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Familie

Jedem Kind seine Chance

von Carola Dedert (ehemals Höll)

Seit gestern Abend denke ich darüber nach, wie ich mich fühle. Immer wieder horche ich in mich hinein und jedes Mal klingt es anders. Es wechselt zwischen leichtem oder auch stärkerem Ärger mit Kribbeln in der Magengegend über Zweifel, Befürchtungen, Traurig- und Ratlosigkeit, bis zu dem Bedürfnis, laut meinen m i r doch so klaren und logischen Standpunkt zu vertreten.

Einen Artikel möchte ich schreiben, aus eigenem Wunsch, zu dem ewig umkämpften Thema »Ritalin« oder »Medikation bei ADD« im Allgemeinen. Ein sehr emotionsbeladenes Thema, wohl wahr, da sollte ich doch schließlich wissen, was ich dabei fühle. Wie sonst kann ich überzeug(t)end wirken. Nun sitze ich also hier mit all meinen Gedanken und Gefühlen und weiß wieder einmal nicht (wer meinen ersten Artikel gelesen hat, erinnert sich vielleicht), wie beginnen.

Dabei habe ich guten Grund. Oder eigentlich zwei, seit gestern Abend. Den Wiederholungsförderausschuß für unseren Hypie-Junior David letzte Woche und das Manuskript eines Buches von einem amerikanischen Therapeuten für aufmerksamkeitsgestörte Kinder, das ich gestern in die Hände bekam. Sicher, beides steht nur als Synonym für eine endlose Reihe »Pro- und Contra-Argumente«.´Es gibt derer so viele, daß ich irgendwann aufgehört habe, mir über jedes einzelne Gedanken zu machen. Die Entscheidung nehmen sie dir eh nicht ab.

Wir haben unsere getroffen, das war 1996 im August. Da war David gerade 8 und seit ein paar Tagen Schüler der 2. Klasse. Tief aufgeatmet hatten wir, daß er an seiner Grundschule überhaupt dahin gekommen war. Nach nicht einmal 3 Wochen im ersten Schuljahr nämlich wurde ich von Davids Lehrerin dringend zum Elterngespräch gebeten. Mir war sofort klar, warum. Schon im Kindergarten war David aufgefallen, weil er »irgendwie anders« war. Natürlich hätte ich wissen müssen, daß ich mich auf Davids Aussagen zu meinen täglichen »Na, wie war es, erzähle mal!« nicht unbedingt verlassen kann. Aber ich tat es. Weil ich ihm glauben wollte, weil es mein innigster Wunsch war, daß er »alles verstanden hat und die Lehrerin nicht ein einziges Mal mahnen mußte«.

Diese jedoch zerstörte meine Hoffnungen ohne lange Umstände. Ziemlich direkt fragte sie, was mit David nicht »in Ordnung sei« und erzählte sprudelnd und offenbar froh, ihren Ärger endlich loszuwerden, was er so alles anstelle während des Unterrichtes (pfeifen, erzählen, lachen, zum Fenster laufen) anstatt zuzuhören.

Doch sie fragte mich auch, ob David »hyperaktiv« ist. Wie bitte? Was ist denn das? Sie erzählte, daß sie im vergangenen Jahr ein Mädchen in der Klasse hatte, das ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legte und eben dieses Mädchen war hyperaktiv. Die Lehrerin meines Sohnes erklärte mir daraufhin, zwar in groben Zügen aber immerhin so wesentlich, daß ich ohne Zweifel meinen Sohn erkannte, was Hyperaktivität bedeutet.

Von da an begann unsere Odyssee. Wir liefen, wie so viele Betroffenen, von Pontius bis Pilatus, bis endlich die Diagnose feststand. Aber mehr erst einmal auch nicht. Die Probleme in der Schule waren nicht gewichen. Im Gegenteil. David war mittlerweile zum Klassenkasper ernannt und lenkte nun oft einen Großteil der Klasse so sehr ab, daß er manchmal vom Unterricht ausgeschlossen wurde. Ein Förderausschuß wurde einberufen.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nach langer Suche Kontakt zum »AÜK« gefunden und dort fand man sich auch ohne Umstände bereit, uns bei dem Förderausschuß zu unterstützen.

Im Vorfeld hatte David schulpsychologische Untersuchungen durchlaufen und während des Unterrichtes hatten Experten hospitiert. Sie alle gaben ihr Urteil ab. In einer sogenannten »Beo«- oder »I«-Klasse ist David besser aufgehoben, dort hat man mehr Zeit, sich um die Besonderheiten eines jeden Kindes zu kümmern, wurde mir versichert. Mein Herz sank so wie mein Mut. War das wirklich der einzige Weg?

David ist doch so aufgeschlossen, so lernbegierig (auch wenn es ihm oft sooo schwerfällt) und so voller Ideen. Wird es denn in einer Klasse voller Kinder, die alle ähnliche Probleme haben, in der nach meiner Vorstellung der Unterricht und besonders die Pausen eher chaotisch verliefen, nicht noch um ein vielfaches schwerer für ihn? Guckt er sich denn dort nicht die unschönen Verhaltensarten, die ihm glücklicherweise fehlen, wie Aggressivität und Lügen, ab? Fehlt denn dort nicht die Vorbild- und Zugwirkung der stärkeren, ruhigeren Schüler, auf die David so sehr angewiesen ist. Er liebt Vorbilder.

Aber war es der Lehrerin zuzumuten, sich täglich über mehrere Stunden mit einem Verhalten auseinander zu setzen, daß selbst durch intensive Zuwendung nicht »besser« wurde?

Voll banger Erwartungen und innerlich zum Kampf gerüstet, erlebten wir einen interessanten und interessierten Austausch von Lehrerkollegium und »Hypie-Experten« vom AÜK, der schließlich mit dem Ergebnis endete, David in der Grundschule zu belassen. In enger Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule sollte hoffentlich ein Weg gefunden werden, der allen Beteiligten gerecht wurde.

Mit riesiger neuer Hoffnung stürzten wir uns an die Arbeit. David lernte, wenn seine Aufmerksamkeit dem Unterrichtsgeschehen oder den Übungen zu Hause galt, problemlos und schnell. Leider war das eher selten. Viel, viel öfter bekam er von den Dingen so weit vorn an der Tafel nur sehr wenig mit oder begriff einen Sachverhalt auch nach mehrmaliger Erklärung nicht. Unsere Hoffnung stieg und fiel mit seinen Ergebnissen und den Gesprächen mit der Lehrerin. Was uns den meisten Kummer machte, war das fast völlige Unvermögen Davids, seine Aufmerksamkeit, ja sein ganzes Verhalten zu koordinieren. Eine Eskalation der Situation drohte.

Noch immer auf der Suche nach gangbaren Wegen, von Spiel- und Verhaltenstherapien aus der Kindergartenzeit (man vermutete da, er sein ein »selbstunsicheres« Kind) sowie konsequenten Diäten nicht sehr überzeugt, erreichte auch uns beim Studium zahlreicher Fachlektüre schließlich die Nachricht, daß es da ein Mittel gibt, daß auf einen Schlag alle Probleme beseitigen soll. Ritalin.

Je mehr wir uns um detaillierte Informationen zu Ritalin bemühten, um so widersprüchlicher wurden die Aussagen. Wir beschäftigten uns lange mit dem Gedanken, ob Ritalin für David, für uns alle, die wir jede Faser des Symptoms mit ihm lebten, eine Alternative sein könnte. Wir haben uns wohl 100 x dafür und mindestens ebenso oft dagegen entschieden. Den Ausschlag gab sein behandelnder Arzt, ein Spezialist für »Hypies«, und der gnadenlose Zugzwang aufgrund der schulischen Situation.

An jenem besagten Tag im August schließlich stand David mit einigen seiner Klassenkameraden auf der Bühne seiner Schule und begrüßte mit einem bunten Programm die Lernanfänger, unter denen auch sein Bruder war. Er hatte kurz zuvor ½ Ritalin genommen. Es sollte ein Test sein. Klopfenden Herzens beobachtete ich ihn. Wie wirkt Ritalin, das bekanntlich bei ca. 1/3 aller Hypies gar nicht anschlägt, bei ihm?

Wir erlebten hier mit David einen Jungen, der mit wachen Augen und passenden Aktionen seinen Teil zum Gelingen des Programms beitrug. Wohl über sein plötzlich völlig verändertes Wahrnehmungsvermögen staunend, beobachtete er die Kinder um sich herum und das Publikum vor sich. Wenn er an die Reihe kam, wußte er, was zu tun war. Zwischendurch fiel nicht eines von seinen so typischen lauten, deplazierten Lachen, war da kein Hampeln und Blödeln. Als sein Blick zufällig den meinen traf und er mir kurz und dezent zulächelte, hätte ich weinen können vor Glück.

Ich konnte es nicht fassen. Sollte das wirklich wahr sein? War das mein Sohn? Wie stolz ich auf ihn war! Ich drehte mich im Schulsaal um, wollte die Gesichter der anderen Gäste sehen. Alle blickten wohlwollend auf die Bühne, kein einziger verwunderter, empörter oder geringschätziger Blick, wie ich sie so oft in Davids kurzem Leben erfahren hatte.

Kaum, daß er von der Bühne war, stürzte ich auf ihn zu. Fragte ihn aus. Er antwortete ruhig und überlegt. Ich war völlig aus dem Häuschen. Beobachtete ihn mit Argusaugen, ließ mir alle 10 Minuten Bericht erstatten über seine Befindlichkeit, seine Gedanken. Es wurde ein wahrhaft wundervoller Einschulungstag. Ohne die üblichen Zwischenfälle. Erst gegen Abend, mit abnehmender Wirkung, kamen die vertrauten Details zurück. Ich nahm es mit Erleichterung und gleichzeitiger Wehmut zur Kenntnis.

Die Nacht verbrachten wir über Diskussionen und dem Abwägen von Vor- und Nachteilen. Als wir am nächsten Morgen erwachten, waren wir uns einig. Wir wollten versuchen, durch die Gabe von Ritalin während der Schulstunden (und nur dann), in einer so gering wie möglichen Dosis, David eine Chance zu geben, den Weg zu gehen, um die Basis für sein späteres Leben zu schaffen.

Eine weitere Chance neben der gesunden, weitgehend naturbelassenen Ernährung (im Übrigen für alle Menschen günstig), die wir in seinem speziellen Fall nach wie vor als wichtig erachten, neben all der Unterstützung und Förderung aus seinem Familien- und Bekanntenkreis und der unermüdlichen Arbeit daran, seine Selbstreflexion zu optimieren.

Wir nutzen diese Chance heute seit fast 2 Jahren und der Wiederholungsförderausschuß in der letzten Woche hat mich ein weiteres Mal fast zu Tränen gerührt.

Von großem Glück, daß man David seinerzeit nicht in eine andere Schule »eingewiesen« hatte, war da die Rede. All die Experten und auch die Lehrerin Davids, sprachen heute mit lobenden Worten von ihm. Von seinem Lernwillen, seinen gewonnenen Fähigkeiten, dem Geschehen im Unterricht zu folgen und entsprechend zu handeln. Natürlich ist und bleibt er ein Hypie. Mit all dem, was dazugehört. Mit seiner zügellosen, kreativen Phantasie, seiner enormen Begeisterungsfähigkeit, seiner unkomplizierten, natürlichen, ehrlichen und gnadenlos gerechten Art, aber auch mit Tagen der Traurigkeit, des Mißerfolges, des Streites und der Zerrissenheit. Nur stellen diese Tage heute nur noch einen kleinen Teil seines Lebens dar. David ist ein fröhlicher, immer aktiver, hilfsbereiter und glücklicher Junge, der Freunde hat, seine Meinung vertritt und von sich überzeugt ist, klug zu sein.

Glücklicherweise stellen wir fest, daß Ritalin bei David keineswegs die Wirkung hat, seine Wesen zu manipulieren, ihn gefügig zu machen oder ruhig zu stellen. Die Wirkung hängt zu einem großen Teil von Davids Gesamtverfassung ab. Davon, wie offen und motiviert er den neuen Tag angeht, wieviel Lust und positive Erwartung aus erlebten Erfolgen ihn begleiten; erst möglich geworden, als der Teufelskreis durchbrach und David erlebte, daß er nicht ewig Verlierer ist.

Wir haben uns die Entscheidung Ritalin zu nutzen wahrhaft nicht leicht gemacht. Und es gibt auch heute immer wieder Momente, in denen ich Gewissensbisse habe und Schuldgefühle, wenn ich David morgens sein Glas reiche. Wenn er dann aber heimkommt, fast die Tür einrennt vor Freude, mir eine »1« zeigen zu können und mir seinen neuen Freund vorzustellen, dann weiß ich, daß es zum heutigen Zeitpunkt der richtige Weg ist.

Ich selbst bin auch hyperaktiv, habe jedoch nie Medikamente genommen. Ich bin irgendwie durch meine Schulzeit und mein bisheriges Leben gekommen und das sogar recht gut. Und genau hier liegt meines Erachtens der Schlüssel: Es gibt wohl kaum einen Weg, ein Mittel, eine Erkenntnis, die für alle Hypies gleichermaßen hilfreich ist. Denn jeder Hypie, so sehr sich ihre Hauptmerkmale gleichen, ist absolut individuell.

Was des einen Untergang, ist des anderen Rettung. Jeden Tag und in jedem Augenblick bleibt zu beobachten, wie die Entwicklung unserer Hypies verläuft und dementsprechend müssen wir uns neu orientieren.

Also tut es mir sehr weh, versetzt es mir einen regelrechten Stich, wenn ich Ansprachen um jeden Preis und ohne jede Diskussion gegen den Einsatz von Medikamenten erlebe. Wenn da die Rede ist von Kindern, die zu »Ja-Sagern« werden, weil immerzu beeinflußt, von Kindern, die Befehle ausführen, aber keine eigenen Gedanken entwickeln und Entscheidungen treffen, von Kindern, die unentschlossen und ohne Selbstwertgefühl durchs Leben gehen, die mit Ritalin die »Einstiegsdroge« konsumieren, packt mich die Wut. Oder eben auch die Angst, die Ratlosigkeit, dann zwickt mich mein Stolz.

Ich bin der Überzeugung, daß David erst echtes Selbstwertgefühl entwickelt hat, nachdem die ständigen Mißerfolge und Meidungen durch anderer Kinder aufhörten. Daß er gerade jetzt seine Meinung vertritt, auch den Kindern gegenüber, die früher immer zu denen gehörten, die so toll und unerreichbar waren, denen alles gelang.

Welche Kinder oder Jugendliche sind wohl eher gefährdet in Drogen, welcher Art auch immer, ihr Heil zu suchen? Die, denen es gelingt, ihr Leben (einigermaßen) zu ordnen, oder jene, denen so viel Schönes im Lebens ohne (und letzten Endes natürlich auch mit ) Drogen verschlossen bleibt ?

Und wer, bitte schön, möchte mir erzählen, daß er all das, was dem Kind in Schule und mit Gleichaltrigen an Demütigungen und Grausamkeiten widerfahren kann, wettmacht durch Ausgleich, welcher Art auch immer, in Familie und in Therapien? Ist die Situation nicht so extrem, kann es wohl gelingen. Doch dann gibt es wohl eher selten Bedarf an weiterer Regulierung. Dann steht auch das Thema »Medikamente?« nicht auf der Tagesordnung.

Und was tief in unseren Kindern geschieht, wenn sie von einer Schule auf die andere versetzt werden und schließlich vielleicht weit weg von zu Hause landen, bleibt ebenso fraglich wie die Auswirkungen aus Dutzenden, manchmal jahrelanger Therapien.

Alle unsere Kinder haben das Recht darauf, als Einmalig, sehr wertvoll und in jedem Fall schützens- und förderungswürdig betrachtet und behandelt zu werden. Und dazu gehört auch, jedem von ihnen eine ganz persönliche, gut abgewogene Fürsorge zukommen zu lassen.

So kommt es, daß mich ein wenig die Wut packt, wenn ich verfolge, wie ein Verein den anderen madig macht, nur weil der gerade eine andere Theorie vertritt. Wenn ich lese, wie sich die Autoren entsprechender Literatur dazu hinreißen lassen, ihre Erkenntnisse als die alleinig wahren zu demonstrieren.

Es geht hier um die Zukunft unserer Kinder, um unsere Zukunft ! Nicht um Politik. Nur zusammen sind wir stark. Jede noch so kleinen Erfahrung zählt, jeder Gedanke eines Hypies und seiner Förderer, ob groß oder klein. Wir sind (noch?) eine Minderheit in dieser leistungsorientierten, technisierten Welt.
Laßt uns zusammen unseren Weg gehen. Einen Weg der Toleranz, des Verständnisses und des Vertrauens .


Ganz deutlich möchte ich hervorheben, daß dies kein Plädoyer für Ritalin ist!
Meine Gedanken verstehen sich als Bitte zum Nachdenken: Jedem Kind seine Chance.

 

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