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Medien

April 2007

Leserbrief des ADHS Deutschland zu »Pillen für den Zappelphilipp«

Sehr geehrte Frau von der Weiden,

sehr geehrte Damen und Herren!

Mit Überraschung und Unverständnis haben wir Ihren auf der Website Welt Online am 08.03.2007 veröffentlichten Artikel »Pillen für den Zappelphilipp« zur Kenntnis genommen. Als größte deutsche Selbsthilfeorganisation der von der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betroffenen Einzelpersonen und Familien verfolgen wir Veröffentlichungen im Bereich der ADHS aufmerksam. Zugleich unterstützen wir die Medien mit Expertise und der Vermittlung von Kontakten zu Fachleuten im Umfeld der Medizin, Psychologie und Sozialwissenschaft.

Leider gelang es im Vorfeld der Veröffentlichung des im Titel an einen populärwissenschaftlichen Erziehungsratgeber der 90er Jahre anknüpfenden Artikels »Pillen für den Zappelphilipp« offenbar nicht, die Autorin mit belegbaren Daten für ihre Ausführungen zu versorgen. So ist festzustellen, dass zahlreiche Aussagen des Artikels schlicht falsch sind.

In einigen Fällen hätte dies der Autorin aufgrund innerer Widersprüche ihres Berichtes selbst auffallen können. Im Jahr 2004 lebten laut Statistischem Bundesamt rund 10,3 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren in Deutschland. Eine Prävalenz der ADHS von 10-15 Prozent entspräche einer Million bis eineinhalb Millionen betroffener Kinder und Jugendlicher, und nicht »schätzungsweise 400.000«, wie der Artikel an anderer Stelle glauben machen möchte. Allerdings ist angesichts eines realistischen Auftretens des Störungsbildes bei rund 5 Prozent der Bundesbürger in der genannten Altersgruppe von über 500.000 Betroffenen auszugehen.

Die Angaben der Autorin zur Medikation in den USA und Deutschland sind gleichfalls nicht richtig. Schlimmer noch: Die im Fall der Medikationshäufigkeit in den USA ohne Angabe einer Quelle genannten Zahlen sind frei erfunden. Zu ihrer Beliebigkeit bar jeder sinnvollen Aussagekraft trägt bei, dass der im Fall der ADHS zu ihrer Behandlung überwiegend eingesetzte Wirkstoff Methylphenidat (MPH) kein Sedativum ist, mithin keine Ruhigstellung der Behandelten durch die entsprechenden Medikamente erfolgt. Was immer sich zwischen 1993 und 2002 in den USA verfünffachte – es ist weder die Häufigkeit der ADHS noch ihrer Behandlung.

Fragwürdig bleiben die Aussagen des Artikels auch dort, wo vermeintlich stützende Quellen für die isolierten Zahlenangaben angeführt werden. Bei dem seitens der Autorin zitierten Frankfurter »Sigmund-Freud-Institut« (SFI) handelt es sich nicht um eine Einrichtung, welche selbst valide Daten zur ADHS erhebt. Vielmehr ist das SFI eine psychoanalytisch ausgerichtete Stiftung, deren Perspektive auf das Störungsbild ideologisch gefärbt ist, zumal Einrichtung und Mitarbeiter keinerlei Expertise auf dem Gebiet der ADHS genießen. Da bleibt es letztlich unerheblich, ob die Verschreibung von MPH in den letzten zehn Jahren »um das 270-Fache«­ anstieg, wie das SFI behaupte, oder es binnen einer Dekade »zu einer Verzwanzigfachung der Verschreibungszahlen« gekommen sei, wie an anderer Stelle des Artikels unter Verweis auf den Kölner Psychologen Prof. Döpfner angeführt wird.

Eine ideologisch verzerrte Grundhaltung ist auch der Autorin nicht abzusprechen. Bereits im zweiten Absatz ihres Artikels schreibt sie, die aktuelle Forschung nenne die ADHS eine »psychosoziale Entwicklungsstörung«. Sie selbst sieht in den betroffenen Kindern und Jugendlichen »unbändige Rebellen«, deren Sozialisation »scheinbar« scheitere. Doch weder die Weltgesundheitsorganisation noch irgendein anderer Verband von fachlich mit der ADHS befassten Wissenschaftlern und Therapeuten behauptet heute noch eine überwiegend psychosoziale Verursachung der ADHS. An dieser Annahme festzuhalten, heißt, die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Abertausenden professionellen Studien der letzten zwanzig Jahre zu ignorieren, welche die ADHS zum bestuntersuchten Krankheitsbild der Kindermedizin, Methylphenidat zum am häufigsten getesteten Wirkstoff der Medizingeschichte machten.

Kein Wunder, dass das US-Gesundheitsamt von Zeit zu Zeit vor den Folgen exzessiver MPH-Verschreibung warnt. Tatsächlich nimmt die Diskussion um ADHS in der amerikanischen Öffentlichkeit einen großen Raum ein. Für die Folgen unfachlichen Handelns drohen in den USA weitaus drastischere Strafen als in Deutschland, wo man selbst als behindertes Opfer einer Kopfschmerztablette jahrelang klagen muss, um eine Entschädigung zu erhalten, die noch nicht einmal reicht, alltägliche Einschränkungen aufgrund der Behinderung zu kompensieren.

Gleichzeitig finanziert die amerikanische Öffentlichkeit mit Milliarden von Dollars eine umfassende medizinische Forschung und Sozialwissenschaft. Daher weiß man in den USA mittlerweile auch sehr genau, welches Leid verhaltensauffälligen Kindern ein Leben lang aus ihren Störungen erwächst. Niemand spricht dort angesichts eines überwiegend genetisch disponierten Krankheitsbildes wie der ADHS von »unbändigen Rebellen« und ihrem zwangsläufigen gesellschaftlichen Scheitern. Diese Form der Entwicklungsromantik kommt dem Opfer der betroffenen Menschen auf dem Altar ideologischer Gesellschaftspolitik gleich. Nur Erwachsene muten Kindern und Jugendlichen ein derart sinnloses Rebellentum zu, für das sich selbst zu opfern die Ideologen weder bereit waren noch sind.

Was die Autorin sodann als Nebenwirkungen der vermeintlichen pharmazeutischen »Ruhigsteller« anführt, entspricht den von Patienten berichteten Symptomen, welche bei wissenschaftlichen Untersuchungen auch unbedenkliche Placebos auslösen. Dabei soll nicht in Abrede gestellt werden, dass MPH-Präparate und weitere zur Behandlung der ADHS eingesetzte Substanzen – wie andere wirksame Medikamente auch – zwangsläufig Nebenwirkungen haben können, die nicht übersehen werden sollten. Bedeutet das, Eltern sollten ihrem an der eigenen Impulsivität, Unruhe und Unaufmerksamkeit leidenden Kind eine gut erforschte wirksame Hilfe vorenthalten? Ist es für einen von der ADHS betroffenen Erwachsenen tatsächlich besser, sich in Studium oder Beruf weit unter seinem Leistungsvermögen zu quälen, nur um das Risiko seltener unspezifischer Nebenwirkungen zu meiden?

Was bezwecken überhaupt die im Kontext des Artikels disparaten Hinweise auf Nebenwirkungen, Kardiologen und Kleinkinder? Geht es der Autorin darum, ernsthafte Bedenken gegen die Behandlung eines Störungsbildes anzuführen, dessen Häufigkeit sie übertreibt und zugleich auf ein psychosoziales Phänomen reduziert?! Oder geht es um irrationale Ängste, welche gepflegt sein wollen angesichts eines Themas, an dem hierzulande die Verkäufer von Naturheilmitteln, zahllose Vertreter von Psychotechniken und eine weithin oberflächliche Medienlandschaft längst mehr verdienen als Pharmafirmen.

Letzteres liegt nahe, liest man den kurzen Artikel einer Kollegin Frau von Weidens als Autorin der Welt-Online. Am 17. April war da unter der Überschrift »Diese Pillen machen intelligent« von Wirkstoffen zu lesen, die u.a. auch zur Behandlung von Hyperaktivität eingesetzt würden. Stimulanzien, zu welchen auch der Wirkstoff Methylphenidat zählt. Krankheit und Hoffnung sind immer eine Schlagzeile wert. Bitter nur, wenn dies zu Lasten derer geht, die in ihrer Unsicherheit und Verzweiflung Hilfe brauchen. Familien mit Kindern zum Beispiel, die in ihrer Eigenart an Kindergarten, Schule und sozialer Zurückweisung zerbrechen, – zumindest so, wie sie sind. Denen ist mit einem schlecht recherchierten selbstgefälligen Feuilleton nicht gedient. Sie brauchen die Kraft, sich mit ihren Problemen an Fachleute zu wenden, aber auch, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Das haben Sie diesen Menschen durch Ihre journalistische Arbeit nicht leichter gemacht.

ADHS Deutschland i.G.

Dipl. Psych. Dr. Johannes Streif


 

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