Schule/Ausbildung

Schulpraxis: Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS)

Viele haben es, alle erleben es, aber wenige wissen etwas darüber

von Gerhild Drüe

Vom Stillsitzen in der Klasse kann oft keine Rede sein - eher schon vom Sitzenbleiben am Schuljahresende. Als hyperaktive Kinder sind sie fast jedem irgendwie ein Begriff. Man weiß landläufig: Das sind doch die zappeligen Kinder, die ihre Arme und Beine nicht stillhalten können.

Lehrerinnen und Lehrer erkennen wohl, dass eine gewisse Konzentrations- und Lernschwäche, die sich bald in der so genannten Schulunlust zeigt, den Schulerfolg dieser Schüler und Schülerinnen gefährdet, und sie machen oft einen mangelnden Willen für die schlechten Leistungen verantwortlich. Dass hier eine Hirnfunktionsstörung vorliegen kann, ist nur wenigen Pädagogen bekannt.

Der Kern des Problems: Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität, Hyperaktivität

Nicht die motorische Unruhe stellt den problematischen Schwerpunkt im schulischen wie im außerschulischen Leben dieser Kinder und Jugendlichen dar, sondern vielmehr deren mangelnde Fähigkeit, ihre Aufmerksamkeit mit einer gewissen Ausdauer auf diejenigen Inhalte zu lenken, die andere, Lehrkräfte oder Eltern, ihnen immer wieder vorgeben.

Die störenden, mitunter aggressiven und gleichzeitig lernschwachen, aber dennoch kreativen und teilweise erfrischend fröhlichen und eigentlich für nicht wenig intelligent gehaltenen Schüler, eben die »schwierigen« Schüler, sie sind häufiger, als Lehrerinnen und Lehrer es ahnen, Kinder/Jugendliche mit ADS. Dies bleibt jedoch fast immer unerkannt, da die Psychologie seit Jahrzehnten die Umwelteinflüsse, sprich: die Erziehung als die bildende Kraft für das Sosein, auch für das Anderssein von Kindern verantwortlich macht.

Sehen Lehrkräfte im Elterngespräch, dass ein Elternteil sich in ähnlicher Weise auffällig verhält wie sein Kind, nehmen sie automatisch an, dass dieses Verhalten sich per Vorbild auf das Kind übertragen hat. Dass eine Hirnfunktionsstörung die Ursache für das auffällige hyperkinetische Verhalten von beiden, Elternteil und Kind, sein kann, wird mangels Wissens über das Hyperkinetische Syndrom negiert oder zumindest unterbewertet.

Auch bei vielen Beratungslehrerinnen und -lehrern, Schulpsychologen, psychologischen Beratungsstellen und bei niedergelassenen Psychotherapeuten wie auch bei Kinderärzten ist über das ADS derzeit noch wenig bekannt, was zwangsläufig zu falschen Schlüssen in der Diagnostik und folglich auch zu einer nicht optimalen Therapie führt. Im Allgemeinen bekommen die Mütter den Schwarzen Peter zugewiesen.

Kaum beachtet: ADS mit Hypoaktivität

Erst recht bleiben diejenigen Kinder mit ADS, die unter ihrer Hypoaktivität leiden, unerkannt. Meist sind es Mädchen. Man hält sie eben für etwas dumm, uninteressiert und verträumt. Letzteres trifft dann auch tatsächlich zu. Im Gegensatz zu den hyperaktiven Schülern mit ihrer überschießenden motorischen Aktivität erscheinen die hypoaktiven sehr passiv, »schlafmützig« und »lahm«, es sei denn, ihr spezielles Interesse ist geweckt.

Selbst in der Fachliteratur spielen die hypoaktiven ADS-Kinder nur eine sehr untergeordnete Rolle. Das verwundert nicht, denn sie treten in Schule, Familie und Öffentlichkeit nicht störend in Erscheinung und sie lassen auch nicht die sorgfältig vorbereitete Unterrichtsstunde wie eine Seifenblase zerplatzen. Trotz guter oder sehr guter Intelligenz besuchen sie häufig die Schule für Lernhilfe. Sie leiden in sich gekehrt und oft depressiv vor sich hin.

Das ADS ist vermutlich genetisch bedingt

Über die Ursachen des ADS mit Hyperaktivität (ADHS) ist seit einigen Jahren vieles bekannt. Insbesondere in den USA wurde viel Forschungsarbeit geleistet, auf die man in Deutschland mangels eigener Forschung notgedrungen baut. Es hat sich die Ansicht gefestigt, dass es sich beim ADS um eine Neurotransmitterstörung handelt, d. h. um einen Mangel in der Verfügbarkeit von Hirnbotenstoffen (Dopamin) in der frontalen Hirnregion, die für die Selbstkontrolle und Handlungsplanung des Menschen verantwortlich ist. Die neuen bildgebenden Verfahren der Gehirnforschung stützen diese Annahme.

Zwischen 2 und 18% bewegen sich die internationalen Schätzungen des Vorkommens, je nach den Diagnostikkriterien, und noch ist keine Kultur gefunden worden, in der es das Syndrom nicht gibt. Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom lässt sich leider nicht anhand von Blutuntersuchungen nachweisen, jedoch die Beobachtungen durch Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräfte ergeben zumindest bei den schwerer betroffenen Kindern ein eindeutiges Bild. Die Diagnostik stützt sich auf internationale Kriterienkataloge und Tests, die unter anderem Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Intelligenz messen.

Die Ursachenforschung beschreibt, gestützt auf Familienbeobachtung sowie Zwillings- und Adoptionsstudien in den USA, dass viele Ergebnisse auf eine starke genetische Komponente hindeuten. Auch vorgeburtliche Virusinfektionen und Intoxikationen werden diskutiert, während allergischen Reaktionen eher eine verstärkende Ausprägung der Symptomatik zugeschrieben wird.

Im »Rucksack«: die komorbiden Störungen

Erfahrene Fachleute wie die Diplom-Psychologin Cordula Neuhaus beziffern das Defizit der seelischen Entwicklung wegen ADS auf 30% im Vergleich zu normgesteuerten Jugendlichen. Die von der Autorin als »Superpubertät« (Cordula Neuhaus: Hyperaktive Jugendliche und ihre Probleme; (2000)) bezeichnete Entwicklungsphase stellt daher auch den Gipfel und Scheideweg in der Entwicklung stärker betroffener Jugendlicher dar.

Als ob das Motto gelte: Ein Unglück kommt selten allein, leiden die Kinder und Jugendlichen mit ADS meist an vielen Symptomen, die ihnen und ihrer Umwelt das Leben schwer machen. Vor allem die mit Aggression und Opposition zu umschreibenden Verhaltensweisen, die motorische Unruhe und Impulsivität sind es, die ihre Mitmenschen verzweifeln lassen, die sie ohne geeignete Therapien aber nicht in dem Maße, wie von Erwachsenen und Mitschülern erwartet, vermeiden können. Sie bevölkern die Schulen für Erziehungshilfe, sind aber auch in Gymnasien zu finden. Viel austeilen, aber wenig einstecken können - eine niedrige Frustrationstoleranz kennzeichnet viele Schüler mit ADS. Als meist visuelle Lerntypen entnehmen sie dem gesprochenen, oft auch dem gelesenen Wort (zu) wenig Information, saugen neue bildliche Eindrücke hingegen geradezu gierig und schnell in sich auf: die Fernseh- und Computersucht ist geradezu sprichwörtlich. Nicht selten sind sie mit einer Hörverarbeitungsstörung und Legasthenie belastet, weniger häufig mit Dyskalkulie.

Die im Zusammenhang mit ADS und Hyper-/Hypoaktivität oft beobachteten komorbiden Störungen fassen Döpfner/Frölich/Lehmkuhl aus verschiedenen Studien zusammen:

  • 50% oppositionelle Störung des Sozialverhaltens
  • 30-50% Störung des Sozialverhaltens (ohne oppositionelle Verhaltensstörung)
  • 10-40% affektive, vor allem depressive Störungen
  • 20-25% Angststörungen
  • 10-25% Lernstörungen, Teilleistungsschwächen
  • bis 30% Tic-Störungen oder Tourette-Syndrom

(entnommen aus: M. Döpfner, J. Frölich, G. Lehmkuhl: »Hyperkinetische Störungen«, Göttingen, 2000)

Dass derlei zusätzliche Belastungen neben der ADS-Problematik einem positiven Selbstwertgefühl der Kinder/Jugendlichen nur wenig Raum zur Entwicklung lassen, obgleich die »große Klappe« manchmal darüber hinweg zu täuschen vermag, ist nahezu zwangsläufig.

ADS ist keine »neue Erfindung«

Was vor über 150 Jahren der Nervenarzt Dr. Heinrich Hoffmann in seinem »Struwwelpeter« mit erhobenem Zeigefinger beschrieb, das sind auch heute noch die verschiedenen Ausprägungen, die das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom in Verbindung mit seinen vielen Begleiterscheinungen haben kann: Der Struwwelpeter mit der gestörten Wahrnehmung seiner selbst; der böse Friederich, der aufgrund der niedrigen Frustrationstoleranz und leichter Erregbarkeit zum Schläger wird; das Paulinchen, dessen Impulsivität alle Ermahnungen vergessen lässt; die schwarzen Buben, die sich über einen Außenseiter erheben und lustig machen; der Daumenlutscher mit frühzeitigem Zwang zum Suchtverhalten; der von Essstörungen geplagte Suppenkaspar; der Zappelphilipp als Inbegriff des hyperaktiven Kindes; der Hans-Guck-in-die-Luft, der unaufmerksam und verträumt durchs Leben geht, und selbst der fliegende Robert passen genau in das Bild des hyperaktiven Jungen, dem kein Wetter zu schlecht und zu kalt ist, um nicht nach draußen zu drängen.

Schon immer erlebte man Kinder, die anders waren als ihre Geschwister: schwer erziehbare Kinder, mit denen sich Eltern und professionelle Erzieherinnen/Erzieher allzu oft vergeblich abmühten.

Entgegen früherer Annahme wächst sich das Problem in der Jugendzeit meist nicht aus, sondern es vermindert sich die überschießende motorische Unruhe. Das zentrale Problem der Aufmerksamkeitsstörung hingegen bleibt vielfach bestehen, nicht selten auch die Impulsivität. Delinquenz und Drogenmissbrauch im Jugend- und Erwachsenenalter beruhen Experten zufolge sehr oft auf einem nicht erkannten und folglich nicht therapierten ADS.

Andererseits sind Menschen mit ADS auch als weltberühmte Persönlichkeiten in die Geschichte eingegangen. Zwei oft zitierte Namen in diesem Zusammenhang: Albert Einstein und Thomas A. Edison. Dustin Hoffmann und Bill Gates seien stellvertretend genannt für die vielen Menschen mit ADS in unserer Zeit, die ihren Weg trotz oder vielleicht sogar gerade wegen ihres ADS so erfolgreich beschreiten,. Eine gute Intelligenz und ein günstiges soziales Umfeld helfen ADS-Betroffenen, trotz dieser Belastung das Leben in erfolgreiche Bahnen zu lenken.

Weshalb heute das Augenmerk viel mehr als früher auf die Störfaktoren gerichtet ist, die das ADS mit sich bringt, mag unter anderem an unseren veränderten Lebensbedingungen liegen: Seit Jahrzehnten herrscht eine allgemeine Verunsicherung, wie »richtige« Erziehung zu sein hat, sodass gerade die Kinder und Jugendlichen mit ADS eine starke Führung, Kontrolle und Konsequenz, die Leitplanken rechts und links, derer sie im Gegensatz zu anderen dringendst bedürfen, oft entbehren. Gleichzeitig sind die alltäglichen Bedingungen und unser »modernes« Leben mit seinen verführerischen Konsumangeboten und Freiheiten besonders für die Kinder/Jugendlichen mit ADS ungünstiger geworden, sodass sie heute vielleicht deshalb eher auf- und aus dem Rahmen fallen. Hinzu kommen gestiegene Leistungsanforderungen bereits im Primarbereich und eine größere Notwendigkeit, die Schule mit guten Zensuren zu verlassen, um auf dem Arbeitsmarkt noch eine Chance zu haben.

Einzige Chance: die multimodale Therapie

Die Abwärtsspirale für die vom ADS betroffenen Schüler, aber auch für Lehrkräfte, beginnt mit der Schuldzuweisung. Auch die falsche Annahme, das auffällige Verhalten des schwierigen Schülers sei auf eine schlechte/falsche Erziehung seiner Eltern, insbesondere der Mutter, zurückzuführen, vermag nicht immer zu verhindern, dass sich irgendwann die ständige Überforderung einer mühsam geübten professionellen pädagogischen Haltung in Ungeduld und Ärger oder gar Wut entlädt.

Negative Reaktionen und Vorwürfe, wenn nicht gar Entgleisungen verbaler oder tatkräftiger Art, vielleicht als Folge impulsiver oder aggressiver Schülerreaktionen, treiben diese Abwärtsspirale immer tiefer. Allzu oft führt sie für den Schüler zur Schulverweigerung oder zum Schulverweis und bei der Lehrkraft zum Burnout-Syndrom.

Wie für die Eltern gilt auch für Lehrer: Der pädagogisch richtige Umgang mit einem ADS-Kind muss erst erlernt werden. An Literatur kompetenter Autoren und informativen Internetseiten (Stichworte ADS; ADHS; Hyperaktivität) herrscht kein Mangel mehr. Die pädagogischen Aus- und Fortbildungsinstitutionen werden sich verstärkt dem Thema zuwenden müssen.

Das Wissen über das ADS nötigt dazu, festverwurzelte tiefenpsychologische Erklärungsmuster zu relativieren, denn längst nicht immer deshalb, weil irgendein Umstand in der Familie ungünstig für die kindliche Entwicklung zu sein scheint, ist das Kind oder der Jugendliche verhaltensauffällig. Schüler, die wirken, als seien sie schlecht erzogen, können durchaus eine gute Erziehung mit genügend Zuwendung, Grenzen und sogar viel Liebe erfahren haben. Ihre Unfähigkeit, dies in eigenes Verhalten umzusetzen und aus Fehlern zu lernen, die Regeln im täglichen Miteinander einzuhalten, entspringt nicht ihrer eigentlichen Absicht, sondern ihrer Hirnstoffwechselstörung.

Insofern kann auch die medikamentöse Therapie nicht zur Reparatur von Erziehungsfehlern dienen, denn die Gabe von Psychostimulantien wie z. B. Ritalin®, Medikinet® wirkt bei ADS-Betroffenen anders als bei Gesunden. Diese Medikamente stehen übrigens nicht deshalb unter dem Betäubungsmittelgesetz, weil sie betäuben oder ruhig stellen, sondern weil sie Menschen aufputschen, die nicht (!) an ADS leiden, und sie süchtig machen können. Hyperaktive jedoch finden endlich mehr Ruhe und Konzentration sowie eine verbesserte Selbststeuerung, und sie werden davon nicht süchtig. Mittlerweile ist durch Studien hinreichend belegt, dass diese medikamentöse Therapie helfen kann, die prinzipiell hoch suchtgefährdeten ADS-ler vor einer Drogensucht zu bewahren. Die Angst vor der medikamentösen Therapie wird jedoch von Autoren, die wenig kompetent in diesem Krankheitsbild sind, seit Jahren geschürt, sodass viele Kinder und Jugendliche, auch die Erwachsenen mit stärkerer Ausprägung des ADS, ihre notwendige Hilfe nicht erhalten.

Die medikamentöse Therapie sollte jedoch stets eingebettet in die psychologischen und pädagogischen Hilfen erfolgen, wobei auch der Schule eine zentrale Rolle zukommt.
Erst wenn alle, die mit ADS-Kindern und Jugendlichen umzugehen haben, sich mit diesem in so vielen Varianten vorkommenden Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom beschäftigen, kann in Verbindung mit der multimodalen Therapie (Verhaltenstherapie, pädagogische Maßnahmen, Pharmakatherapie) für die Betroffenen endlich eine Aufwärtsspirale entstehen, von der auch die Bezugspersonen profitieren.
Doch am Anfang steht erst einmal ein Verdacht - vielleicht zuerst auf Lehrerseite. Und dann? - Die oft schwierige Suche nach der richtigen (!) Diagnose. Nur mit ihr und mit einer offenen, engagierten und vertrauensvollen Kooperation zwischen Eltern, Therapeuten und Lehrkräften kann die Basis für den Schulerfolg vieler »Problemschüler« geschaffen werden.

aus »Schule heute« Nr. 5/2002,

Zeitschrift des Verbandes Bildung und Erziehung VBE-NRW

 

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