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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 12.02.2012
„Wo die wilden Kerle wohnten“

Stellungnahme:

Der Beitrag hat inhaltlich nichts Neues zu bieten sondern beschränkt sich auf mediales Marketing einer durch zahlreiche Studien und gesundheitspolitische Entscheidungen längst überholten und widerlegten ADHS-Kritik. Er wärmt altbekannte Vorurteile wieder auf und vermeidet eine sachliche Auseinandersetzung mit dem aktuellen Stand der Forschung zu ADHS und seiner Behandlung.

Es ist vor diesem Hintergrund bedauerlich, dass viele lokale Tageszeitungen diesen Artikel ausschnittsweise und meist kommentarlos wiedergegeben und so weiter zu Polemik und Stimmungsmache gegen ADHS beigetragen haben.

Die Äußerungen mancher Politiker in dem Artikel lassen auf eine nach wie vor vorhandene Unkenntnis zum Störungsbild von ADHS schließen. Der ADHS Deutschland e. V., der AdS e. V. sowie der AH-TA e. V. nehmen daher die aktuelle Berichterstattung zum Anlass, diese und weitere interessierte Politiker und Journalisten kurzfristig zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung mit Fachleuten aus der Medizin und Versorgungsforschung sowie Vertretern der Gesundheitsbehörden nach Berlin einzuladen.
 

Kein Leserbrief zu „Wo die wilden Kerle wohnten“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 12.02.2012:

Wo die guten Journalisten wohnten

Ich dachte nicht, dass mich die Frankfurter Allgemeine Zeitung in meinem Leben nochmal überraschen würde. Jahrelang hatte ich sie als Student im Abonnement, dann wechselte ich zur Neuen Zürcher Zeitung, da die FAZ, v.a. ihr Feuilleton, eitel und langweilig geworden war. Im Berufsleben abonnierte ich dann die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, weil ich nicht länger die Muße hatte, jeden Tag eine komplette Zeitungsausgabe zu lesen. Und ich wollte eine Zeitung, die ich regelmäßig bezahlte, tatsächlich auch lesen.

Heute hat mich die Frankfurter Allgemeine (Sonntags-)Zeitung überrascht, als Abonnenten allerdings zum letzten Mal. Der Artikel „Wo die wilden Kerle wohnten“ ist polemisch – bereits in der Überschrift, doch nicht nur dort. Er ist verlogen, weil er eine selektive Auswahl an Meinungen als Fakten präsentiert, und dies zudem ohne jede fundierte Recherche. Und er ist dumm, weil er von dem Unsinn, Leon Eisenberg habe die ADHS erfunden, bis zur Robin-Geschichte einmal mehr falsche Angaben mit falschem Mitleid verbindet.

Zwei Autorinnen musste die Sonntagszeitung aufbieten, um mehr oder minder abzuschreiben, was der SPIEGEL-Autor Jörg Blech seit Jahren publiziert, jüngst erneut und ohne Zusammenhang mit dem Titel in der Ausgabe vom 6. Februar „Die gestresste Seele“. Beide Artikel erreichten nicht näherungsweise die Qualität des Kommentars von Alan Sroufe, eines emeritierten US-Psychologieprofessors, in der New York Times. „Ritalin gone wrong“ hatte der am 28. Januar dieses Jahres seine Argumente gegen die Medikation der ADHS überschrieben. Es ist also kein Zufall, dass SPIEGEL und FAZ gerade jetzt wieder einmal über die ADHS schreiben.

Es ist allerdings auch kein Zufall, dass sie die kluge Replik von Judith Warner im „Time Magazine“ unbeachtet ließen, die zurecht fragte: „Is Stigma Back in Style?“ Eine berechtigte Frage: Ist das Stigmatisieren von Eltern heute wieder in Mode wie vor 40 Jahren im Fall der Mütter autistischer Kinder? Denen warfen die Anhänger des niederländischen Ethologen Nicolaas Tinbergen gnadenlos vor, durch ihre emotionale Kälte die Störung ihrer Kinder verursacht zu haben. Was aber ist der Unterschied zwischen der damaligen Schuldzuweisung und dem heutigen Urteil über die Eltern von ADHS-Kindern? Das Bild von Robins Mutter, die ihren kleinen Kerl wild sein lässt, ist die polierte Vorderseite einer einzigen Medaille, die so tut, als sei die Rückseite aller anderen Medaillen eine rücksichtslose Welt voller naiv-ehrgeiziger Eltern und vernachlässigter, abhängiger Kinder!

Ich habe mich entschlossen, keinen Leserbrief zu „Wo die wilden Kerle wohnten“ zu verfassen. Erstens wären die Autorinnen die falschen Adressaten, denn alles, was sie zur ADHS schreiben, haben andere bereits Jahre vor ihnen gesagt und geschrieben. Zweitens schenkte jede Zeile, die man solch absichtsvoller Provokation widmete, dieser eine Aufmerksamkeit, welche der alberne Zeitungsartikel nicht verdient. Zumal er zu seiner Eigenwerbung schamlos den Titel des wunderbaren Kinderbuchs „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak und des ganz anderen, doch gleichfalls wunderbaren Films von Spike Jonze missbraucht, die beide nichts, aber auch gar nichts mit der ADHS zu tun haben. Die Verzweiflung muss groß sein, wenn die FAZ mit schlechtem Journalismus und unlauter geliehenem Titel auf Leserfang geht.

Drittens aber wünsche ich mir, dass man statt meiner Kritik am Unsinnigen doch besser lesen möge, was Sinn macht. Vielleicht macht sich der eine und andere deutsche Journalist die Mühe, an Stelle der Halbwahrheiten einer ideologischen Psychiatriekritik im Internet bei Gelegenheit den Artikel „Über eine hyperkinetische Erkrankung im Kindesalter“ der deutschen Ärzte Franz Kramer und Hans Pollnow zu lesen. Erschienen ist diese wissenschaftliche Arbeit bereits 1932 in der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie. Ein Faksimile-Abdruck des Artikels findet sich im Zentrum der „Wissenschaftsgeschichte der ADHS“ von Aribert Rothenberger und Klaus-Jürgen Neumärker. In Anlehnung an eine bekannte Fernsehwerbung möchte man fragen: Wer hat’s erfunden? Sprechen wir über die vielen sachlichen Fehler im FAZ-Artikel, dann ist diese Frage tatsächlich schwer zu beantworten. Sprechen wir über die ADHS, dann war’s sicherlich nicht Herr Eisenberg.

 

ADHS Deutschland e. V.
Dr. Johannes Streif

 

 

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