Ernährung

Fettsäuren – eine Therapiealternative bei ADHS? 

von K.-P. Grosse

Langkettige ungesättigte Fettsäuren (LCPUFA) sind bedeutsam für eine normale Hirnstruktur und –funktion. In mehreren aktuellen Übersichtsartikeln [1-4] wurde die Beziehung zwischen neuropsychiatrischen Störungen und den LCPUFA dargestellt. Zu den LCPUFA gehören Omega-3-Fettsäuren (EPA = Eicosapentaensäure, DHA = Docosahexaensäure, als Vorstufe: ALA = Alpha-Linolensäure), aber auch Omega-6-Fettsäuren (AA = Arachidonsäure, DGLA = Dihomogammalinolensäure, als Vorstufe: LA = Linolsäure).

Seit etwa 20 Jahren wird vermutet, dass die LCPUFA auch bei ADHS beteiligt sind. 1987 berichteten Mitchell et al. [5] über signifikant niedrigere Serumwerte für DHA, DGLA und AA bei hyperaktiven Kindern. Stevens et al. [6] fanden, dass die Werte für AA, EPA und DHA im Plasma und in Erythrozyten von ADHS-Patienten signifikant niedriger waren als bei den Kontrollpersonen. Verminderte Werte für LCPUFA in Serum- und Erythrozyten wurden auch bei Erwachsenen mit ADHS gefunden [7]. Dies scheint nicht an einer geringeren Aufnahme von LCPUFA zu liegen, da kein Unterschied im Fettsäureanteil der Ernährung zwischen Kindern mit ADHS und gesunden Kindern festgestellt werden konnte [6]. Es gibt Hinweise, dass bei Kindern mit ADHS der Abbau der Omega-3-Fettsäuren gesteigert sein könnte [8].

Die Hypothese, dass eine Supplementation mit LCPUFA bei ADHS vorkommende Symptome bessern könnte, wurde in mehreren randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studien (Aman 1987 [9], Voigt 2001 [13], Richardson 2002 [14], Stevens 2003 [15], Hirayama 2004 [17]) bzw. doppelblinden, placebokontrollierten Crossover-Studien (Arnold 1989 [10], ergänzt 1994 [11] und 2000 [12], Richardson 2005 [17]) überprüft.

Leider lässt sich aus diesen Studien die Frage nach Stellenwert und Wertigkeit einer Fettsäure-Therapie bei ADHS nicht eindeutig beantworten, da die Untersuchungen sehr unterschiedlich durchgeführt wurden, zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen und Mängel aufweisen, die ihre Aussagekraft einschränken: Die Diagnosekriterien für ADHS bei der Patientenauswahl genügen nur in wenigen Studien den strengen Anforderungen nach DSM-IV [13, 17] bzw. DSM-III (mit Einschränkungen) bei den älteren Studien [9, 10]. Die zur Behandlung eingesetzten LCPUFA-Zusammensetzungen und Dosierungen waren jeweils verschieden. In zwei Studien [13, 15] wurde parallel mit Stimulanzien behandelt. Die kürzere Behandlungsdauer in einigen Studien [9, 10, 17] reichte möglicherweise nicht aus, um den Gehalt an Fettsäuren in neuronalen Membranen genügend zu erhöhen [13]. Die zur Beurteilung des Therapieerfolgs geprüften Parameter waren sehr unterschiedlich und teilweise so zahlreich, dass dadurch deren statistischer Aussagewert gemindert wird. Die Patientenzahlen waren durchwegs klein.

In den Studien von Voigt und von Hirayama mit nach DSM-IV – Kriterien gesicherter Diagnose zeigte sich keine Besserung der ADHS-Symptomatik unter Behandlung mit LCPUFA, wobei bei Hirayama mit den Omega-3-Fettsäuren DHA und EPA und bei Voigt nur mit DHA supplementiert wurde und dort alle Patienten „erfolgreich“ mit Stimulanzien (weiter) behandelt waren, die Behandlungsdauer bei Hirayama nur 2 Monate betrug. Bei Hirayama wird ein hoher Anteil von Komorbiditäten beschrieben (u.a. Asperger-Syndrom: 7 in der Kontrollgruppe, 2 in der Behandlungsgruppe). In den älteren Studien von Aman und von Arnold, bei denen mit den Omega-6-Fettsäuren LA und DGLA supplementiert wurde über jeweils nur 1 Monat, ergaben sich nur minimale Verbesserungen: bei Aufmerksamkeit im Elternurteil und Reaktionszeit (Aman), bei Hyperaktivität im Lehrerurteil mit Amphetamin > Nachtkerzenöl > Placebo (Arnold). Bei Stevens – ADHS-Diagnose nach Elternauskunft – fanden sich unter Behandlung mit den Omega-3-Fettsäuren DHA und EPA so wie den Omega-6-Fettsäuren AA und Gammalinolensäure plus Vit.E [Efalex] im Vergleich von Behandlungs- und Placebogruppe lediglich bei 2 von 16 untersuchten Parametern (Verhaltensprobleme im Elternurteil und Aufmerksamkeit im Lehrerurteil) signifikante Verbesserungen unter Supplementation.

Die besten Ergebnisse bezüglich einer Besserung von bei ADHS vorkommenden Symptomen unter Behandlung mit Fettsäuren werden in den Studien von Richardson berichtet. Zur Behandlung ausgewählt wurden Kinder mit Legasthenie in einer Spezialschule, bei denen nach Conners Parent Rating Scales die Scores für die ADHS – Kriterien nach DSM-IV über dem Bevölkerungsdurchschnitt lagen (2002) und Kinder mit Entwicklungsstörung der motorischen Koordination und dazu größtenteils auch Lese- und Sprachproblemen sowie ADHS-Symptomen nach Lehrerbeurteilung bei etwa einem Drittel der Kinder (2005). Behandelt wurde mit Omega-3-Fettsäuren (DHA, EPA; mit deutlich höherem Anteil von EPA in der Studie von 2005) und Omega-6-Fettsäuren (Gammalinolensäure, in der Studie von 2002 auch zusätzlich AA und Cis-linolsäure). In der Studie von 2002 waren im Elternurteil (Conners Parent Rating Scales, CPRS-L) die Scores für DSM Total und DSM Inattention signifikant niedriger in der Behandlungs- als in der Placebogruppe. In der Studie von 2005 zeigte sich im CTRS-L (Lehrerbeurteilung) ein hochsignifikanter Unterschied zwischen Behandlungs- und Placebogruppe mit signifikanter Verminderung des CTRS-L – Score um > 0,5 SD. Für das Ausmaß des Behandlungseffekts von LCPUFA berechneten Richardson et al. einen „effect size“ von 0,55 nach 3 Monaten und 0,70 nach 6 Monaten Behandlungsdauer. Zum Vergleich [18]: »effect size« von Methylphenidat: für Aufmerksamkeit, Ablenkbarkeit und Impulsivität 0,78, für Verhalten 0,81; für Atomoxetin: für die Kernsymptome von ADHS 0,71. Da nicht klar ist, wie viele der von Richardson behandelten Patienten mit ADHS-korrelierten Symptomen die Diagnosekriterien von ADHS erfüllten, lassen sich diese Ergebnisse nicht auf Patienten mit gesicherter ADHS-Diagnose übertragen.

Insgesamt ist aus den vorliegenden Studien keine Behandlungsempfehlung für LCPUFA bei ADHS abzuleiten. Sie geben lediglich Hinweise darauf, dass sich unter dieser Behandlung bei ADHS vorkommende Symptome bessern können. Es ist trotz vielfältiger theoretischer Wirkmöglichkeiten [1-4] nicht geklärt, wie LCPUFA auf ADHS-Symptome wirken. Über die »optimale« Zusammensetzung eines LCPUFA-Gemisches zur Behandlung wird noch diskutiert [17].

Weitere Studien wären nötig. Dabei sollte die Diagnose ADHS bei der Patientenauswahl entsprechend den aktuell geltenden Kriterien gesichert sein, die Heterogenität der Patienten bezüglich der verschiedenen ADHS-Subtypen und möglicher Komorbiditäten berücksichtigt werden, für die Überprüfung der Wirkung eine validierte Methode benutzt werden, ein Vergleich mit Methylphenidat/Atomoxetin und Placebo durchgeführt werden mit Ermittlung des jeweiligen »effect size«.

Derzeit ist die effektivste Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS auch weiterhin die medikamentöse Therapie mit Methylphenidat oder Atomoxetin. Durch Behandlungsversuche mit in ihrer therapeutischen Wertigkeit nicht abgesicherten alternativen Behandlungsmethoden, wie auch durch Behandlung mit Fettsäuren, geht wichtige Behandlungszeit verloren für eine effektive und belegbar risikoarme Therapie mit erwiesenermaßen wirksamen Medikamenten. Das erhöht das Risiko für schwer wiegende Folgeprobleme von ADHS – insbesondere bei Patienten mit hoher Auffälligkeit.


Eine ausführlichere Darstellung mit detaillierter Beschreibung der Studien und Literaturverzeichnis ist in »pädiatrische praxis«, Heft 68, Band 2 (Mai 2006) nachzulesen.

 

Neuere Studien:

Supplementation of polyunsaturated fatty acids, magnesium and zinc in children seeking medical advice for attention-deficit/hyperactivity problems - an observational cohort study
Michael Huss , Andreas Völp and Manuela Stauss-Grabo, Lipids in Health and Disease 2010, 9:105

 

Weitere Studien zu Fettsäuren und ADHS

 


 

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