, zu sehen, dass in der Regel Kind und Eltern gemeinsam betroffen sind. Diese andere neuronale Netzwerknutzung beinhaltet für Kind und Eltern ein hochgradig biologisch mitbedingtes Anpassungsrisiko, eine Anpassungsstörung, bis hin zum Anpassungsversagen. ADHS erfordert, so die Autorin, von den Eltern als Laien ganztägig Expertise in sonderpädagogischen Spezialfähigkeiten. Wer mit ADHS-Kindern zu tun hat braucht zudem noch einen unendlich langen Atem, den stimmungslabile, zu Affekt- und Impulsdurchbrüchen neigende Eltern anlagebedingt nicht besitzen.

Aber auch selbst nicht betroffene Pflegeeltern scheitern mit ihren Adoptivkindern, wenn diese ADHS haben. Dies obwohl Pflegeeltern nach Qualifikationsnachweisen handverlesen werden. Auch diese Eltern sind von amtlichen Fehlinterpretationen bedroht, statt Hilfe zu bekommen.

So macht das Buch auch deutlich, dass das Leid und die Not der Betroffenen nur zum Teil in den Problemen ihrer Störung, der ADHS zu suchen sind. Not und Leid, Ausgrenzung und Chancenverweigerung ADHS-Betroffener werden vielmehr durch die von Menschen gemachte, rückständige Versorgungs-, Therapie- und Beratungssituation potenziert.

Kompetent weist die Autorin, selbst gelernte Pädagogin, darauf hin, wie in den Kontroversen um ADHS die alltagspsychologische Tradition der Schuldverschreibung ebenso gepflegt wird wie Allmachtsfantasien hinsichtlich der Wirksamkeit elterlicher Erziehung. An der Stelle wird zu Recht die »schlechte Presse« des ADHS und der medikamentösen Therapie beklagt.

Es ist schon bemerkenswert: Noch nie kümmerten sich so viele Mütter in reifem Alter mit höchstem Anspruch und Engagement um so wenige, oft lang ersehnte Wunschkinder. Noch nie wurde Müttern mehr Versagen, weniger Kompetenz, ein größerer Mangel an Empathiefähigkeit und Achtsamkeit vorgeworfen als heute.

Die Autorin erinnert uns an die Lastenübertragung bei schizophrenen Menschen auf deren Mütter. Diese wurden von der Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann als »schizophrenogen« geoutet. Ihr Kollege Bruno Bettelheim verortete in freier Assoziation die Ursache von kindlichem Autismus in bindungs- und beziehungsunfähigen »Kühlschrankmüttern«. Alte Gräben, neue Fronten, die Methoden sind geblieben.

Widerstand ist bekanntlich in einer Analyse zwecklos. Er gilt dem Fachmann sogar als pathognostisches Zeichen, als sicheres Indiz, in den gehüteten Kern der Tiefenproblematik gestoßen zu sein. Widerspruch verfestigt tiefenpsychologisch fundierte Voreingenommenheit. In diesem verminten Gelände findet derzeit die Arbeit der Elternselbsthilfe statt. In diesen Fallstricken verfangen sich heute die Betroffenen und geraten in die Mahlströme berufspolitischer Interessenkonflikte und Geltungsansprüche nach dem Motto: »Wem gehört das ADHS-Kind?«

Wie lange noch sollen ADHS-Kindern nachgewiesen wirksame Therapien verwehrt werden?

Wie lange noch soll Eltern reflexhaft Verantwortung und Schuld für ADHS und für Therapieversagen angelastet werden, um pädagogisches Wunschdenken, therapeutisches Unvermögen, professionalisierte Naivität, behördliches Scheitern an der Wirklichkeit, schulenspezifische Glaubensbekenntnisse, idealistische Elfenbeintürme und standespolitische Ränke vor der Wirklichkeit zu schützen?

Profis können von ihren Patienten und deren Eltern unendlich viel lernen.

Eltern sind die berufenen Fachleute für ihre eigenen Kinder, weil sie sie am besten kennen und von Natur aus lieben. Ausnahmen bei Fachleuten wie bei Eltern bestätigen die Regel.

Mühsam, zäh und in kleinen Trippelschritten wird die Situation trotz vehementer Widerstände besser.

Mitunter erkennt die Autorin auch Licht am Ende des Tunnels. Immer mehr Profis machen vom Wissen über die am intensivsten untersuchte neuropsychologische Störung des Kindesalters Gebrauch. Immer mehr Profis erkennen die Bösartigkeit dieses chronischen Störungsbildes, dessen gesellschaftliche Relevanz und die soziale Sprengwirkung bei weiter anhaltender Ignoranz durch Ämter, Schulen, Hilfseinrichtungen, Ausbildung und Lehre, Kassen und Politik. Dennoch ist es nach wie vor reine Glückssache, an wen Betroffene geraten. Interdisziplinäre Qualitätsstandards wurden zwar bereits 2002 in einem Eckpunktepapier festgeschrieben, werden jedoch unter anderem wegen leerer Kassen unterlaufen.

Eine notwendige, längst überfällige Streitschrift, die den Finger in Wunden legt, Zusammenhänge und Interessenverstrickungen aber auch Perspektiven aufzeigt. Ein verdienstvolles Betroffenenbuch, das die Erfahrungen in der ADHS-Elternselbsthilfe treffend und authentisch wiedergibt. Ein aufrüttelndes Buch, das dogmatische ADHS-Kritiker zu Interpretationen und Häme herausfordern wird. Ein mutiges Buch, das die unvoreingenommene Lektüre durch die Fachwelt verdient.

Dank an die Autorin. Meine Empfehlung: Lesen!

Dr. Rupert Filgis

aus neue AKZENTE Nr. 75 - 2007

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