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Leon hat ADHS, Lea hat’s nicht – Ergebnisse einer Studie, die nicht repräsentativ, aber durchaus spannend ist

In einer Studie der Ruhr-Universität Bochum haben Forscher untersucht, wie Kinder- und Jugendpsychiater sowie Kinder- und Jugendpsychotherapeuten die Fallgeschichten eines Jungens und eines Mädchens mit und ohne ADHS-Symptomen einschätzen. Heraus kam, dass im Mittel knapp ein Viertel der Befragten trotz unerfüllter Diagnosekriterien eine ADHS diagnostizierten; ein gleich großer Prozentsatz stellte die Diagnose trotz klar gegebener Symptomatik und vollständig erfüllten Diagnosekriterien hingegen nicht.

Mit dem Artikel "Fehldiagnose Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrom? Empirische Befunde zur Frage der Überdiagnostizierung", erschienen im ersten Heft 2012 der Zeitschrift "Psychotherapeut", nutzen Autoren und Verlag die aktuelle mediale Aufmerksamkeit für die ADHS. Dabei belegt die Studie auf der Grundlage einer theoretischen Diagnosesituation sowohl eine überhäufige als auch eine fälschlicherweise ausbleibende Diagnose der ADHS. Warum die Fachärzte und approbierten, das heißt zur Abrechnung mit den Krankenkassen zugelassenen Psychotherapeuten trotz unerfüllter Diagnosekriterien die ADHS-Diagnose stellten oder aber eine offenkundig vorliegende ADHS nicht diagnostizierten, erklärt die Studie nicht.

Repräsentativ ist die Studie mit 473 teilnehmenden Fachleuten wohl kaum - zu gering ist die Zahl der Ärzte und Psychotherapeuten pro Fallbeschreibung, zumal sowohl das Geschlecht des Kindes als auch des Diagnostikers eine Rolle spielte. Denkbar ist auch ein Einfluss der Ausbildung (ob Psychiater, Psychologe oder Sozialpädagoge) oder der psychotherapeutischen Schule (Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische bzw. analytische Psychotherapie). Zwar konnten die Autoren der Studie einen solchen Einfluss nicht nachweisen, doch war die Stichprobe für den Nachweis statistisch bedeutsamer Zusammenhänge der genannten Faktoren mit den einzelnen Fallgeschichten schlicht zu klein.

Unverständlich ist, warum sich der englischsprachige Artikel zur Studie, der zeitgleich im amerikanischen "Journal of Consulting and Clinical Psychology" erschien, hinsichtlich des Umfangs der Beschreibung des Studiendesigns sowie der berichteten Zahlen so stark vom deutschsprachigen Artikel unterscheidet. Zwar bleiben in letzter Konsequenz beide Artikel viele Antworten schuldig, doch illustrieren die Daten der englischsprachigen Veröffentlichung, wie dünn die Datenbasis pro Version und Fallbeschreibung war. Während die Autoren ihre Befunde in beiden Artikeln in den "Schlussfolgerungen" – im Englischen ist dieser Abschnitt deutlich vorsichtiger als "Discussion" überschrieben – durchaus selbstkritisch reflektieren, stilisierten die Pressemitteilung der Ruhr-Universität Bochum sowie die sie aufgreifenden Journalisten die Studie zum Beleg einer vermeintlichen ADHS-Epidemie, die auf falschen Diagnosen beruhen soll. Das jedoch widerlegen die Studienbefunde angesichts von mehr als 75 Prozent korrekt gestellter ADHS-Diagnosen.

Dennoch ist die Studie in ihrem Aufbau und ihren Ergebnissen spannend. Sie mahnt Fachleute wie Laien, die ADHS, ihre Diagnose und ihre Therapie weder gänzlich in Frage zu stellen noch als einfach zu erkennende und zu behandelnde Störung zu begreifen. Vielmehr braucht die ADHS wie alle körperlichen Krankheiten und psychischen Störungen, brauchen v.a. aber die von der ADHS Betroffenen ein stetes Bemühen um immer bessere Ärzte und Therapeuten, bessere Diagnoseverfahren und bessere Therapien.

ADHS Deutschland e.V.
Dr. Johannes Streif

 

Ausführliche Informationen: Leon hat ADHS, Lea hat’s nicht – Ergebnisse einer Studie, die nicht repräsentativ, aber durchaus spannend ist

© Dr. Johannes Streif

 

 

 

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