Epilepsie

ADHS und Epilepsie

von Sabine Nicolei

Epilepsie gehört zwar nicht zu den assoziierten Störungen einer ADHS, aber es gibt Untersu­chungen, die eine überzufällige Häufung vermuten lassen. Frau Dr. Stollhoff aus Hamburg kommt in ihrer Studie zu dem Schluss, dass man zwar nicht bei jedem ADHS-ler eine Epilepsie vermuten muss, dass es aber ratsam ist, bei jedem Epileptiker genau hinzuschauen, ob zusätzlich eine ADHS vorliegt:

Epilepsie und ADHS – eine seltene Kombination?

Koinzidenz von Epilepsie und ADHS

Epilepsie ist ein Sammelbegriff für verschiedene Anfallsformen, die von Absencen (kurze Momente geistiger Abwesenheit) bis zum Grand Mal (großer Anfall) reichen. Auch die Ursachen für Epilep­sien sind verschieden und reichen von angeborenen Gehirnanomalien über Folgen einer Kopfver­letzung bis hin zu Tumoren. Gemeinsam ist, dass die Medikamente, die gegeben werden, in den Gehirnstoffwechsel eingreifen. Und das hat neben der gewollten Verringerung von Anfällen häufig auch Nebenwirkungen.

Antiepileptika, Antikonvulsiva

Um das zu verdeutlichen möchte ich einige Beipackzettel häufig verordneter Präparate zitieren, ohne die Produkte im Einzelnen zu nennen:

  • »Ungewöhnliches Verhalten, Aggression, Wut, Angst, Verwirrtheit, Depression, emotionale Instabiltät, Halluzination, Feindseligkeit, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Nervosität«
  • »Häufig (> 10%): Reizbarkeit
    Gelegentlich (< 10%): Aggressivität
    Sehr selten (< 0,1%): Tics, Halluzinationen, Verwirrtheit«
  •  »Häufig: ... Konzentrationsschwäche, Verwirrtheit, depressive Verstimmungen, gefühlsmäßige Labilität«

Wohlgemerkt, nicht bei jedem Patienten tritt jede mögliche Nebenwirkung auf. Im Allgemeinen sind die Präparate gut verträglich und der Nutzen überwiegt bei Weitem. Etwa 80% aller Epilepsien sind mit Medikamenten gut therapierbar.

Aber man sieht auch, die Nebenwirkungen haben teilweise Ähnlichkeit mit einer ADHS-Symptomatik. Es gibt noch keine Untersuchung, ob bei Patienten mit ADHS diese Nebenwirkungen häufiger auftreten als im Durchschnitt. Man kann aber sagen, dass ADHS-Kinder mit Epilepsie ein höheres Risiko haben, mit ihrem Verhalten aus der Norm zu fallen. Dementsprechend sorgfältig sollte das Verhalten des Kindes bei der Eindosierung von Medikamenten beobachtet werden.

Dass ein Anfallkalender geführt wird, ist selbstverständlich. Aber das ist unter Umständen zu wenig. Um die Medikamentenwirkung genau beobachten zu können, sollte man gleichzeitig notieren, in welcher Dosierung Medikamente gegeben werden. Auch wenn zusätzlich Bedarfs- oder Notfallmedikation verabreicht wird, muss das mitgeschrieben werden.

Schwieriger ist die Verhaltensbeobachtung. Das liegt daran, dass es zunächst keinen unmittelbaren Grund zu geben scheint, sich diese Mühe zu machen. Es ist aber gut möglich, dass sich das Verhalten des kleinen Patienten bei der Eindosierung eines neuen Medikamentes so allmählich ändert, dass man die Ver­änderung gar nicht bewusst wahrnimmt. Nach einigen Wochen wird man, außer einem Gefühl, dass sich die Situation verschlechtert hat, keine konkreten Angaben mehr machen können, wann genau was auftrat, weil man sich nicht mehr erinnert. Gefühle sind aber keine gute Entscheidungshilfe, wenn es da­rum geht, Verträglichkeit und Nutzen eines Medikaments abzuwägen.

Man braucht keine Romane schreiben für die Verhaltensbeobachtung. Aber wenn man abends noch einmal den Tag überdenkt, ob es besondere Vorfälle gab und dazu Stichworte oder einen kurzen Satz notiert (z.B. im ADHS Tagebuch - zu bestellen bei Medice) , dann genügt das schon. Für die langfristige Verhaltensbeobachtung kann man die Kopfnoten der Schulzeugnisse heranziehen oder die Nachrichten, die die Lehrer schreiben, sammeln und aufbewahren. Auch ein Absinken der Leistungsfähigkeit kann über Schulnoten (Klassenarbeiten, Zeugnisse) nachvollzogen werden.

Stimulanzien

In den Beipackzetteln einiger Methylphenidatpräparate ist Epilepsie immer noch als Kontraindikation aufgelistet. Das ist so pauschal nicht richtig, wie eine Studie zeigt:

Ist die Gabe von Methylphenidat bei Komorbidität von Epilepsie und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung kontraindiziert oder nicht?
(publiziert in: Aktuelle Neurologie 27 (2000) 72-76) von Klaus-Henning Krause und Johanna Krause

Man muss in jedem Fall eine individuelle Entscheidung treffen. Ich halte es für keine gute Idee, eine bestehende MPh-Medikation (MPh = Methylphenidat) bei Auftreten einer Epilepsie sofort abzubrechen. Gegen einen wohl überlegten und gut geplanten Auslassversuch ist dagegen nichts einzuwenden.

Etwas anders sieht die Situation aus, wenn erst nach Auftreten der Epilepsie eine ADHS diagnostiziert wird. Aber auch dann spricht nichts dagegen, wenn man bei einer medikamentös eingestellten Epilepsie vorsichtig und unter sorgfältiger Beobachtung der Anfallsituation MPh dazu dosiert. Der entsprechende Arzt sollte sich mit ADHS und Epilepsie auskennen!

Verhaltensprobleme

Der Vollständigkeit halber sollte ich erwähnen, dass es neben der ADHS und den Epilepsie-Medikamenten noch andere Ursachen für problematisches Verhalten gibt. Die Epilepsie selbst kann die Funktion der betroffenen Gehirnbereiche stören, insbesondere dann, wenn keine Anfallfreiheit er­reicht werden kann. Das kann zu Problemen in der Wahrnehmung und Selbststeuerung führen, die wiederum zu einer ADHS-ähnlichen Symptomatik führen. Diese Verhaltensprobleme treten nicht zu Beginn der Epilepsie auf, sondern erst im Laufe der Jahre. Hier würden sich Medikamente, die die Anfälle erfolgreich unterdrücken, positiv auf das Verhalten auswirken.

Und auch die psychosoziale Komponente einer Epilepsie hinterlässt mit der Zeit ihre Spuren: Einschränkungen in der Lebensqualität, Ausgrenzung, mögli­cherweise Mobbing und vieles mehr sorgen für psychischen Stress, der sich über kurz oder lang auch im Verhalten zeigt. Am Ende haben wir es mit einer Gemengelage von Ursachen zu tun, wenn das ADHS-Kind mit Epilepsie aus der Rolle fällt.

Entsprechend schwierig ist es, eine maßgeschneiderte Therapie für ein solches Kind zu erstellen. Die Beobachtungen von Eltern haben hier einen hohen Stellenwert, denn sie kennen ihr Kind am besten und haben die feinsten Antennen für Veränderungen. Ärzte sind gut beraten, wenn sie den Eltern aufmerksam zuhören und ihre Sichtweise respektieren. 

 

 

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