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Medien

Leserbrief zu »Zappelphilipp – oft bloß falsch erzogen?«

Bild der Wissenschaft 1/2008

 

Sehr geehrte Frau Kortmann,

sehr geehrte Damen und Herren!

Mit Enttäuschung und Unverständnis haben wir Ihren in »Bild der Wissenschaft« vom Januar 2008 veröffentlichten Artikel »Zappelphilipp – oft bloß falsch erzogen?« zur Kenntnis genommen. Als größte deutsche Selbsthilfeorganisation der von der Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betroffenen Einzelpersonen und Familien verfolgen wir Veröffentlichungen im Bereich der ADHS aufmerksam. Zugleich unterstützen wir die Medien mit Expertise und der Vermittlung von Kontakten zu Fachleuten im Umfeld der Medizin, Psychologie und Sozialwissenschaft.

Gerne hätten wir auch Ihre Redaktion im Vorfeld der Veröffentlichung in fachlicher Hinsicht beraten und der Autorin, wäre dies ihr Wunsch gewesen, einen unmittelbaren Zugang zu betroffenen Familien gewährt. Sowohl Fachkenntnisse als auch eine persönliche Vertrautheit mit dem Störungsbild hätten dazu beitragen können, die zahlreichen sachlichen Fehler des Artikels zu vermeiden sowie von der Herablassung abzusehen, mit welcher von ADHS Betroffene und deren Angehörige in ihm behandelt werden.

Die inhaltlichen Mängel des Artikels sind dabei so schwerwiegend, dass sie nicht mehr als Polemik in einer bisweilen zu Recht kritisch geführten öffentlichen Auseinandersetzung mit Fragen der Pädagogik und Therapie abgetan werden können. Vielmehr verleugnet die Autorin unter Verweis auf isolierte Meinungsäußerungen einzelner Personen weltweit vergleichbare soziale Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse von mehreren Jahrzehnten. Daten, welche mitnichten ausschließlich von sich selbst freisprechenden Eltern unerzogener Kinder oder von durch wirtschaftliche Eigeninteressen geleiteten Ärzten und Psychotherapeuten erhoben und interpretiert wurden.

Fragwürdig bleibt zunächst, ungeachtet seiner vielfachen Wiederholung, der Vorwurf, die diagnostischen Kriterien des Störungsbildes ADHS ließen »viel Spielraum« zu und zögen »keine Grenze zwischen krank oder einfach nur wild und unerzogen«. Zwar wurden die diesbezüglichen Symptomlisten der Amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie (APA: aktuell DSM-IV) sowie der Weltgesundheitsorganisation (WHO: aktuell ICD-10) in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach überarbeitet, um die Diagnosestellung entsprechend neuer wissenschaftlicher Befunde zu präzisieren. Dennoch sind sie heute nachgerade aus diesem Grund bei bestimmungsgemäßer Anwendung zuverlässige Instrumente, welche die Diagnose der ADHS weitgehend unabhängig vom diagnostizierenden Arzt oder Psychologen mit einer Zuverlässigkeit erlaubt, die nicht mehr Fehler erwarten lässt als beispielsweise die Fehlerquote bei Laboruntersuchungen in der Allgemeinarztpraxis (vgl. PCISME-Studie von 2002).

Dabei sprechen wir an dieser Stelle nur von der Diagnosestellung der ADHS im klinischen Alltag. Teure bildgebende Verfahren, die in der kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis nicht angewendet werden können, belegen demgegenüber mit noch weitaus höherer statistischer Sicherheit einen Zusammenhang zwischen den Diagnosekriterien der ADHS und hirnorganischen Auffälligkeiten insbesondere im präfrontalen Kortex. Nichts ist aus der persönlichen Sicht der Betroffenen wie auch der sozialökonomischen Perspektive unserer Gesellschaft wünschenswerter, als das Procedere zur Diagnose des Störungsbildes weiter zu verbessern sowie in der Folge Erziehung und Therapie der betroffenen Kinder anzupassen. Nach inzwischen mehreren Tausend Studien weltweit zur Symptomatik der ADHS jedoch zu behaupten, die Diagnosekriterien eines der bestuntersuchten Störungsbilder der Psychiatrie ließen Zweifel zu, dass es die ADHS gebe, kommt einer Leugnung von Depression, Migräne oder des menschlichen Schmerzempfindens gleich.

Vor diesem Hintergrund ist die zitierte ominöse Aussage des Neurobiologen Hüther, ADHS sei »zunächst nicht mehr als die Bezeichnung für eine Sammlung von Symptomen bei Kindern«, so sinnvoll und wahrhaftig wie die Aussage, dass Wasser aus zwei Wasserstoff- und einem Sauerstoffatom bestehe. Über verschiedene Lebensbereiche wie Familie, Schule und Freizeit hinweg miteinander verbunden, bilden die Symptome der ADHS eine charakteristische Einheit von auffälligem Verhalten. Sie sind in dieser Kombination gerade nicht bei jedem Kind oder Jugendlichen verschieden, sondern typisch für 3 bis 5 Prozent menschlicher Gesellschaften auf allen fünf Kontinenten. Sogar die uns am nächsten verwandten Primatenstämme bringen einen ähnlich großen Prozentsatz an Außenseitern hervor, deren Impulsivität und Unruhe sie zu einem schlechteren Lerner und nervigen Kameraden machen.

Nicht anders, als ein unbeherrschter Affe sich in freier Wildbahn oder Zoo verschieden verhält und dennoch in seiner jeweiligen Umgebung auffällt, so hat das Verhalten der von ADHS betroffenen Menschen viele Facetten und doch eine situationsübergreifend erkennbare Prägung. Mangelnde Impulskontrolle, eine ungenügende Willkürsteuerung der Aufmerksamkeit sowie häufig ein von außen nur schwer zu beeinflussender Bewegungsdrang ergeben ein kennzeichnendes Verhaltensmuster, dessen systematische Häufigkeit kein Zufall ähnlicher Erziehung in den unterschiedlichsten Gesellschaften sein kann. Diese typische Einheit von Verhaltensweisen erhielt mit der gleichen Berechtigung einen eigenen Namen wie die Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff, die Wasser ergibt, gleich ob gefroren, flüssig oder als Dampf.

Unlogisch und falsch sind die Ausführungen der Autorin auch im Hinblick auf die genetische Disposition des Störungsbildes. Zum einen ignorieren sie die Tatsache, dass es eine größere Anzahl an Untersuchungen zur Häufigkeit von ADHS in Familien gibt, welche auch die üblichen Zwillingsstudien miteinschließt, eine dominant genetische Veranlagung der Störung unter Humangenetikern also nicht mehr in Frage steht. Zum anderen ist das zitierte Argument von Hüther und Boney, die Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten in den letzten 30 Jahren spreche gegen eine genetische Grundlage der ADHS, in mehrfacher Hinsicht problematisch.

Erstens ist die pauschale Behauptung zunehmender Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern im Allgemeinen so seriös wie die derzeit populistische Diskussion um eine vermeintlich wachsende Jugendkriminalität. Viele Experten sind in diesem Zusammenhang der Ansicht, dass die sozialen Anforderungen wie auch der gesellschaftliche Maßstab sich weitaus mehr verändert haben als das Verhalten der Kinder und Jugendlichen. Sprechen Hüther und Boney aber, entgegen ihrer Ablehnung des Störungsbildes als einer Einheit, von einer Zunahme ADHS-typischer Verhaltensweisen, so ist die vermehrte Diagnosestellung und Behandlung vor allem Ausdruck einer veränderten Aufmerksamkeit von Eltern, Lehrern und Medien. In einer Zeit früher unbekannter medialer Reizfülle sowie einer Pluralität von Werthaltungen nicht zuletzt auch im Bereich der Erziehung kommt der Selbstbeherrschung des Einzelnen eine immer größere Bedeutung zu. Da nimmt es nicht wunder, dass Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene mit ADHS heute größere Schwierigkeiten haben, sich immer neu den rasch wandelnden gesellschaftlichen Realitäten anzupassen, als Menschen mit einer günstigeren genetischen Disposition zur Willkürsteuerung.

Zweitens lässt der Kurzschluss, bestimmte Gene würden unbedingt mit einem bestimmten Verhalten einhergehen, eine fundamentale Unkenntnis vom Zusammenhang genetischer Strukturen und den auf ihrer Grundlage ablaufenden physiologischen Prozessen erkennen. Wenn schon die menschliche Körpergröße, die als Resultat eines Reifungsvorgangs in hohem Maße erblich ist, sich durch Ernährung individuell sowie gesellschaftsweit über wenige Generationen erheblich beeinflussen lässt, um wie viel gestaltbarer sind dann erst die komplexen Entwicklungsvorgänge unseres Gehirns, dessen höhere Funktionen ihre Prägung im Austausch mit der je eigenen Umwelt des einzelnen Menschen erhalten. Dennoch bleibt die Erbanlage die Basis, auf welcher jede Entwicklung aufbaut. Das Kind von durchschnittlich großen Eltern wird unter normalen Lebensumständen je nach Geschlecht und Nahrung ein bisschen größer oder ein bisschen kleiner werden, sehr wahrscheinlich aber ungefähr die mittlere Körpergröße seiner Eltern erreichen. Eine Schwankung von 5 Prozent wird aus dem Kind von Kleinwüchsigen keinen Riesen machen, egal was und wie viel es isst. In gleicher Weise verhält es sich mit den Kindern von ADHS-Betroffenen. Ihre Sozialisation, die Summe aus bewusster Erziehung und unbewussten sozialen Einflüssen, konditioniert die neurophysiologische Disposition ihres Verhaltens in einem begrenzten Umfang. Reizüberflutung und mangelndes erzieherisches Einwirken auf das kindliche Verhalten haben insbesondere in den ersten Lebensjahren durchaus einen kritischen Effekt auf die Ausbildung neuronaler Funktionen und Strukturen zur Willkürkontrolle von Emotionen und Verhalten. Sie machen jedoch weder ein beliebiges Kind unaufmerksam, impulsiv und hyperaktiv, noch vermögen reizärmste Umgebung und härteste erzieherische Konsequenz aus einem ADHS-Betroffenen einen Menschen zu machen, dem Aufmerksamkeitssteuerung, Selbstbeherrschung und Ruhigsein so leicht fallen wie dem Durchschnitt der ihn umgebenden Gesellschaft.

Drittens stellt die Autorin den Ausschluss einer genetischen Grundlage der ADHS in einen polemischen Zusammenhang mit der medikamentösen Behandlung des Störungsbildes. Nachgerade die bereits in der Überschrift des Artikels angedeutete erzieherische Verursachung der Symptomatik lässt ihre Medikation offenbar fragwürdig erscheinen. Der assoziierte Hintergrund des mittlerweile zum medialen Klischee gewordenen Inbegriffs von Ritalin als vermeintlichem Ruhigsteller einer ganzen Kindergeneration ist die irrige Vorstellung, dass sozial verursachte Probleme auch in ihren individuellen Auswirkungen stets sozial gelöst werden müssten. Medikamente scheinen nur legitim zu sein, wenn das Leid persönlicher, körperlicher Natur ist. Leid hingegen, das aus der Unfähigkeit zur Anpassung an gesellschaftliche Realitäten erwächst, soll durch soziale Veränderungen, bestenfalls eine Psychotherapie behoben werden. Als ob die von ADHS betroffenen Kinder und ihre Eltern sich nicht sehnsüchtig ein anderes Schulsystem, tolerantere Verwandte und Freunde sowie verständnisvollere Arbeitgeber wünschen würden! Bevor diese wünschenswerten Wandlungen in Familie und Gesellschaft einst zum Tragen kommen, sind allerdings zahllose Kinder hier und heute bloßgestellt, ausgegrenzt und in der immer bedeutsamer werdenden schulischen und beruflichen Entwicklung stark beeinträchtigt. Sie brauchen jetzt eine Hilfe, dass ihre gegebene Umwelt sie erträgt, ihnen mit Wohlwollen begegnet und ihre Förderung unter 30 Mitschülern und 100 Lehrstellenbewerbern leisten kann!

Bitterer noch als die falschen Aussagen zur vermeintlich ruhigstellenden Wirkung von Methylphenidat, dem in den meisten Medikamenten zur ADHS-Therapie enthaltenen Wirkstoff, ist der Umstand, dass die Autorin um die Fragwürdigkeit ihrer Ausführungen weiß. Wie anders lässt es sich erklären, dass sie eingangs des Artikels ein durchaus realistisches Fallbeispiel schildert, zudem die Erleichterung einer Mutter angesichts einer durch die Medikation zumindest basalen Selbststeuerungsfähigkeit ihrer Kinder zitiert, diesen Beispielen jedoch vage Andeutungen über unerforschte Nebenwirkungen sowie ihre eigene Betroffenheit durch »zwei kleine Racker, die gerne toben« gegenüber stellt. Einmal mehr stellt sich die Frage, ob allein die Tatsache, dass ein Wirkstoff unter das Betäubungsmittelgesetzt fällt, oder aber die erhebliche prozentuale Zunahme seiner Verschreibung angesichts einer minimalen Ausgangsbasis eine sinnvolle Rechtfertigung dafür sein können, die Existenz eines psychiatrischen Störungsbildes sowie seine nachgewiesenermaßen wirksame medikamentöse Therapie abzulehnen. Zwei kleine Kinder, die gerne toben, sind kein hyperaktives Kind, das zum dritten Mal in seiner Grundschulzeit die Schule wechseln muss, weil seine mangelnde Selbststeuerungsfähigkeit weder ein hinreichend schnelles Lernen noch ein angemessenes Verhalten unter 200 Gleichaltrigen auf dem Pausenhof erlaubt. Und gelänge es der Autorin, gelänge es Herrn Hüther und Herrn Boney, dieses Kind ohne den Einsatz von Medikamenten zu erziehen, ihm einen stabilen Schulplatz zu gewährleisten und seine Unaufmerksamkeit durch intensive persönliche Förderung wenigstens ansatzweise zu kompensieren – ließe sich daraus vernünftigerweise ein fachliches Recht oder gar eine gesellschaftliche Verpflichtung ableiten, dieses Kind ohne medikamentöse Hilfe weniger kompetenten Eltern, Lehrern und Erziehern auszusetzen oder zu entziehen?

Herr Hüther mag mit seinen Ausführungen zum Einfluss der Umwelt auf die Entwicklung des Nervensystems so recht haben wie Herr Boney mit seinen erzieherischen und therapeutischen Ratschlägen. Desgleichen gibt es gute Gründe, die Qualität von Unterricht und psychiatrischer Diagnosestellung, von Schulsystem und Gesundheitswesen beständig zu prüfen und zu verbessern. Niemand, der sich als Fachmann oder Betroffener mit ADHS auseinandersetzt, vertritt die Meinung, dass eine Tablette mehr, als zur Behandlung einer Krankheit sinnvoll und notwendig ist, nicht eine Tablette zuviel sei. Doch die Aussagen im vorliegenden Artikel wie auch die zitierten Äußerungen von Hüther und Boney sind keine unbequeme Wahrheit, mit welchen sich zwei Experten »bei den oft verzweifelten Eltern nicht gerade beliebt machen«. Sie sind vielmehr die Folge eines absichtsvollen Verkennens der sozialen Realität in einer sich durch den technischen Fortschritt rasch wandelnden Welt, in welcher vom Einzelnen eine immer größere Anpassungsleistung gefordert wird, während die sozialen Institutionen wie Schule, Jugendhilfe oder Gesundheitssystem im Kampf um Macht und Pfründe zunehmend reformunfähiger werden.

In dieser Auseinandersetzung können Publikationen wie der vorliegende Artikel nicht mehr als eine Stellungnahme im Kontext der Vielfalt gleichberechtigter Meinungen gelten. Von der Überschrift bis zum biographischen Nachsatz über die Autorin ist diese Veröffentlichung der Ausdruck einer Gesinnung, die wider besseres Wissen die spezifischen Nöte von verhaltensauffälligen Kindern zum Gegenstand einer ideologischen Politik macht. Einer Politik, die nicht nur die Bemühungen von gemeinnützigen Betroffenenverbänden wie dem unseren um eine sachliche Aufklärung und Hilfe erschwert, sondern – schlimmer noch – Eltern, Lehrer, Erzieher und Therapeuten dazu verleitet, mit untauglichen Methoden das Elend zu verlängern und vielfach auch zu verschärfen.

Was ist denn so falsch daran, auffälligem Verhalten einen Namen sowie seiner Behandlung ein Gerüst zu geben, das alle hilfreichen Maßnahmen von der Erziehung bis zur Medikation miteinander verbindet? Wir als Kinder und Eltern, Betroffene und Familienangehörige, Schüler und Lehrer, Patienten und Fachleute haben durch unser Engagement – nicht zuletzt im ADHS-Deutschland e. V., einem der großen Selbsthilfeverbände in Deutschland – den Nachweis erbracht, dass wir Familien mit verhaltensauffälligen Kindern helfen wollen und können. Welche Hilfe dürfen diese Familien von Ihnen erwarten?

ADHS Deutschland e. V.

Dipl. Psych. Dr. Johannes Streif

 

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