Allergien

AD(H)S und Allergie - gibt es einen Zusammenhang?

von Dr. Helga Simchen

Ja - es gibt diesen Zusammenhang, die Praxis beweist es und wissenschaftlich kann er erklärt werden, nur Studienergebnisse zu dieser Problematik gibt es kaum.

Das Bindeglied zwischen AD(H)S und Allergie ist der Stress, der das Abwehrsystem schwächt, weshalb es bei AD(H)S viel zeitiger, häufiger und stärker zu allergischen Erkrankungen kommt.

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) mit und ohne Hyperaktivität verursacht bei ausgeprägter Symptomatik nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch bei ihren Familien Stress. Dieser belastet Körper und Psyche, psychische und psychosomatische Erkrankungen können die Folge sein.

Beim AD(H)S besteht eine genetisch bedingte Beeinträchtigung in der Verarbeitung von Informationen, was zur emotionalen Steuerungsschwäche, zur unzureichenden Daueraufmerksamkeit und zu motorischer Unruhe führt. Die Betroffenen reagieren anders und das merken sie auch. Selbstwertproblematik und mangelnde soziale Kompetenz verbunden mit zu großer Empfindlichkeit auch gegenüber Stress potenzieren die durch Reizüberflutung bereits vorhandene psychische Belastung zusätzlich.

Durch Reizüberflutung und Botenstoffmangel ist die Verarbeitung von Informationen ungesteuert mit deutlich verzögerter Automatisierung, was stressbedingt psychische und körperliche Störungen zur Folge haben kann. Je nach Stärke und Dauer der Belastung und der individueller Empfindlichkeit führt dann negativer Dauerstress beim AD(H)S zur Schwächung des Immun(Abwehr)systems, häufige Infekte und allergische Erkrankungen sind die Folge.

Die Betroffenen leiden über Jahre unter sich immer wiederholenden Enttäuschungen „alles fällt schlechter als erwartet aus“, „mir gelingt nie etwas“ usw. was bei gleichzeitigem Bestehen einer genetisch bedingten Veranlagung für Allergie und AD(H)S zu Dauerstress führt, der das Immunsystem schwächt. Eine allergische Reaktion wird ausgelöst oder eine bereits vorhandene Allergie verstärkt.

Die Praxis zeigt immer wieder, dass eine erfolgreiche Behandlung von AD(H)S den Betroffenen ermöglicht, Verhalten und Leistung und damit ihr Selbstwertgefühl und ihre soziale Kompetenz wesentlich und in kurzer Zeit zu verbessern, was sich günstig auf den Verlauf von allergischen Reaktionen auswirkt.

Dieses Zusammenspiel von negativem Stress, Psyche und Immunsystem kann man bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S in der Praxis immer wieder beobachten. Vorausgesetzt man fragt nach Allergien und beobachtet deren Verlauf.

Das erfordert eine langfristige Betreuung der Kinder oder Jugendlichen mit dieser Komorbidität von Allergie und AD(H)S über mehrere Jahre und eine Behandlung mit einem individuell ausgerichteten multimodalen Therapieprogramm, in das auch die Familienmitglieder der Betroffenen mit einbezogen sind. Wobei die Allergiehäufigkeit beim ADS ohne Hyperaktivität noch höher zu sein scheint, leider wird dieser Subtyp noch viel zu selten diagnostiziert. Gerade Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit einem ADS ohne Hyperaktivität leiden psychisch mehr, da sie nicht wie die Hyperaktiven ihren Frust nach außen hin abreagieren, sondern nach innen gekehrt, introvertiert reagieren. Sie geben sich zuallererst für alles selbst die Schuld.

Diese, in der Praxis der AD(H)S-Behandlung auffallend häufig beobachtete Kombination (Komorbidität) von einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit einer allergischen Erkrankung, wird bisher noch zu wenig beachtet. Nach meiner Statistik aus der kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis leiden oder litt von den Kindern und Jugendlichen mit ADS (mit oder ohne Hyperaktivität) fast jedes zweite an einer allergischen Erkrankung, vorausgesetzt, man bezieht das ADS ohne Hyperaktivität mit ein.

Beim ADS ohne Hyperaktivität besteht vorwiegend eine Dysbalance der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin, was zu sozialen Ängsten, Zwangshandlungen, Panikattacken und häufigen depressiven Verstimmungen führen kann, was wiederum zusätzlich psychisch belastet und den schon vorhandenen Stress verstärkt.

Wenn Kinder mit AD(H)S häufiger allergische Erkrankungen haben, würde das auch bedeuten, dass Kinder und Jugendliche mit einer Neurodermitis, einem Heuschnupfen, einer Hautallergie oder einem Bronchialasthma überdurchschnittlich häufiger ein AD(H)S haben müssten. Dabei bedeutet ADS nicht gleich Hyperaktivität, sondern ADS ist eine neurobiologisch bedingte veränderte Steuerungsdynamik der kognitiven, emotionalen und motorischen Informationsverarbeitung mit veränderter Reaktions- und Verhaltensbildung.

ADS und allergische Erkrankungen beeinflussen sich in ihrer Schwere gegenseitig, eine Tatsache, für die es in der Praxis immer wieder Beweise gibt. Was könnten mögliche Ursachen dafür sein?

Bekannt ist, dass sowohl starker und anhaltender Stress als auch dauerhafte psychische Belastungen das körpereigene Immunsystem schwächen. Eine psychische Stabilität dagegen verbessert die Immunabwehr und somit auch die Symptomatik allergisch bedingter Krankheiten. Ein Kind mit einem ausgeprägten AD(H)S lebt von Anfang an im Stress. Aufgrund seiner angeborenen Regulationsstörung mit Reizoffenheit, seiner emotionalen Steuerungsschwäche mit veränderter Wahrnehmung, seinen Besonderheiten im Verhalten mit manchmal gestörtem Schlaf-Wach-Rhythmus und seiner Impulsivität irritiert es schon frühzeitig seine Eltern. Diese reagieren darauf hilflos und unangemessen, was eine innerfamiliär ablaufende Stressspirale in Gang setzt. Ein Kreislauf fehlgesteuerter Reaktionen entwickelt sich, was Schuldgefühlen und Hilflosigkeit auf beiden Seiten auslöst.

Wenn eines der Eltern oder beide auch ein AD(H)S haben, können sie infolge von Dauerstress früher oder später psychisch dekompensieren. Dann kann die Mutter (Eltern)-Kind-Beziehung leiden, insbesondere, wenn sie nicht über AD(H)S informiert ist und dem Verhalten ihres Kindes hilflos gegenüber steht.

Infolge dieser sich ständig wiederholenden Stress-Situation kann es schon in der frühen Kindheit zur vermehrten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol kommen, was über die Blutbahn von der Nebennierenrinde zum Gehirn gelangt und dort die Stressreaktion auslöst. Schon vorhandener Stress wird verstärkt, verlängert und so zum Dauerstress.

Ein erhöhter Cortisolspiegel im Blut führt wiederum zum Abfall des Serotoninspiegels, was Stimmungsschwankungen und emotionale Steuerungsschwäche noch verstärkt. Auch Serotoninmangel führt zur vermehrten Cortisolausschüttung. Somit wird ein Kreislauf in Gang gesetzt, an dessen Ende Dauerstress mit Schwächung der Immunabwehr steht.

Andererseits kann eine allergische Erkrankung z. B. über den Juckreiz auch zu motorischer Unruhe verbunden mit Verhaltens-, Konzentrations- und Lernproblemen führen. Aber dabei besteht niemals die für AD(H)S typisch veränderte Wahrnehmungsverarbeitung in ihrer Gesamtheit mit kognitiven, emotionalen und motorischen Symptomen.

Nicht die Allergie ist die Ursache für ein AD(H)S, sondern das AD(H)S verstärkt die Allergie oder löst sie bei entsprechender Veranlagung erst aus.

Das sich unter einer antiallergischen Diät einzelne Symptome, die auch beim AD(H)S vorhanden sein können, vorübergehend bessern oder gar verschwinden, bedeutet nicht, dass AD(H)S eine allergisch bedingte Störung ist, die auf Dauer diätetisch behandelbar sei.

Aber nicht nur über Stress, sondern auch vom zentralen Nervensystem aus wird über den Hypothalamus und über das Limbische System (beides wichtige Zentren für die Gefühls- und Verhaltenssteuerung, deren Funktion beim ADH)S immer mehr oder weniger beeinträchtigt ist) das körpereigene Abwehrsystem gesteuert.

1986 begann eine Forschungsgruppe an der Klinik für Psychiatrie und Neurologie für Kinder und Jugendliche der Medizinischen Akademie Magdeburg, der ich damals auch angehörte, mit der Erforschung des Zusammenhanges von hyperkinetischen Störungen und allergischen Erkrankungen. In ersten Untersuchungsergebnissen konnte schon damals eine überzufällig häufige Kombination vom hyperkinetischen Syndrom mit allergischen Erkrankungen nachgewiesen werden. Infolge des politischen Umbruchs wurde diese Forschungsarbeit nicht fortgesetzt.

In der Vergangenheit widmeten sich schon mehrere wissenschaftliche Arbeitsgruppen dem Zusammenhang von Störungen des Zentralnervensystems und der Immun- und Infektabwehr. Ein Thema, dessen Aktualität mit der AD(H)S-Forschung wieder an Bedeutung gewinnt. Denn in der Praxis zeigt sich immer häufiger eine Komorbidität von AD(H)S und Allergie, wenn man danach fahndet. Deshalb sollte in Zukunft bei allen AD(H)S-Betroffenen nach einer allergischen Bereitschaft (Diathese) oder nach bestehenden oder durchgemachten allergischen Erkrankungen gezielt gefragt werden.

Bei der großen Bedeutung, die die Allergien in allen Altersstufen einnehmen, könnte schon im frühen Kindesalter bei Vorliegen der Kombination von AD(H)S und Allergie die Therapie durch die gleichzeitige Behandlung beider Störungen verbessert werden.

Das bedeutet, die stressbedingten Folgen des AD(H)S für das Abwehrsystem möglichst gering zu halten, um dessen weitere Schwächung zu vermeiden. Immer häufiger zeigt sich in der Praxis, dass Betroffene mit AD(H)S auch vermehrt eine Autoimmunkrankheit haben. Dabei spielen der Diabetes Typ 1 und die Hashimoto-Thyreoiditis eine Rolle als Komorbiditäten von AD(H)S. Diese durch Antikörperbildung gegen die eigene Schilddrüse verursachte Unterfunktion der Schilddrüse findet man sehr häufig bei Müttern von Kindern mit AD(H)S. Leider wird nach einem Zusammenhang mit einer ADHS-Veranlagung bei diesen Frauen bisher kaum gesucht.

Eine erfolgreiche Behandlung des AD(H)S führt zur psychischen Stabilisierung, wobei die Allergie sich vorübergehend oder dauerhaft bessern kann. Eine Beobachtung, die man bei der Behandlung von Kindern mit AD(H)S immer wieder macht. Die Allergiker, die gleichzeitig noch ein AD(H)S haben - und das sind nicht wenige - würden in doppelter Hinsicht von einer erfolgreichen AD(H)S-Behandlung profitieren. Deshalb sollte man dieser Komorbidität in Zukunft mehr Beachtung schenken. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass Körper und Psyche immer eine Einheit bilden und die Haut manchmal als Spiegelbild der Seele fungiert.

Nur wenn viele Therapeuten das gleichzeitige Bestehen von AD(H)S und Allergie nachweisen, wird sich in Zukunft auch wieder die Neuroimmunologie intensiver mit dieser Problematik beschäftigen und entsprechende Therapiestrategien entwickeln, die eine Komorbidität von Allergie und AD(H)S einbeziehen. Es sind bestimmt nicht wenige, deren Lebensqualität sich dadurch verbessern würde.


PS: Diese Aussage beruht auf einer Anamneseerhebung und Auswertung von ca. 2500 Patienten mit AD(H)S in meiner Praxis seit 1995, wobei die Allergie bei Patienten mit ADS ohne Hyperaktivität häufiger ist, und verständlicherweise nimmt die Allergie mit dem Alter zu. Eine Veröffentlichung und Auswertung mit konkreten Daten ist vorgesehen.

 

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